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Streit über Zuwanderung: Ärzteschwund in Bulgarien

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Streit über Zuwanderung Ost-Europa droht Exodus der Ärzte

Die CSU macht Stimmung gegen Zuwanderer und offene Grenzen. Sie verschweigt dabei: Aus Bulgarien und Rumänien kommen Facharbeiter und hochqualifizierte Akademiker, darunter viele Ärzte. Sie fliehen aus einem maroden Gesundheitssystem, das nun vollends auszubluten droht.

Der Mann, auf den mittlerweile zwei Dutzend Patienten warten, zerdrückt seine "Marlboro Light" im Aschenbecher, es ist die vierte in dieser Stunde; dann stemmt er sich aus dem schwarzen Ledersofa. Ja, es ist viel Arbeit, vor allem nach den Feiertagen; gestern hat seine Sprechstundenhilfe 120 Namen notiert, heute werden es kaum weniger.

In Europa sind zum Jahresbeginn die letzten Hürden für Arbeitnehmer aus Bulgarien und Rumänien gefallen, in Wildbad Kreuth schimpfen CSU-Politiker auf "Armutsmigranten", in Großbritannien warten Kamerateams an den Flughäfen auf Billiglöhner - und in Berlin beginnt für den bulgarischen Arzt Kapriel Kapreljan ein neuer, sehr normaler Arbeitstag. "Die Leute kommen doch nicht erst seit dem 1. Januar nach Deutschland", sagt er, "und Probleme mit der Integration gab es auch vorher schon". Er zieht den weißen Kittel straff, den er über Rollkragenpullover und Jeans trägt; in der Gürteltasche ein iPhone 4, an den Füßen spitze Lederstiefel.

Kapreljan, 53, kennt die Nöte seiner Landsleute, und er kennt die Angst der Deutschen. Er gehört zu jenen Zuwanderern, die in Statistiken in der Spalte "Hochqualifiziert" landen und die in Debatten mit Provokationen wie "Wer betrügt, der fliegt" schnell vergessen werden.

Er weiß, dass auf deutschen Baustellen auch Schwarzarbeiter aus Bulgarien ackern, in Berliner Hotels scheinselbständige Zimmermädchen aus Sofia putzen, in Duisburger Einkaufsstraßen arme Teufel aus Roma-Dörfern betteln. "Aber das wird jetzt nicht schlimmer, sondern eher besser, wenn jeder legal hier arbeiten darf", sagt Kapreljan. Sorgen macht ihm eher, was aus seinem Geburtsland wird: In Bulgarien fehlen massenhaft Ärzte. Und in Rumänien muss - statistisch - ein einzelner Arzt mehr Patienten versorgen als irgendwo sonst in Europa. Den Gesundheitssystemen droht der Kollaps. Es herrschen vielerorts Korruption, Missmanagement, Vetternwirtschaft.

Es wandern die jungen, motivierten Ärzte aus

Kapreljan hat nach Studium und Facharztausbildung seine Praxis in Ost-Berlin aufgebaut und sich ein bisschen Wohlstand erarbeitet: Haus, Mercedes-Geländewagen, regelmäßiger Urlaub mit der Frau und den zwei Töchtern. Vor wenigen Monaten feierte er das zwanzigste Jubiläum seiner Niederlassung. Nebenbei hat er mit Freunden einen deutsch-bulgarischen Verein gegründet, der Trainingsanzüge und Wintermäntel an Schulen und Waisenhäuser in die alte Heimat schickt und der Zuwanderern hilft mit dem Papierkram.

Natürlich bleiben auch Mediziner im Land, so wie Kapreljans jüngerer Bruder Ara. Er hat nach dem Studium in Varna am Schwarzen Meer Karriere gemacht, ist zum Klinikchef aufgestiegen und zum Neurologie-Professor. Doch viele Ärzte sind geradezu geflüchtet in den letzten Jahren - und besonders gern gehen junge, motivierte Uni-Absolventen. Sie haben oft eines der vielen deutsch- oder englischsprachigen Gymnasien besucht, zielstrebig studiert, Auslandssemester in Wien, Prag oder Bratislava verbracht und sich vorbereitet auf den internationalen Arbeitsmarkt.

In Deutschland verdienen sie während der Facharztausbildung schon Geld, in Bulgarien müssen sie dafür oft bezahlen. "Viele Alte, viele Studenten, aber dazwischen gibt es kaum jemanden", sagt Kapreljan.

Ganz neu ist das Phänomen des medizinischen "Brain Drains" nicht. Der belgische Wirtschaftswissenschaftler Frédéric Docquier hat es in einer Studie für Entwicklungsländer beschrieben : Demnach war die Abwanderung von Ärzten lange vor allem ein Problem einiger afrikanischer, asiatischer und südamerikanischer Staaten. Wie es in Osteuropa aussieht, dazu gibt es wenig verlässliche Zahlen. Die OECD konstatiert jedoch: "In den vergangenen zehn Jahren lagen Experten für Computertechnologie auf den vorderen Plätzen der Auswanderer aus Bulgarien, jetzt sind es Ärzte und gut ausgebildetes medizinisches Personal."

Laut bulgarischem Ärzteverband zogen 2012 erstmals mehr Ärzte ins Ausland als im selben Jahr eine Approbation bekamen. So zieht der Ärztemangel in reichen Ländern einen Ärzteschwund in ärmeren nach sich.

Weniger Geld, absurde Arbeitsbedingungen

Die angehende Kinderchirurgin Petia Moutaftchieva, 26, arbeitet an einer Klinik in Sofia und sagt, auch sie denke fast jeden Tag darüber nach auszuwandern. Fast die Hälfte ihres Abschlussjahrgangs sei schon weg. "Erstens gibt es mehr Geld und zweitens sind die Arbeitsbedingungen nicht so absurd wie hier." Sie habe gar keine großen Wünsche, aber es wäre schön, nicht ständig mit kaputten Geräten und in Behandlungszimmern arbeiten zu müssen, in denen die Farbe von den Wänden blättert. Noch toller wäre es, wenn bei Stellen eher die Qualifikation zählen würde und weniger der Verwandtschaftsgrad zu Funktionären.

Längst haben Vermittlungsagenturen ein Geschäftsmodell daraus gemacht, erzählt Dimo Kurktschiew, 55. Einst arbeitete er als Oberarzt in Hannover, vor zehn Jahren kehrte er zurück nach Sofia. Zu seinen Patienten zählen heute ausländische Geschäftsleute, Botschaftsmitarbeiter, all jene, die in Bulgarien nach deutschen Standards behandelt werden wollen und es sich leisten können. Jeder Wegzug eines Arztes sei "ein Verlust für unser Land", sagt er.

Was also tun? Aus Kurktschiews Sicht müsste dringend die Facharztausbildung nach deutschem Vorbild reformiert werden - und das Monopol der staatlichen Krankenversicherung fallen. Denn die arbeitet nicht nur aus seiner Sicht ineffektiv. Und sie deckt die Versorgung vieler Bulgaren nicht ab: Von rund 7,5 Millionen Einwohnern stehen zwei Millionen ohne Versicherungsschutz da, Tendenz steigend. "Eine große Bedrohung für das Krankenversicherungssystem", nennt es die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im bulgarischen Parlament. Für Patienten heißt das oft: Sie müssen selbst zahlen, meist ohne eine Rechnung zu bekommen.

Am größten Krankenhaus Bulgariens, der Pirogov-Unfallklinik mit mehr als tausend Betten im Zentrum Sofias, spricht man über solche Themen nicht gern. Die Frau für Öffentlichkeitsarbeit versteht sich als Öffentlichkeitsvermeiderin: "Wir reden nicht mit Journalisten." Doch ein junger Arzt aus der Anästhesie erzählt von unbesetzten Stellen, von Überstunden, bürokratischem Chaos.

In grauen Plastikschlappen schlurft er durch Gänge, in denen die Kacheln von den Wänden gefallen sind. Zwölf Stunden Nachtschicht hat er vor sich, dann ein bisschen Schlaf, dann Zwischenschicht an einer anderen Klinik, dann wieder Nachtschicht. Auf umgerechnet knapp 600 Euro kommt er so im Monat, manche Kollegen verdienen allerdings nur 350 Euro, der Durchschnittslohn bulgarischer Ärzte liegt bei etwa 500 Euro. In der Küstenstadt Varna zahlt eine Klinik laut "FAZ" mittlerweile das Doppelte , um möglichst viele Mediziner zu halten.

Warum dann der Sofioter Anästhesist nicht auswandert, wie so viele seiner Kollegen? "Irgendjemand muss ja bleiben", sagt er, "und sich um meine Eltern kümmern".

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