Bürgernaher Präsident Was Deutschland von Obama lernen kann

Er macht sich selbst klein, um die Bürger groß zu machen: Barack Obama fliegt in ein Örtchen in Indiana, in einer Turnhalle stellt er sich den kritischen Bürgern - ohne Moderator, ohne falschen Stolz. So verändert er die politische Kultur. Hoffentlich nicht nur in Amerika.
Von Gabor Steingart

Das Schöne an der Globalisierung ist, dass wir weltweit einkaufen können, hieß es letzte Woche an dieser Stelle. Den Amerikanern wurde ein deutsches Produkt namens Stabilitätskultur empfohlen.

Hinzuzufügen wäre nun: Globalisierung funktioniert dann am besten, wenn Exporte und Importe halbwegs ausgeglichen sind, wenn jeder nimmt und auch gibt. Amerika hat da etwas im Programm, das für die Deutschen sehr interessant sein könnte: "Politik mit Volk", heißt das Konzept. Der demokratische Präsident Barack Obama hat es entwickelt und am Montag in einer Turnhalle vorgeführt. Es lässt sich in drei Punkten zusammenfassen.

Präsident Obama in Elkhart, Indiana: Ein Mächtiger ohne Uniform war da zu besichtigen, schön sah er aus

Präsident Obama in Elkhart, Indiana: Ein Mächtiger ohne Uniform war da zu besichtigen, schön sah er aus

Foto: AFP

1. Sei nahbar

Einer der letzten Stationen im Wahlkampf des Barack Obama war ein Städtchen namens Elkhart im US-Bundesstaat Indiana. Ein langweiliger Ort, flach die Landschaft, einfach die Menschen, die nächste Oper liegt Lichtjahre entfernt.

Als Obama vor sechs Monaten hier war, gab es keine weitere Auffälligkeit als diese monotone Unauffälligkeit. Selbst die Arbeitslosenzahl war gewöhnlich, knapp fünf Prozent.

Mittlerweile steckt Amerika in einer tiefen Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit in Elkhart hat sich verdreifacht. Da kam Obama zurück. Er verlegte das morgendliche CIA-Briefing im Weißen Haus, stieg in die mehrstöckige Air Force One und zwei Stunden später stand er wieder in der Turnhalle von Elkhart.

Er hatte noch kein Wort gesagt, da lautete seine Botschaft: Ich bin aufgestiegen, habe aber nicht abgehoben. Ich bin weit weg, aber schnell da. Er habe im Wahlkampf versprochen zu helfen, wenn es nötig sei. "Deshalb bin ich jetzt wieder hier."

Natürlich war das Symbolik. Aber eine Symbolik, die den Menschen und dem politischen System gut bekam.

2. Rede einfach und rede selbst

Obama wurde kurz vorgestellt, von einem älteren Mann namens Ed Neufeldt. Den Arbeitsplatz hatte man ihm gerade genommen, aber Obama gewährte ihm die Ehre der Vorrede. Der Mann glühte vor Glück.

Weitere Begrüßungs- und Dankesworte gab es nicht. Es fehlte sogar ein Moderator für die Fragestunde, was daran lag, dass Obama alles selbst in die Hand nahm. Kein Senator und kein Regierungssprecher sollten den ohnehin beträchtlichen Abstand zwischen Volk und Volksvertreter weiter vergrößern.

Obama arbeitete an der Verkleinerung des Grabens. Auch deswegen war er gekommen. Er verließ das Rednerpult, nahm das bewegliche Mikrofon in die Hand, stellte einen Brüller ruhig ("Wir sollten nicht miteinander schreien"), erklärte dann die Regeln ("Hier ist mein Vorschlag für unseren Fragenteil") und suchte sich selbst die Frager aus ("Ja, Sie sind dran, der Mann mit Schlips").

Wer es mit Russlands Putin und den Mullahs in Teheran aufnehmen will, sollte auch mit Lieschen Müller klar kommen. Er kam klar. Ein Mächtiger ohne Uniform war da zu besichtigen. Schön sah er aus.

3. Lerne Deine Kritiker zu lieben

Wenn sich oben und unten begegnen, sind die Fragesteller oft handverlesen. Die Mächtigen hassen es, überrascht zu werden. Gegen Kritik sind sie allergisch. Obama dagegen ermunterte zur Kritik und bekam sie prompt.

Die Stimme der Unzufriedenen gehörte einer jungen Frau. Laura hieß sie. Er habe als Präsidentschaftskandidat Veränderung versprochen, aber kaum im Amt nominiere er Minister, die ihre Steuern nicht bezahlt hätten, sagte sie.

Ihre Frage laute daher: Herr Obama, wie kann ich Ihnen künftig vertrauen? Die Obama-Anhänger in der Halle begannen zu murren. Der Präsident aber bat um Stille. "That's ok!", sagte er. Das sei eine sehr berechtige Frage, "a fair question". Man sah, wie sein Kopf arbeitete, bevor das Mundwerk sich in Bewegung setzte.

Zwei Antworten überreicht der Präsident der jungen Frau schließlich. Zum ersten, sagte er, bekomme er kein Kabinett zusammen, wenn er nur Leute berufe, die absolut fehlerfrei seien. Er selbst sei es auch nicht. Zweitens müsse er in diesem Fall leider zugeben: "Ich habe einen Fehler gemacht." Es dürfe nicht sein, dass es zwei Spielregeln im Lande gebe, eine für das Volk und eine für die Politiker. Deshalb wiederholte er noch mal: "Ich habe einen Fehler gemacht." So klar hat man das selten gehört.

Er machte sich klein, um die Bürger von Elkhart groß zu machen. Er hat sie nicht geheilt von den amerikanischen Gegenwartsgebrechen wie Armutsangst und Arbeitslosigkeit. Aber er hatte sie getröstet.

Sie ihn wahrscheinlich auch. Abends im East Room seines Weißen Hauses, als er rund 200 Journalisten zur ersten Zwischenbilanz seiner noch jungen Präsidentschaft geladen hat, beruft er sich immer wieder auf sie – auf die einfachen Menschen, "the people". Mehr als zwei Dutzend Mal spricht er von ihnen. Sie sind derzeit seine stärksten Verbündeten. Er macht sie groß, auch damit sie ihn stark machen. Politik mit Volk ist nicht nur schön, sondern auch klug.

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