Bundeswehr in Afghanistan Kritiker beklagen mangelndes Konzept

Täglich neue Horrormeldungen aus Afghanistan: Heute schlugen Taliban-Verbände Polizei-Einheiten in die Flucht. Auch für die Internationale Schutztruppe ist die Lage bedrohlich - und morgen soll die Bundeswehr das Kommando im Norden übernehmen. In Berlin wächst die Kritik an dem Einsatz.


Berlin/Kabul - Angesichts der Eskalation der Gewalt in Afghanistan wächst in Deutschland die Kritik am politischen Konzept des Militäreinsatzes in dem Land. "Unser Einsatz in Afghanistan basiert nicht auf einem wirklich schlüssigen Konzept", kritisierte der Chef des Bundeswehrverbandes, Oberst Bernhard Gertz, in der "Leipziger Volkszeitung". Die Politik mache ihre Hausaufgaben nicht, während die Soldaten vor Ort immer stärker in Gefahr gerieten.

Bundeswehrsoldat nahe Masar-i-Scharif: Warten auf den Feind
DPA

Bundeswehrsoldat nahe Masar-i-Scharif: Warten auf den Feind

Der FDP-Außenexperte Werner Hoyer sagte, das Konzept des Soldaten als uniformiertem Entwicklungshelfer müsse überdacht werden: "Wir stehen vor dem Scheitern des Konzeptes des lächelnden Soldaten", warnte er.

Irgendwann werde die Nato vor der Entscheidung stehen, entweder massiv Truppen nach Afghanistan zu schicken oder sich ganz aus dem Land am Hindukusch zurückzuziehen. Ein Abzug der Nato würde jedoch automatisch eine Debatte darüber auslösen, ob das westliche Verteidigungsbündnis überhaupt noch eine Zukunft habe. Der FDP-Abgeordnete Rainer Stinner sagte, entgegen "verbreiteten Meinungen" habe die Bundeswehr in Afghanistan "einen Kampfauftrag". Auch Verteidigungsminister Franz Josef Jung äußerte sich besorgt über die Sicherheitslage, verteidigte den Bundeswehr-Einsatz jedoch.

Jung sprach nach einer Serie von Taliban-Überfällen in der ARD von "terroristischen hinterhältigen Anschlägen". Es habe in diesem Jahr in Afghanistan schon so viele Anschläge gegeben wie im ganzen vergangenen Jahr, sagte Jung. Der Süden und Osten seien "gefährlicher", aber auch der Einsatz im Norden, wo die Bundeswehr derzeit ihre Präsenz verstärkt, sei nicht ohne Risiko. Die Bundeswehr sei bei der Bevölkerung gut angesehen, sagte Jung.

Das Auswärtige Amt warnte davor, wegen der Unruhen den deutschen Einsatz in Afghanistan in Frage zu stellen. Staatsminister Gernot Erler forderte die afghanische Regierung in einem Reuters-Interview zu mehr Anstrengungen auf, um für Stabilität in den Provinzen zu sorgen. Die Menschen dürften nicht nur mit oftmals korrupten Sicherheitskräften und politischen Führern konfrontiert werden, sondern müssten auch Fortschritte sehen. "Das wird auch in einen sehr kritischen Dialog mit der afghanischen Regierung einfließen."

Angriff auf Polizeieinheiten

In der südafghanischen Provinz Orusgan übernahmen Hunderte Taliban-Kämpfer die Kontrolle über das Polizei-Hauptquartier im Bezirk Chora. Mutmaßliche Taliban-Kämpfer lockten den Polizeichef der Provinz Sabul, Mohammed Rasul, in einen Hinterhalt und töteten ihn. Die Taliban-Kämpfer hätten nach mehrstündigen Kämpfen in der Nacht die Kontrolle über das Polizei-Hauptquartier von Chora übernommen, seien aber "am Morgen wieder abgezogen", sagte Polizeichef Hadschi Rosi Chan. Auch die Bezirksverwaltung von Chora brachten die fundamentalistischen Taliban demnach zeitweise unter ihre Kontrolle. Die Polizei verfügt in zahlreichen Bezirken Orusgans nur über schwache Einsatzkräfte, die sich gegen die starken Einheiten der Taliban nicht durchsetzen können. In den kommenden Wochen sollen in Orusgan rund 1300 niederländische Soldaten stationiert werden.

Rund vier Jahre nach Beginn ihres Einsatzes in Afghanistan übernimmt die Bundeswehr morgen das militärische Kommando über die Isaf-Friedenstruppen im Norden des Landes. Die Region hatte ursprünglich als ruhigste Region des Landes gegolten, doch auch dort wird der Einsatz riskanter. Im ganzen Land war die Gewalt in den vergangenen Wochen eskaliert. "Mit der Übernahme dieser Verantwortung wird deutlich, wie ernst es der Isaf damit ist, Afghanistan voranzubringen und die afghanische Regierung zu unterstützen", sagte der Sprecher des Regionalkommandos, Oberstleutnant Markus Werther, der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch aus Masar-i-Scharif im Norden des Landes.

Isaf-Abzug würde mehrere 11. September auslösen

Der afghanische Wirtschaftsminister Amin Farhang sprach sie für ein langfristiges ausländisches Engagement in seinem Land aus: "Um die Probleme zu beseitigen, braucht man mindestens 20 Jahre", sagte Farhang der "Mitteldeutschen Zeitung". Allerdings müsste das derzeitige Konzept des internationalen Afghanistan-Einsatzes auf den Prüfstand. Die afghanische Polizei und Armee müssten besser ausgerüstet und ausgebildet werden, forderte Farhang. Der Minister warnte vor einer baldigen Beendigung des Einsatzes der Internationalen Schutztruppe. "Wenn die westlichen Truppen sich aus Afghanistan zurückziehen, wird es in den Städten Europas mehrere 11. September geben", sagte Farhang. "Das wäre eine Kapitulation vor den Terroristen."

Zwei Tage nach den blutigen anti-amerikanischen Unruhen in Kabul räumte die US-Armee ein, dass ihre Soldaten dabei zahlreiche Schüsse abgefeuert hätten. Die Soldaten hätten "ihre Waffen zur Selbstverteidigung eingesetzt", aber über die Köpfe der aufgebrachten Menge geschossen, sagte Armeesprecher Tom Collins. Nach Augenzeugenberichten waren bei den Auseinandersetzungen vier Menschen getötet worden. Ein tödlicher Unfall, der durch ein defektes US-Armeefahrzeug verursacht worden war, hatte die schwersten Unruhen in Kabul seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 ausgelöst.

Die Organisation Pro Asyl forderte angesichts der unsicheren Lage, die Abschiebung von afghanischen Flüchtlingen sofort zu stoppen. Die Hilfsorganisation Malteser International erklärte, sie habe aus Sorge um die Sicherheit der Mitarbeiter die Betreuung der Hilfsprojekte für Rückkehrer im Zentrum Afghanistans vorerst ausgesetzt.

asc/AFP/rts



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