Bürokratie-Dschungel in Brasilien Einen Telefonanschluss mit Wohnung, bitte!

Brasiliens Ämter trauen dem Volk nicht, und die Bürger misstrauen der Regierung. Mit großer Phantasie wehren sich Überlebenskünstler gegen die Bürokratisierung ihres Alltags. Wer als Einwanderer durchkommen will, muss bei ihnen in die Lehre gehen - und tricksen lernen.

Von , Rio de Janeiro


Sechs Brötchen, ein Glas Marmelade und ein Päckchen Milch liegen auf dem Laufband im Supermarkt. Mist, jetzt habe ich meine Kundenkarte für die Sonderangebote vergessen. "Kein Problem", sagt die Dame an der Kasse, "wie ist denn Ihre Steuernummer?" Ich spule die elfstellige Zahlenkombination herunter, ich kann sie inzwischen auswendig. Mein Name und die Adresse blinken auf dem Kassenschirm auf, die Verkäuferin strahlt, der Kunde ist zufrieden, die Brötchen werden etwas billiger, und das Finanzamt weiß jetzt vermutlich, was ich soeben fürs Frühstück eingekauft habe.

Bei der Geburt erhält jeder Brasilianer zwei Gaben als Mitgift: ein Trikot des Lieblingsfußballvereins seines Vaters und die Steuernummer vom Finanzamt, genannt CPF, "Cadastro de Pessoa Física". Ohne CPF geht gar nichts: Man kann kein Konto eröffnen, keinen Kühlschrank kaufen, keinen Personalausweis verlängern, keine Reise buchen, bekommt keine Quittung im Zeitungskiosk und keine vergünstigten Kinokarten. Die CPF begleitet den Brasilianer (und in Brasilien lebenden Ausländer) bis ans Lebensende.

Dem CPF-Wahn liegen zwei Annahmen zugrunde:

  • 1. Die Bürger betrügen den Staat, wo sie nur können.
  • 2. Der Staat kassiert bei den Bürgern ab, wo immer er ihrer habhaft wird.

Kaum ein anderes Land besitzt ein so kompliziertes Geflecht an Steuern und Abgaben, das Ausmaß der Steuerhinterziehung ist immens. Die Folge: Der Staat erfindet immer neue Gesetze, Regeln und Register, um seinen Bürgern auch den letzten Real aus der Tasche zu ziehen. Gleichzeitig denken sich die Bürger immer neue Tricks aus, um das zu vermeiden. So ist einst das berüchtigte brasilianische "Jeitinho" entstanden, das phantasievolle und nicht immer legale Austricksen der allgegenwärtigen Bürokratie. Ein ganzer Berufsstand, die "Despachanten", lebt davon, dass er dem Bürger Gehör beim Souverän verschafft. Diesen Service lassen sie sich fürstlich bezahlen, schließlich dient ein Teil ihres Honorars dazu, den steinigen Weg durch die Amtsstuben zu ebnen. Auf Regierungsebene nennt sich dieses Verfahren "Tráfico de Influencia", das "Handeln mit Einfluss".

Ohne Cartório geht gar nichts

Die meisten Brasilianer sind überzeugt, dass sie sich im Leben nur auf eine Institution verlassen können: die Familie. Die eigenen vier Wände sind eine feste Burg, vor der Haustür beginnt Sodom und Gomorrha. Im Geschäftsalltag herrscht das Prinzip Misstrauen: Es reicht nicht, wenn man mit fester Hand den Kaufvertrag für ein Auto unterzeichnet und das Geld auf den Tisch legt, die Unterschrift muss zusätzlich in einem "Cartório" hinterlegt sein, einer Art Notariat. Dort wird man auch verheiratet und geschieden.

Jüngst wollte der 17-jährige Sohn eines Freundes für eine Judomeisterschaft allein von Rio nach São Paulo reisen. Die Eltern führen eine glückliche Ehe, es gibt keine Probleme mit Unterhaltszahlungen oder Kindsentführungen, der Junge hat einen Personalausweis, einen Reisepass und natürlich eine CPF. Das reicht bei Minderjährigen aber nicht aus: Die Eltern mussten beim Jugendrichter im Cartório hinterlegte Unterschriften vorweisen. Erst danach durfte der Jugendliche allein ins 400 Kilometer entfernte São Paulo fahren.

Cartórios sind leicht zu finden: In ihrer Umgebung häufen sich die Copy-Shops. Das Wort Xerox ist in den brasilianischen Wortschatz eingegangen und kann sogar konjugiert werden. Vor den Cartórios stehen meistens Dutzende Menschen mit dicken Papierbündeln unterm Arm Schlange. Seine Unterschrift hinterlegt man in einem dicken Buch, das aussieht wie früher die deutschen Schulkladden. Dort wird es bis in alle Ewigkeit verwahrt. Wenn man ein Auto kaufen möchte, zahlt man eine Gebühr und bekommt einen Zettel, der besagt, dass diese Unterschrift existiert und hinterlegt ist. Ein Cartório zu betreiben, ist ein einträgliches Geschäft: Jeder braucht es irgendwann einmal. Die Tradition stammt angeblich aus Portugal.

Regierungsamtliches Raubrittertum

Die ehemalige Kolonialmacht ist auch verantwortlich für eine weitere brasilianische Spezialität, den Foro. Einmal im Jahr muss ich einen Obolus an die brasilianische Kriegsmarine abführen, weil ich in der Nähe des Strands wohne. Diese ziemlich unverschämte Form des Geldeintreibens ist ein Relikt aus der Kaiserzeit. Der eine oder andere Abgeordnete unternimmt immer mal wieder einen Vorstoß, das regierungsamtliche Raubrittertum abzuschaffen, bislang ohne Erfolg. Was der Staat einmal hat, gibt er nie wieder her.

Brasilien ist ein Land des Überflusses, alles gedeiht in tropischer Üppigkeit. Das gilt auch für die Verfassung: Die ist von 1988 und fast so dick wie ein Telefonbuch. Nach den bleiernen Jahren der Militärdiktatur wollten sich die Brasilianer etwas Gutes tun und verabschiedeten eine besonders ausführliche Carta Magna. Da steht unter anderem drin, dass Armut verboten ist, wie Sportvereine organisiert sein müssen, wie hoch die Zinsen der Zentralbank sein dürfen und dass jeder Brasilianer das Recht auf eine würdige Unterkunft hat. Viele Gesetze sind Wunschdenken, sie stehen nur auf dem Papier.

So ist es zum Beispiel mit den Verkehrsregeln: Wenn sich die Mehrheit der Autofahrer nur lange genug weigert, das Handyverbot am Steuer zu befolgen, wird das Gesetz irgendwann wertlos. Man schafft es deshalb nicht unbedingt ab, es wird einfach ignoriert und stillschweigend zu Grabe getragen, nicht einmal die Polizei hält sich daran. "A lei nao pegou", sagt man dann: Das Gesetz hat es leider nicht geschafft, umgesetzt zu werden.

Bürokratischer Irrsinn

Der bürokratische Irrsinn will so gar nicht zu dem Image des tropischen, lebensfrohen Brasilien passen, doch die Regelwut lässt sich historisch erklären: Bis vor 15 Jahren war Brasilien eine Art Sowjetunion unter Palmen. Die Regierung meinte, sie sei für alle Lebensaspekte ihrer Bürger zuständig. Der Markt war gegen Importe abgeschottet, die nationale Industrie schaffte es jedoch nicht, die Nachfrage zu bedienen.

Das fing bei der Wohnungssuche an:

"Ich hätte gern eine Wohnung mit Telefonanschluss", sagte ich zur Maklerin, als ich 1991 nach Brasilien übersiedelte.
"Falscher Ansatz", antwortete sie, "du willst einen Telefonanschluss mit Wohnung."

Es gab damals nur eine Telefongesellschaft, und die war staatlich. Sie schaffte es nicht, alle Antragsteller mit Telefonleitungen zu versorgen, also blühte der Schwarzmarkt. Der Preis eines Apartments wurde nicht etwa vom Blick auf den Zuckerhut bestimmt, sondern von dem mausgrauen Telefon im Wohnzimmer. Am Wochenende waren die Tageszeitungen voll mit Verkaufsanzeigen für Telefonnummern, die Preise richteten sich nach dem Stadtviertel. Ich habe schließlich 3500 Dollar für meine Nummer bezahlt, das galt als Schnäppchen. Der Deal war natürlich illegal, aber jeder hat das so gemacht. Die Überschreibung erfolgte unter konspirativen Bedingungen in einem Café nahe dem Büro der Telefongesellschaft. Die Nummer habe ich bis heute, allerdings ist sie nichts mehr wert: Ende der neunziger Jahre wurde die Telefongesellschaft privatisiert, heute wird man mit Angeboten für Anschlüsse überflutet.

Mein Vorgänger hatte seinen Laptop an den brasilianischen Zoll verloren. Die Regierung wollte eine eigene Informatikindustrie aufbauen, deshalb belegte sie importierte Geräte mit hohen Schutzzöllen. Um das Notebook auszulösen, hätte mein Vorgänger den doppelten Anschaffungspreis bezahlen müssen, da überließ er das Ding lieber dem brasilianischen Staat.

Ich hatte mehr Glück, es gelang mir, meinen Laptop einzuschmuggeln. Bei der nächsten Ausreise habe ich ihn zusammen mit Fotoapparat und Aufnahmegerät beim Zoll registrieren lassen, auf diese Weise wurden die Geräte legalisiert. Das Protokoll mit der Seriennummer musste ich bei jeder Einreise vorzeigen. Wenn ich mir aus Deutschland ein neues Gerät mitbrachte, wurde die Einreise allerdings jedes Mal erneut zum Nervenkitzel. Erst vor wenigen Monaten hat der Zoll vor der Lobby der Geschäftsreisenden kapituliert und die vorübergehende Einfuhr eines (wohlgemerkt: eines!) tragbaren Computers erlaubt.

Die Kehrseite der Effizienz

Heute gibt es vier oder fünf private Telefongesellschaften, die einen mit Angeboten für Handys und Festnetznummern bombardieren, auch die Bürokratie funktioniert weitaus besser als früher. Meinen brasilianischen Führerschein habe ich innerhalb von drei Tagen verlängert, die Steuererklärung mache ich im Internet, meine brasilianische Bank ist schneller und effizienter als die deutsche. Neulich war ich auf meiner deutschen Bank in Hamburg, um Geld in die Schweiz zu überweisen:

"Wenn Sie das nicht übers Internet machen, dauert es mindestens drei bis vier Tage", sagte mir die Dame hinterm Schalter. "Heute ist Freitag, da geschieht überhaupt nichts mehr. Am Montag leiten wir Ihren Auftrag weiter, am Dienstag sieht sich die zuständige Dame in der Zentrale das an, am Mittwoch wird sie ihn bearbeiten, am Donnerstag ist das Geld in der Schweiz. Aber garantieren kann ich das nicht."

Meine brasilianische Bank erledigt Überweisungen am selben Tag. Nur bei größeren Summen dauert es länger, da will die Bank noch rasch am Tageszins mitverdienen. Das ist die Kehrseite der Effizienz: Ich wundere mich immer wieder, wie das Geld auf meinem brasilianischen Konto stetig schmilzt, auch ohne etwas abzuheben. Wenn es ums Abkassieren geht, sind die brasilianischen Geldinstitute sehr kreativ: Als ich einmal eine Jahreszusammenfassung meines Kontostands brauchte, sagte der Filialleiter: "Können Sie haben, aber nur wenn Sie eine Lebensversicherung bei uns abschließen."

Da kann meine deutsche Bank noch was lernen.

Jens Glüsing, 50, ist seit 1991 Korrespondent des SPIEGEL für Lateinamerika mit Sitz in Rio de Janeiro.



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online_reader 16.08.2011
1. Deutsches Steuerrecht
Wenn in Deutschland Debatten ums Steuerrecht stattfinden , heißt es immer Deutschland hätte das komplizierteste Steuerrecht der Welt.Scheint wohl doch nicht zu stimmen.
matthias_b. 16.08.2011
2.
---Zitat--- Jens Glüsing, 50, ist seit 1991 Korrespondent des SPIEGEL für Lateinamerika mit Sitz in Rio de Janeiro. ---Zitatende--- Ich hoffe, Sie bezahlen ihm ausreichend Schmerzensgeld :)
Meinungsmarktbeiträger 16.08.2011
3. Hier wie dort das Gleiche ...
Zitat von sysopBrasiliens Ämter trauen*dem Volk nicht, und die Bürger*misstrauen der Regierung. Mit großer Phantasie wehren sich Überlebenskünstler gegen die*Bürokratisierung ihres Alltags. Wer als Einwanderer durchkommen will, muss bei ihnen in die Lehre gehen - und tricksen lernen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775098,00.html
Der Satz passt doch auch zu Deutschland. Vielleicht sind sich deswegen Deutsche und Brasilianer so sympatisch?
blowup 16.08.2011
4. Krebs
Sehr interessanter Bericht. Mit der Bürokratie ist das schon so eine Sache (auch bei uns). Ich vergleiche sie gerne mit einem (eigentlich nützlichen) Organ im Körper des Staates. Das wird häufig vom Krebs befallen, entartet und fängt an zu Wuchern auf Kosten des gesamten Organismus. Diese Gefahr ist überall auf der Welt gegeben. Und wie beim Krebs bemerkt man das Wachsen kaum, bis der ganze Organismus in seiner Vitalität gebremst ist. Eine Gesetz hier, eine neue Verordnung da, eine kleine Richtlinie oder eine neue Verschärfung hier. Deutschland ist da gar nicht so weit von Brasilien entfernt und man hat das Gefühl, der EU-Wahnsinn geht gerade erst richtig los.
Castellanos, 16.08.2011
5. Bürokratiedschungel in Brasilien
Zitat von blowupSehr interessanter Bericht. Mit der Bürokratie ist das schon so eine Sache (auch bei uns). Ich vergleiche sie gerne mit einem (eigentlich nützlichen) Organ im Körper des Staates. Das wird häufig vom Krebs befallen, entartet und fängt an zu Wuchern auf Kosten des gesamten Organismus. Diese Gefahr ist überall auf der Welt gegeben. Und wie beim Krebs bemerkt man das Wachsen kaum, bis der ganze Organismus in seiner Vitalität gebremst ist. Eine Gesetz hier, eine neue Verordnung da, eine kleine Richtlinie oder eine neue Verschärfung hier. Deutschland ist da gar nicht so weit von Brasilien entfernt und man hat das Gefühl, der EU-Wahnsinn geht gerade erst richtig los.
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