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09. August 2007, 16:06 Uhr

Bulgarische Krankenschwestern

Gaddafi-Sohn bestätigt Folter und Schauprozess

"Es wurde gefoltert": Erstmals gibt der Sohn von Libyens Staatschef Gaddafi zu, dass die kürzlich freigekommenen bulgarischen Krankenschwestern misshandelt und politisch missbraucht wurden. Er bestätigt, was die Frauen dem Regime vorwerfen: Stromschläge, Qualen und einen Schauprozess.

Dubai - "Es wurde mit Strom gefoltert ... es gab die Drohung, ihre Familien anzugreifen", sagte Saif al-Islam al-Gaddafi, Sohn von Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi in einem heute ausgestrahlten Interview des Senders al-Dschasira. Mit der Folter sollten die fünf bulgarischen Krankenschwestern und der palästinensischen Arzt zu dem Geständnis gezwungen werden, Hunderte Kinder mit dem HI-Virus infiziert zu haben.

Saif al-Islam al-Gaddafi: "Es war eine Tragödie, aber es geschah nicht absichtlich"
REUTERS

Saif al-Islam al-Gaddafi: "Es war eine Tragödie, aber es geschah nicht absichtlich"

Die Vorwürfe des palästinensischen Arztes gegen die libyschen Behörden seien aber übertrieben. Das seien "Lügen", sagte Gaddafi. Der palästinensische Arzt hatte im niederländischen Fernsehen gesagt, er sei unter Drogen gesetzt und mit Elektroschocks an Füßen und Genitalien gefoltert worden. Auch ei er gezwungen worden, eine Erklärung zu unterschreiben, wonach er in der Gefangenenschaft gut behandelt worden sei.

Gaddafi bestätigte auch, dass die Kinder bereits vor der Ankunft der fünf Krankenschwestern und des Arztes mit dem HI-Virus infiziert wurden - sprich, der gesamte Prozess eine Inszenierung war. Über die erkrankten Kinder sagte er: "Es gab Nachlässigkeit, es war ein Desaster, es war eine Tragödie, aber es geschah nicht absichtlich", sagte Saif al-Islam über die Erkrankungen.

Saif al-Islam al-Gaddafi ist der zweitälteste Sohn des libyschen Revolutionsführers und gilt als Intimus seines Vaters. Er ist Vorsitzender der Gaddafi-Stiftung und wird als möglicher Amtsnachfolger seines Vaters gehandelt.

Nur wenige Tage nach der Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern und des Arztes hatte der 35-Jährige dem US-Magazin "Newsweek" ein Interview zu dem Fall gegeben. Darin sagte Gaddafi, dass er und sein Vater einen guten Preis für die Gefangenen ausgehandelt hätten: "Erpressung? Vielleicht. Es war Erpressung, aber die Europäer haben uns auch erpresst. Es ist ein amoralisches Spiel", hatte Gaddafi gesagt und gleichzeitig die Foltervorwürfe als "übertrieben" bezeichnet.

Die fünf bulgarischen Krankenschwestern und der palästinensisch-bulgarische Arzt hatten bereits kurz nach ihrer Freilassung von Folter während ihrer Haft berichtet. "Wenn du an Füßen und Händen an einem Seil hängst, sie dir den Körper auseinanderreißen, dann (...) manchmal dachte ich, dass es besser wäre, zu sterben. Damit das ein Ende hat", hatte etwa die Krankenschwester Sneschana Dimitrowa gesagt. Mehrmals hätten ihre Peiniger versucht, Hunde der Polizeischule auf sie zu hetzen. Am stärksten sei der Arzt Aschraf Dschuma Hadschudsch gefoltert worden: "Aschraf war am schlimmsten dran", sagte Dimitrowa, "den haben sie neun Monate gefoltert, auch mit Strom." Die libysche Justiz hatte neun Polizisten und einen Arzt vom Foltervorwurf freigesprochen.

Die sechs Mediziner waren acht Jahre lang unter dem Vorwurf festgehalten worden, Hunderte libysche Kinder absichtlich mit HIV infiziert zu haben. Sie wurden zum Tode verurteilt, bevor die Strafe nach der Zahlung von 460 Millionen Dollar in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Am 24. Juli wurden sie nach Bulgarien überstellt und dort freigelassen. Sie hatten stets ihre Unschuld beteuert.

hen/Reuters/dpa/AP

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