Bundeswehr in Afghanistan Camp Kunduz nimmt Abschied von den Toten

Trauerappell bei der Bundeswehr in Afghanistan: Für einen Moment halten die Soldaten inne, dann werden die Särge der drei Gefallenen verladen. Entwicklungsminister Niebel nimmt sie im Regierungsairbus mit nach Deutschland. Viele in der Truppe kritisieren: Es mangelt an Unterstützung aus der Heimat.

Aus Kunduz berichtet


Der Wunsch "frohe Ostern" fällt kein einziges Mal an diesem Ostersonntag im Camp Kunduz der Bundeswehr. Nur der Militärgeistliche erinnert an den Feiertag, er reicht den Soldaten die Hand, lächelt verlegen, er sagt dann "gesegnete Ostern". Die Soldaten nicken, manche sagen nur "tja" oder gar nichts. Was sollen sie auch sagen? Seit zwei, drei Wochen sind sie erst in Afghanistan, mit dem 22. Isaf-Kontingent. Und schon wurde ihnen drastisch vor Augen geführt: Krieg bedeutet Tod. Auch in den eigenen Reihen.

Die drei am Karfreitag gefallenen Soldaten sollen am Morgen ausgeflogen werden, zunächst per Hubschrauber ins usbekische Termez, von dort weiter nach Deutschland. Um kurz nach 9 Uhr trifft Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) aus Masar-i-Scharif ein, wo er sich seit Karfreitag mit einem Tross Journalisten aus Berlin aufhält. Zunächst hatte er noch gesagt, er werde nicht nach Kunduz fliegen, die Soldaten hätten nach dem schweren Gefecht anderes zu tun, als sich um einen Minister zu kümmern.

Dann stellte sich heraus, dass die drei Särge erst in ein paar Tagen ausgeflogen werden könnten, wenn der Minister sie nicht im Regierungsairbus mitnimmt. Niebel fragt in die Runde seiner Begleiter, ob sie mit einem Abstecher nach Kunduz einverstanden seien. Die stimmen zu, Niebel entscheidet am Samstagabend, doch an der Trauerfeier teilzunehmen.

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Afghanistan: Gefechte in Kunduz
Bei den Soldaten in Kunduz kommt über eine Nachrichtenagentur nur die Information an, er werde die Gefallenen in "seinem" Airbus mitnehmen. Manche sind empört - will der sich etwa auf Kosten der getöteten Soldaten profilieren? Die Umstände werden erst später klar.

"Die schwersten Tage, die ich als Soldat erlebt habe"

Kurz nach 9 Uhr stellen sich die Soldaten zum Trauerappell auf einem staubigen Platz am Rande des Camps auf. Die Kompanie, zu der die Gefallenen gehörten, tritt als letztes an. Ihre Soldaten sind die einzigen, die ein schwarzes Band um den Arm tragen. Der Tod kam überraschend, trotz Vorbereitung auf den Einsatz: Niemand hatte den Trauerflor parat, so dass ein paar Männer am Samstag in die Innenstadt von Kunduz fuhren, um schwarzen Stoff zu kaufen. Im Camp wurden die Armbinden genäht.

Um 9.30 Uhr beginnt die Feier, zunächst stehen nur drei Kränze in der Mitte des Platzes, Niebel ist inzwischen eingetroffen, mit ihm außerdem der oberste deutsche Isaf-Soldat, General Frank Leidenberger, Chef des Regionalkommandos Nord mit Sitz in Afghanistan. Oberst Reinhardt Zudrop, Kommandeur des "Provincial Reconstruction Teams" (PRT) in Kunduz begrüßt die Soldaten, er erklärt, diese Tage seien "die schwersten, die ich je bisher als Soldat erlebt habe".

Dann schildert er den Zuhörern in wenigen Sätzen, was sich am Karfreitagmittag bis in die Abendstunden ereignet habe: Die Soldaten seien in ein Gefecht geraten, bei dem drei Soldaten so schwer verletzt wurden, dass sie trotz Rettungsmaßnahmen nicht gerettet werden konnten. Es seien außerdem insgesamt acht Soldaten verletzt worden, davon fünf schwer.

Die drei Gefallenen waren Fallschirmjäger

Zum genauen Hergang sagt er nichts, er erwähnt nicht, dass ein Soldat von einer Kugel am Kopf getroffen worden war, ein weiterer durch drei Schüsse am Bein verletzt wurde. Der dritte Soldat starb bei der Explosion einer Straßenmine. Alle drei stammten aus einem Fallschirmjägerbataillon im niedersächsischen Seedorf:

  • der Hauptfeldwebel Nils Bruns, 35,
  • der Stabsgefreite Robert Hartert, 25,
  • und der Hauptgefreite Martin Kadir Augustyniak, 28.

Zudrop spricht auch die aus Versehen von der Bundeswehr am Karfreitag getöteten fünf afghanischen Soldaten an. "Ich entschuldige mich, dass diese Kameraden durch unsere Hand gefallen sind", sagt er.

Dann fahren im Schritttempo die drei Transportpanzer "Fuchs" auf den Platz. In ihnen sind die hellen Holzsärge, bedeckt von der Bundesflagge, darauf steht am Kopfende der olivgrüne Helm. Auf dem Platz ist nichts zu hören außer dem unheimlichen Säuseln der "Fuchs"-Motoren und den Schritten der Soldaten, die links und rechts der Panzer das Ehrengeleit bilden.

General Leidenberger spricht teils auf Englisch, damit ihn die afghanischen, die belgischen und armenischen Soldaten verstehen, die ebenfalls angetreten sind. Er bedankt sich für die gute Kameradschaft unter den Verbündeten, dankt den Sanitätern, die die Verletzten unter Lebensgefahr auf dem Gefechtsort geborgen und behandelt haben. Dann spricht er aus, was die Soldaten denken: "Wir sind fassungslos. Wir haben gehofft, dass dieser Fall nie eintritt. Die Soldaten waren erst wenige Tage in Afghanistan, als sie aus dem Leben und aus unserer Mitte gerissen wurden." Auch er bittet die afghanische Armee um Entschuldigung, weil Bundeswehrsoldaten afghanische Soldaten töteten. Leidenberger spricht von sechs getöteten Afghanen.

"Wir lassen uns durch solche heimtückischen Akte nicht einschüchtern"

Leidenberger sagte aber auch: "Wir werden weiter kämpfen und wir werden gewinnen - für das afghanische Volk, aber auch für die Sicherheit Deutschlands und der westlichen Welt." Dafür brauche man nun Kraft und Stehvermögen und die Unterstützung der Heimat. An der, finden die Soldaten in Kunduz, mangele es gelegentlich. Posthum verleiht der deutsche Isaf-Chef den Gefallenen jeweils eine Nato-Medaille.

Niebel hält seinen Auftritt kurz, man merkt ihm an, dass die Sache ihm sehr nahe geht. Seine viel kritisierte Feldmütze, die er bei einem Besuch in Afrika trug und nun auch wieder in Masar-i-Scharif, hat er im Gepäck gelassen. Er trägt einen schwarzen Anzug und eine schwarze Krawatte. Er spricht den Soldaten sein Mitgefühl aus, "auch im Namen der Bundeskanzlerin". Dann zeigt er Entschlossenheit im Kampf gegen die Aufständischen: "An die Adresse der Mörder sage ich, dass wir uns durch solche heimtückischen Akte nicht einschüchtern lassen. Wir werden unseren Kampf gegen den Terrorismus in Afghanistan fortsetzen." Das sei man den gefallenen Soldaten schuldig.

Militärpfarrer Bernd F. Schaller spricht über den Karfreitag, einen "schwarzen Tag, der Trauer bringt". Der Tag des tragischen Gefechts war tatsächlich ein dunkler Tag, die Wolken hingen tief. Während des Trauerappells ist der Himmel über Kunduz strahlend blau. "Der Himmel und die Landschaft zeigen sich in unwirklicher Schönheit", sagt Schaller. "Aber ein schwarzer Schleier hängt darüber."

Auch in der Trauer gilt Disziplin

Manche Soldaten haben Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten, als ein Soldat das Lied "Ich hatt' einen Kamerad" auf seiner Trompete spielt und anschließend die Nationalhymne vom Band läuft. Als erstes verlassen die Soldaten mit den schwarzen Armbinden den Platz. Auch in der Trauer gilt Disziplin.

Am Ende des Appells fahren die drei Panzer zum Hubschrauberplatz. Dort stehen zwei Maschinen bereit, die die drei Särge nach Termez fliegen. Um 11.15 Uhr heben sie ab, in zwei weiteren Maschinen, die anschließend auf dem kleinen Platz landen, verlassen Minister Niebel und die Hauptstadtjournalisten das Camp in Kunduz.

Noch am Ostersonntag sollen die drei Toten ihre letzte Reise nach Deutschland antreten.

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Seite 1
harrold, 04.04.2010
1. Appell
Zitat von sysopTrauerappell bei der Bundeswehr in Afghanistan: Für einen Moment halten die Soldaten inne, dann werden die Särge der drei Gefallenen verladen. Entwicklungsminister Niebel nimmt sie im Regierungsairbus mit nach Deutschland. Viele in der Truppe kritisieren: Es mangelt an Unterstützung aus der Heimat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687212,00.html
Es mangelt an Unterstützung aus der Heimat. Bei dieser Art von Kriegführung (nichts halbes und nichts ganzes) auch kein Wunder und nur zu berechtigt. Eine andere Einstellung dazu wäre masochistisch. Man hat als Bürger auch seinen Stolz.
flus 04.04.2010
2. Bundeswehr in Apghanistan
Wir haben am Hindukusch absolut nichts verloren - seit Alexander dem Grosssen bis hin zur Sowjetunion hat dort niemand etwas verloren wann hoert dieser Irrsinn endlich auf .... die jungen Soldaten koennen nichts dafuer ... ich wuerde es meinen beiden Soehnen strikt verbieten an einem solchen Unsinn teilzunehmen ... Wie waere es wenn Frau Merkl und H.Gutenberg dort alleine gegen die Taliban kaempfen wuerden zusammen mit den anderen Staats- und Regierungschefs .
saul7 04.04.2010
3. ++
Zitat von sysopTrauerappell bei der Bundeswehr in Afghanistan: Für einen Moment halten die Soldaten inne, dann werden die Särge der drei Gefallenen verladen. Entwicklungsminister Niebel nimmt sie im Regierungsairbus mit nach Deutschland. Viele in der Truppe kritisieren: Es mangelt an Unterstützung aus der Heimat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687212,00.html
Es wird immer deutlicher, dass der Afghanistan-Einsatz sich zum Desaster für D entwickeln wird. Leider! Die Taliban haben sich unsere Soldaten ausgeguckt, um Verunsicherung zu schaffen und auf diese Weise Druck auf die politisch Verantwortlichen zu machen....Es darf mit Recht bezweifelt werden, ob die geplante Befriedung des Landes jemals gelingen kann!!
ecce homo 04.04.2010
4. Sicherheit
---Zitat--- Leidenberger sagte aber auch: "Wir werden weiter kämpfen und wir werden gewinnen - für das afghanische Volk, aber auch für die Sicherheit Deutschlands und der westlichen Welt." Dafür brauche man nun Kraft und Stehvermögen und die Unterstützung der Heimat. An der, finden die Soldaten in Kunduz, mangele es gelegentlich. Posthum verleiht der deutsche Isaf-Chef den Gefallenen jeweils eine Nato-Medaille. ---Zitatende--- Ich glaube nicht, daß in diesem Krieg die Sicherheit Deutschlands oder Welt verteidigt wird. Diese Ansicht teilt hier wohk kaum jemand, daher wohl die mangelnde Unterstützung. Je schneller die Bundeswehr abgezogen wird, umso besser. Zumal die Bundeswehr aktuell auch in einem nicht sehr einsatzfähigen Zustand zu sein scheint. Erst der Fehler mit der Bombardierung der Tanklaster und dann der Angriff auf die Verbündeten und ob die Soldaten während des Hinterhalts die benötigte Abgeklärtheit besaßen, weiss ich auch nicht. Der Hinterhalt selbst war millitärisch durchaus in Ordnung und nicht etwa moralisch verwerflich, denn in einem Krieg töten sich die Feinde gegenseitig, daß ist numal so. Moralisch verwerflich ist es, wenn man Gefangenen die Hände abschneidet oder foltert und exekutiert.
parang tunay 04.04.2010
5. Krieg
Zitat von sysopTrauerappell bei der Bundeswehr in Afghanistan: Für einen Moment halten die Soldaten inne, dann werden die Särge der drei Gefallenen verladen. Entwicklungsminister Niebel nimmt sie im Regierungsairbus mit nach Deutschland. Viele in der Truppe kritisieren: Es mangelt an Unterstützung aus der Heimat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687212,00.html
Die meisten Menschen in diesem Land waren und sind gegen den Krieg in Afghanistan Diese Soldaten wurden aus falsch vestandener Bündnistreue in einen Krieg geschickt der nicht zu Gewinnen ist.
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