Gefährdete Bundeswehr-Helfer Deutschland bietet 150 Afghanen Ausreise an

Nach dem Abzug der deutschen Soldaten fürchten viele Afghanen die Rache der Taliban: 150 einheimische Helfer der Bundeswehr bekommen jetzt eine Ausreise nach Deutschland angeboten. Einige Ortskräfte verließen spontan das Land - wegen akuter Gefahr.

Feldlager in Kunduz: Hier arbeiteten die meisten afghanischen Helfer
REUTERS

Feldlager in Kunduz: Hier arbeiteten die meisten afghanischen Helfer

Aus Masar-i-Scharif


Berlin - Die Bundesregierung hat überraschend vielen afghanischen Helfern der Bundeswehr in Afghanistan, die sich wegen einer befürchteten Gefährdung nach dem Abzug der Truppe gemeldet hatten, die Ausreise aus dem Krisenland angeboten. Insgesamt 150 Afghanen werde man in den kommenden Tagen einen Aufenthaltsstatus in Deutschland offerieren, sagte der Brigadegeneral Michael Vetter am Montag vor deutschen Journalisten im Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif. Vetter betonte, Deutschland verhalte sich mit dem Angebot durchaus großzügig und fair. Insgesamt werde mehr als der Hälfte der 242 Afghanen, die sich in den vergangenen Monaten besorgt gemeldet hatten, ein Ticket nach Deutschland angeboten.

Die Zusage stellt eine Kehrtwende in der sensiblen Frage dar, wie man mit den lokalen Mitarbeitern der Bundeswehr nach dem Abzug der Nato-Kampfeinheiten der Truppe bis Ende 2014 umgeht. Seit Monaten wurde das Thema zwischen den verschiedenen beteiligten Ministerien und auch in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert, für die Betroffenen aber passierte zunächst nicht viel. Vor allem die Dolmetscher der Truppe fürchten nach dem Abzug der Bundeswehr, die bis auf Masar-i-Scharif bereits alle Feldlager in Afghanistan geschlossen hat, dass sie nach dem Abzug für die Kooperation mit den Deutschen von Extremisten wie den Taliban bestraft werden könnten. Ebenso gelten die Helfer oft als reiche Leute und rechnen mit Überfällen auf ihre Familien.

Die deutsche Bürokratie hingegen bearbeitete das Thema ziemlich lange zurückhaltend. Zunächst wurde eine Gefährdung allgemein abgestritten. Später sperrte sich das für die Aufenthaltstitel zuständige Innenministerium gegen eine zu großzügige Vergabe von Ausreisegenehmigungen, da man einen Schneeballeffekt unter den afghanischen Mitarbeitern befürchtete.

Drei Gefährdungsszenarien für die afghanischen Helfer

Die afghanische Regierung protestierte zwischendurch sogar offiziell in Berlin gegen zu viele Visa für die Ortskräfte, da das gebeutelte Land gut ausgebildete Arbeitskräfte verliere. Die Bundeswehr betonte von Beginn an, dass man für die rund 1400 Afghanen, von denen allein rund 600 als Dolmetscher für die deutschen Soldaten im Einsatz waren, eine Verantwortung trage.

Folglich schleppte sich das Problem vor sich hin. Bei mindestens vier Afghanen, die von einer akuten Gefährdung berichteten, entschied man schnell und ermöglichte spontan eine Ausreise. Die Bundesregierung geriet jedoch immer mehr unter Druck, da - unter anderem auf SPIEGEL ONLINE - über Einzelfälle von gefährdeten Dolmetschern berichtet wurde und einige von ihnen sogar mit Klagen in Deutschland drohten.

Seit einigen Monaten tagt nun eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Bundeswehr, Außenamt, Innenressort und den Sicherheitsbehörden. Dort wurden Anträge von Afghanen gesammelt. Es wurde versucht, die mögliche Gefährdung der lokalen Mitarbeiter mit einem Kriterienkatalog in drei Stufen einzuordnen.

Sie arbeiteten fast all im Feldlager Kunduz

Fast alle Afghanen, denen nun eine Ausreise angeboten wird, arbeiteten in dem vor einigen Wochen geschlossenen Feldlager Kunduz mit den Deutschen zusammen. Brigadegeneral Vetter berichtete von 242 Antragstellern, von diesen seien 22 als akut gefährdet und 145 eine Kategorie darunter eingeordnet worden. Mit den 150 Ausreise-Zusagen können fast alle dieser Afghanen nun selbst entscheiden, ob sie nach Deutschland ausreisen wollen. Bei den 69 in einer dritten Kategorie erfassten Mitarbeiter kann man nach Einschätzung der Arbeitsgruppe eine Gefährdung ziemlich sicher ausschließen, viele von ihnen gestanden vor dem Gremium sogar ein, dass sie keine Anzeichen dafür hätten.

Wie viele der Afghanen sich nun tatsächlich für ein neues Leben in Deutschland entscheiden, wollte Vetter noch nicht abschätzen. "Einige wollen das Land vielleicht gar nicht verlassen", so der General, der selber in vielen der Einzelgespräche dabei war. Parallel zu der Offerte, die Heimat zu verlassen, hat die Bundeswehr mit der deutschen Entwicklungshilfeagentur GIZ Programme zur Weiterbildung aufgebaut, einigen Dolmetschern sind auch Jobs für andere ausländische Institutionen angeboten worden. Dies sei gut angenommen worden. "Am Ende liegt die Entscheidung bei den Afghanen selber", so Vetter, "mir war nur wichtig, dass wir unsere Leute nicht allein lassen, wenn wir gehen".

Zwei Monatsgehälter plus Prämie

Auch finanziell hat die Bundeswehr ihr Programm für die lokalen Helfer aufgestockt. Unabhängig von der Visa-Offerte habe man auch die Abfindungen für diejenigen erhöht, die seit der Schließung des Lagers in Kunduz nicht mehr für die Bundeswehr tätig sein werden. Zusätzlich zu zwei Monatsgehältern, im Fall eines Dolmetschers sind das etwa 1100 US-Dollar, will die Bundeswehr den Helfern noch eine Prämie zahlen, die sich an den Jahren der Tätigkeit orientiert. Diese werden aber auch diejenigen erhalten, die sich am Ende für eine Ausreise nach Deutschland entscheiden. "Ich denke, wir werden unserer Verantwortung damit gerecht", so Vetter, "das war auch vielen Soldaten hier wichtig, die über Jahre mit den Afghanen zusammen gearbeitet haben".

Abgeschlossen ist das Thema der gefährdeten Helfer aus Vetters Sicht mit dem jetzigen Angebot nicht. Umso mehr die Bundeswehr ihre Aktivitäten auch in Masar-i-Scharif reduziert, würden sich vielleicht noch mehr Helfer melden, die eine Gefährdung fürchten. Zumindest aber habe man nun ein eingespieltes System, das alle gerecht behandele, so der General.

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megamekerer 28.10.2013
1. Das Innenministerium!!!
Unser Problem ist und bleibt das Innenministerium. Das Innenministerium und besonderes Herr Friedrich meinte dass alles was Spähaktionen der USA waren sind nicht so schlimm, bis wir des besseren gelehrt wurden. Nun die afghanische Helfer sind auf unsere Hilfe angewiesen. Wir haben diese Helfer in Afghanistan benutzt und nun können wir sie nicht ihre Schicksal überlassen. Vor allem weil diese Helfer alle sehr gut Deutsch sprechen und durchaus sehr loyal zu Deutschland sind. Ich glaube dass wir mit Anwerbung diese afghanische Helfer besser bei der Versorgung unsere knappe Arbeitskräfte bedient sind als irgendwelche ungelernte aus Spanien oder Osteuropa zu uns schaffen die erst zu Deutschkurs müssen und dann unsere Bedingungen kritisieren und plötzlich bessere Job in Österreich oder die Schweiz finden. Unser Innenministerium sollte aufhören die rassistische Regeln zu befolgen und alle Migranten aus Afghanistan ausschließen. Unsere Regierung glaubt wenn sie die christliche blonde Migranten hierher schafft werden wir weniger überfremdet. Was unsere Regierung nicht weiß, wir sind überfremdet, überfremdet in unsere eigene Vorstellungen und Erwartungen. Viele von uns haben nach der Vereinigung geglaubt dass Deutschland eine steile Karriere bevorsteht da wir nun plötzlich um 17 Millionen Menschen gewachsen sind die alle Deutsch sprechen. Es war ein Irrtum, wir haben uns von unsere Ideale und Demokratische Entwicklung entfernt, Europa und unsere Verbundeten in Übersee misstrauen uns mehr den je. Wir sollten die Augen aufmachen und Menschen aufnehmen die mit uns kommunizieren, es ist egal ob die Schwarz oder weiß sind, solange sie mit uns Deutsch sprechen und mit uns die Probleme packen, sind sie ein Teil von uns.
d.r.n 28.10.2013
2. Löblich
Das sind erfreuliche Nachrichten. Ich muss sagen, ich bin sehr positiv überrascht, ein derartiges Verantwortungsgefühl in Sachen Flüchtlingsfragen hätte ich unserer derzeitigen Regierung nicht zugetraut. Es ist gut, dass Deutschland die Menschen, die die deutschen Soldaten in ihrem Einsatz unterstützt haben, nun der Gefahr entzieht und sie für ihren Einsatz sowohl mit einem möglichen Leben in Deutschland als auch finanziellen Mitteln belohnt. Die BRD hatte eine humane Verpflichtung diesen Menschen gegenüber und kommt ihr scheinbar nach. Jetzt geht es darum, dass diese Menschen in Deutschland schnellstmöglich und gut eingebürgert werden, und hier nicht allein gelassen werden - so sie denn kommen wollen!
aeronaut79 28.10.2013
3. optional
Das sind genau die Fachkräfte, die in ihrem Vaterland dringend gebraucht werden. Die waren nicht nur hochqualifiziert bevor sie für die Allierten gearbeitet haben, sondern sind jetzt noch viel wertvoller. Klar wird das unangenehm, aber weglaufen wird diesem Land nicht helfen. Treue Bürger sind nun gefragt.
Earendil77 28.10.2013
4.
Zitat von aeronaut79Das sind genau die Fachkräfte, die in ihrem Vaterland dringend gebraucht werden. Die waren nicht nur hochqualifiziert bevor sie für die Allierten gearbeitet haben, sondern sind jetzt noch viel wertvoller. Klar wird das unangenehm, aber weglaufen wird diesem Land nicht helfen. Treue Bürger sind nun gefragt.
Treue Bürger, die bereit sind, für ihr Vaterland zu sterben, wie? Vom sicheren deutschen Sofa aus kann man ja bequem diese Leute auffordern, in Lebensgefahr zurückzubleiben. Ermordet werden ist halt ein bisschen "unangenehm", aber für's Vaterland werden die doch dieses Opfer mal bringen können...
hokie 28.10.2013
5.
Zitat von aeronaut79Das sind genau die Fachkräfte, die in ihrem Vaterland dringend gebraucht werden. Die waren nicht nur hochqualifiziert bevor sie für die Allierten gearbeitet haben, sondern sind jetzt noch viel wertvoller. Klar wird das unangenehm, aber weglaufen wird diesem Land nicht helfen. Treue Bürger sind nun gefragt.
Sagen Sie das doch mal zu den hunderttausenden die jaehrlich ueber das Mittelmeer nach Nordeuropa wollen. Zu denen sagt auch keiner aus der gutmenschenfraktion das diese lieber ihr Land aufbauen sollten! Die afgh. Dolmetscher, guides und oertl. Kontaktpersonen haben bei ihren Einsaetzen zusammen mit deutschen Soldaten ihr Leib und Leben gefaehrdet! Weiterhin ist klar das diese Personen allein wegen ihrer Taetigkeit auf der Abschussliste der Taliban ganz oben stehen. Es liegt hier also eine tatsaechliche Gefaehrdung vor; diese mag ich bei den Wirtschaftsfluechtlingen aus Afrika so leider nicht erkennen ... Weiterhin haben diese wenigen hundert Menschen einen erheblichen Startvorteil; sie koennen Deutsch, sind idR sehr gut gebildet, mit den Sitten und Gebraeuchen der Deutschen vertraut und sie koennen als Vertreter eines moderaten & "aufgeklaerten" Islams in Deutschland eine Bruecke zw Christentum und Islam schlagen (einerseits den deutschen zeigen das nicht jeder Muslim per se boese ist, andererseits den Radikalen ein positives Vorbild fuer interkulturelles Zusammenleben und Integration geben ohne dabei seine Tradition zu verleugnen) ... Afghanistan als Staatskonstrukt ist ein westliches Wunschbild und als solches wohl nicht zu halten/retten , aber viele Afghanen sind es wert gerettet zu werden. Vor allem jene die jahrelang treue Dienste fuer die deutsche Bundesregierung geleistet haben!
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