Bundestagspräsident in China Thierses Geheimreise nach Tibet

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse besucht China - und klettert auf das Dach der Welt. An die große Glocke hängen will er seinen politisch heiklen Ausflug nach Lhasa nicht. Und die chinesische Regierung torpediert alle Versuche einer Berichterstattung. Protokoll einer gescheiterten Journalistenreise.

Von , Peking


Peking - Der SPD-Politiker Thierse besucht in diesen Tagen China. Am Wochenende war er in Shanghai, von heute bis Mittwoch weilt er in Lhasa, der Hauptstadt Tibets. Danach trifft er sich mit chinesischen Politikern in Peking. Thierse ist protokollarisch der zweithöchste Politiker der Bundesrepublik - hinter dem Präsidenten und vor dem Kanzler.

Die "Autonome Region" Tibet ist Chinas heikelste Region. 1951 wurde das "Dach der Welt" von Pekings Truppen annektiert. Seither streiten sich KP und der 1959 nach Indien geflüchtete Dalai Lama über das Schicksal Tibets.

Thierse und Tibet - eine politisch interessante Kombination. Aber seltsam: Der Abstecher des SPD-Politikers auf den Himalaja findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Journalisten aus Berlin, heißt es in der Botschaft in Peking, hat Thierse nicht im Tross.

Der Fall ist klar. Pekinger Korrespondenten sind gefordert. Was wird Thierse in Tibet tun? Wird er über Religionsfreiheit sprechen? Die Inhaftierung von Mönchen und Nonnen beklagen? Für eine Aussöhnung mit dem Dalai Lama werben? Um dies zu erleben, müssen Berichterstatter allerdings ein Hindernis überwinden: Tibet ist für ausländische Journalisten gesperrt. Selbst wenn sie als Touristen reisen wollen, brauchen sie eine Genehmigung.

Versuch einer Tibetreise:

  • Mittwochabend: Empfang bei einem hohen deutschen Diplomaten. Ein Thema ist, dass Thierse nach Tibet fährt. Der Journalist merkt auf. Muss man nicht nach Lhasa, um Öffentlichkeit herzustellen? Den deutschen Steuerzahler informieren, was einer seiner obersten Repräsentanten in Tibet tut? Es ist spät, aber vielleicht nicht zu spät.


  • Donnerstagmorgen: Anruf in der Pressestelle der Deutschen Botschaft. "Ich will Thierse nach Tibet begleiten. Können Sie mir helfen?" Freundliche Diplomaten erklären: "Das müssen wir mit dem Bundestag klären."


  • Stadium eins: Verwirrung. Warum bedarf die journalistische Begleitung eines Berliner Politikers in China der Klärung auf der deutschen Seite?


  • Gleichzeitig Anruf beim Reisebüro: Es gibt Plätze in der Morgenmaschine Peking - Lhasa. Können wir eine Flugkarte reservieren? "Nein", lautet die Antwort: "Reservierung nur mit Reisegenehmigung der Behörden."


  • Freitagmorgen: Nachricht der Botschaft. Selbstverständlich habe der Bundestagspräsident nichts gegen die Anwesenheit von deutschen Journalisten. Ein ganzer Tag ist verloren.


  • Anruf im Außenministerium. Erlauben Sie mir, nach Tibet zu reisen wegen Thierse? "Thierse? Wer ist Thierse?" rätselt die Diplomatin am anderen Ende. "Ach so, Thierse!" Schnell gelangt sie zu klarer Erkenntnis: Zuständig ist nicht das Außenministerium, sondern der Nationale Volkskongress als Partner des Bundestages.


  • Anruf beim Nationalen Volkskongress (NVK), genauer, bei der Presseabteilung des Ständigen Ausschusses. Doch niemand hebt ab, das Faxgerät schaltet sich ein.


  • Schnell faxen wir einen schriftlichen Antrag - mit Stempel, um die Wichtigkeit des Anliegens zu betonen. Die zuständige Funktionärin meldet sich nicht. Es naht die Mittagspause.


  • Schließlich ist die Dame am Telefon. Fax erhalten, berichtet sie. Aber ein Journalist mit Thierse nach Tibet? Mit solch einem Anliegen, erklärt sie, habe sie noch nie etwas zu tun gehabt. Sie müsse ihre Vorgesetzten fragen.


  • Freitagnachmittag: Essen mit dem hessischen Justizminister, der bei Haiflischflossen-Suppe über seine Reise nach Shanghai und Peking plaudert. Er freut sich darüber, wie aufgeschlossen chinesische Funktionäre ihm begegneten. Unser Büro versucht derweil, im NVK die Presse-Funktionärin aufzutreiben. Sie bleibt verschwunden. Die Zeit drängt.


  • Die Botschaft nennt eine andere mögliche Kontaktperson: Doch die erklärt sich für nicht zuständig. Im NVK herrscht weiter Funkstille. Der Dienstschluss naht.


  • Kurz nach 17 Uhr: Rückruf vom NVK. Es sei nun zu spät, den Journalisten an die Reisegruppe anzuhängen, sagt die Dame freundlich. Ein Besuch Tibets sei deshalb leider nicht möglich. Der Korrespondent könne sich ja um eine normale Besuchsgenehmigung bemühen. Aber dafür sei es wohl auch zu spät.


  • Stadium zwei: Wut. Was würde eigentlich passieren, wenn die chinesischen Kollegen in Berlin nicht nach Frankfurt oder Stuttgart reisen dürften, um über einen Besuch ihres Parlamentspräsidenten zu berichten?


  • Inzwischen ist die Presseerklärung der Deutschen Botschaft zum Thierse-Besuch eingetroffen. Der Tibet-Ausflug ist nur beiläufig erwähnt: "...wird sich der Präsident des Deutschen Bundestages zu einem offiziellen Besuch in China (Shanghai, Tibet, Peking) aufhalten". Konkrete Programmpunkte in Shanghai und Tibet - nicht genannt.


  • Beigefügt die Pressemitteilung des Bundestages. Auch sie erwähnt den Abstecher nach Tibet nur beiläufig. Grund des Besuchs und Programm in Lhasa - nichts.


  • Stadium drei: Rätselraten. Vielleicht will Herr Thierse in Wirklichkeit gar keine Journalisten in seiner Nähe auf dem Dach der Welt? Vielleicht findet er den Abstecher nach Lhasa politisch so heikel, dass er Verschwiegenheit vorzieht? Oder erfüllt Thierse etwa eine Bedingung der Chinesen, die - als sie ihm den Reisewunsch nach Tibet erfüllten - auf Diskretion bestanden? Damit befände sich der Bundestagspräsident in der Gesellschaft des Kanzlers. Der wird in Peking für seine Kotaus sehr geschätzt.



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