Internationale Presseschau "Deutschland ist doch nicht so außergewöhnlich"

Die Bundesrepublik hat gewählt, und das Ausland kommentiert das Votum - mit Skepsis und Sorge. Grund ist der Einzug der AfD in das Parlament. Die internationalen Pressestimmen in der Übersicht.
Wahlergebnisse auf einem Bildschirm im CDU-Wahlzentrum

Wahlergebnisse auf einem Bildschirm im CDU-Wahlzentrum

Foto: BILAN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Die Deutschen haben gewählt: Im Bundestag werden in den nächsten vier Jahren mehr Parteien und mehr Parlamentarier sitzen - auch Vertreter der Alternative für Deutschland (AfD). Die politische Farbenlehre des Landes hat sich also stark verändert. Wie kommt das im Ausland an? Lesen Sie hier eine Übersicht der ersten internationalen Pressestimmen.

"Das starke Abschneiden der kleineren Parteien FDP und AfD erlaubt es der Wahlsiegerin Merkel nicht, einfach weiterzumachen wie bisher", schreibt die "Neue Zürcher Zeitung". "Die beiden neuen Parteien im Bundestag können die Kanzlerin von rechts unter Druck setzen und die Politik der nächsten Bundesregierung beeinflussen - als Regierungspartner oder von der Oppositionsbank aus."

Deutlicher wird der ebenfalls in Zürich erscheinende "Tages-Anzeiger". "Das ist in jeder Hinsicht eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Nie mehr seit deren Frühgeschichte saß eine rabiat nationalistische, islamfeindliche, in Teilen rassistische und rechtsradikale Partei im Parlament, schon gar nicht in dieser Größe. Der alte bundesrepublikanische Konsens, diese Kräfte aus dem politischen Diskurs auszuschließen, ist spektakulär zerbrochen", heißt es dort. Mit dem Zusatz: "Umgekehrt kann man sagen, dass er die politischen Verhältnisse lediglich 'normalisiert': Deutschland war das letzte Land Zentraleuropas ohne große rechte Protestpartei."

Merkel steht vor "komplexem Kuhhandel"

Auch "Der Standard" aus Wien hat die neue Partei im deutschen Parlament zum Thema. Dort heißt es: "Wenn man hört, was viele dieser AfD-Leute von sich geben, mit welcher Selbstverständlichkeit von 'ausmisten', von Ausgrenzung und von 'Schluss mit dem Schuldkult' die Rede ist, wird einem übel. Man darf niemals vergessen. Das alles passiert in jenem Land, von dem der Naziterror einst ausging. Nun sitzen diese Volksvertreter im Bundestag, dem Herzstück der Demokratie, und werden dort ihre Reden halten."

Die "Washington Post" kann dem Wählervotum indes auch Positives abgewinnen: "Vielleicht ist es eine nützliche Dosis Realismus: Wie sich herausstellt, ist Deutschland also doch nicht so außergewöhnlich." Dieser Umstand sei vielleicht gut für das Land, heißt es weiter. Denn Deutschland sei damit nicht länger ein "heiliger Sonderfall", die "moralische Überlegenheit" gegenüber den europäischen Nachbarn und den USA werde sich deshalb "rasch verringern".

Die "New York Times" zeigt sich in ihrem Leitartikel nicht überrascht vom guten Abschneiden der AfD und warnt vor den schweren Koalitionsverhandlungen, die auf die Kanzlerin zukommen werden. "Frau Merkel hat kaum eine andere Wahl, als eine Koalition mit den Grünen und den unternehmerfreundlichen Freien Demokraten anzustreben. Ein Zusammenschluss mit zwei solch unterschiedlichen Parteien wird manch einen komplexen Kuhhandel nötig machen, und das daraus resultierende Team könnte sich als instabil erweisen."

"Desaster, Debakel, Niederlage"

Die belgische Zeitung "De Standaard" blickt skeptisch auf das Erstarken der Liberalen unter der Führung von Christian Lindner: "Merkel muss eine Koalition schmieden mit der auferstandenen liberalen Partei, die von Europa ihre eigene strikte Lehrmeinung hat. Während ihrer letzten Regierungsbeteiligung - zu Zeiten der europäischen Hilfspakete für Griechenland - stimmte sie stets dagegen. Auch in diesem Wahlkampf war die FDP unverhohlen euroskeptisch."

Die liberale italienische Tageszeitung "Il Messaggero" blickt hingegen auf die von den Wählern abgestraften Sozialdemokraten. "Desaster, Debakel, Niederlage, Implosion: Das Vokabular, mit dem die Schlappe der SPD bei der Bundestagswahl in Deutschland erzählt werden kann, scheint vom preußischen Generalmajor und Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz zu stammen. Die sozialdemokratische Partei, die bis jetzt mit der Union von Angela Merkel in der Regierung war, hat tatsächlich ihre schlimmste Demütigung erlebt, indem sie noch ihren letzten Negativrekord übertroffen hat."

Zwar zeigt sich auch die spanische Zeitung El País besorgt über das Wahlergebnis. "Der Einzug der AfD mit fast einhundert Abgeordneten und als dritte politische Kraft des Landes in den Bundestag bestätigt die traurigen Zeiten, die die repräsentativen Demokratien in Europa und auch außerhalb des Kontinents durchmachen." Die Zeitung merkt aber auch an: "Von den Extremen abgesehen, entschied sich ein großer Teil der Deutschen für die Kontinuität. In einer Welt mit Trump, Erdogan und Kim Jong Un verkörpert Merkel für viele Bürger noch immer Stabilität."

dop/asa/dpa
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