Bundeswehr in Afghanistan Nato drängt zur Offensive gegen Taliban

Die Nato plant auf ihrem Gipfel den Abzug aus Afghanistan, auch die deutschen Truppen sollen ab 2012 reduziert werden. Doch die Lage im Gebiet der Bundeswehr ist düster: Dort müsse im kommenden Jahr mehr denn je gegen die Taliban gekämpft werden, verlangt die Führung der Allianz.
Bundeswehr in Afghanistan: Die schlechte Lage macht den Abzug unwahrscheinlich

Bundeswehr in Afghanistan: Die schlechte Lage macht den Abzug unwahrscheinlich

Foto: Miguel Villagran/ Getty Images

Lissabon - Die Nato-Führung ist tief beunruhigt wegen der Sicherheitslage im Bundeswehrgebiet in Nordafghanistan. Für die kommenden Monate fordert sie einen konsequenteren Kampf der internationalen Truppen gegen die Taliban und andere Aufständische in der Region. Ein hochrangiger Nato-Offizieller aus dem Hauptquartier in Kabul sagte bei einem Briefing am Rande des Gipfels der Allianz in Lissabon, die Regionen rund um das deutsche Feldlager in Kunduz und die angrenzenden Provinzen Takhar und Baghlan seien derzeit "eine der größten Sorgen" des Militärbündnisses in Afghanistan.

Nato

Die Analyse der ist düster. Im Verantwortungsbereich der Deutschen, die dort 5000 Mann stationiert haben, habe man es trotz einer Truppenaufstockung durch die US-Armee 2010 nicht geschafft, die Oberhand über die Taliban zu gewinnen. Statt wie in anderen Gebieten Fortschritte zu erreichen, habe sich die Lage im Norden verschlechtert. "Wir werden mehr Anstrengungen in den nächsten Monaten unternehmen müssen", sagte der Nato-Mann. Intern werde bereits über eine erneute Aufstockung der Truppen debattiert. Zuerst aber sollten mehr afghanische Soldaten in die Region entsandt werden.

"Islamische Bewegung Usbekistan"

Die Aussagen des Nato-Offiziellen spiegeln Berichte westlicher Geheimdiensten wider, denen zufolge in Nordafghanistan in den vergangenen Monaten viele ausländische Kämpfer eingesickert sind und teilweise die Kontrolle über die Aufständischen übernommen haben. Die gefürchteten Einheiten, viele von ihnen Usbeken, Tschetschenen und arabische Kämpfer der Terrorgruppe , sind hochgefährlich, sagte der Nato-Offizielle in Lissabon. Die Gruppierung steht im engen Kontakt mit dem Terror-Netzwerk al-Qaida und hat in der Vergangenheit auch deutsche Islamisten rekrutiert.

Alle großen Truppensteller sind kriegsmüde

Die Einschätzungen des Nato-Manns kommen zur unpassenden Zeit, denn sie wollen so gar nicht zur eigentlichen Botschaft des Gipfels in Lissabon passen. Das Treffen der Staatschefs soll den schrittweisen Abzug aus Afghanistan einläuten. So soll die langsame Übergabe der Sicherheitsverantwortung in einigen Provinzen und Städten in den ersten Monaten 2011 beginnen. Im Jahr 2014 sollen große Teile der Schutztruppe Isaf bereits abgezogen sein - so das Ziel. Zwar betont die Nato immer wieder, dieser Zeitplan sei an bestimmte Konditionen und weitere Erfolge geknüpft. Doch alle großen Truppensteller, allen voran die USA, sind kriegsmüde.

Folglich soll Lissabon die Weichen zum Abzug stellen. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sprach zur Eröffnung des Treffens leicht pathetisch von einer "neuen Phase der Afghanistan-Mission", gemeint war wohl eher das langsame Ende des Einsatzes. Am Samstag wollen die Staats- und Regierungschef der 28 Nato-Länder mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai den Übergabeprozess der Sicherheitsverantwortung formell besiegeln. US-Präsident Barack Obama, innenpolitisch nach den Midterm-Wahlen schwer angeschlagen, kündigte für die Nato-Führungsnation USA schon jetzt eine erste Truppenreduzierung für den Juli 2011 an.

Auch für die Bundesregierung kommt die Beschreibung der Situation im Norden Afghanistans ungelegen. Zwar wollen die Koalitionäre das deutsche Truppenkontingent erst ab 2012 langsam reduzieren, doch die schlechten Nachrichten aus der Region machen selbst diesen Abzugsplan unwahrscheinlich. Schon jetzt ist die Regierung von ihrem eigentlichen Plan abgerückt, dass auf dem Nato-Gipfel möglicherweise bereits eine Provinz im Norden genannt werden kann, die im kommenden Jahr schrittweise an die Afghanen übergeben werden sollte. Dass die Nato nun für 2011 mehr statt weniger Engagement im Bundeswehrgebiet einfordert, ist ein weiterer Dämpfer.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagte am Rande des Gipfels das weitere Engagement im Norden Afghanistans zu - auch bei offensiven Operationen. "Baghlan, Kunduz und Takhar gehören zu den gefährlichsten Gebieten in unserem Einsatzgebiet", sagte der Minister SPIEGEL ONLINE. "Dort müssen wir gemeinsam mit unseren Verbündeten weiter gegen die Taliban agieren, und das werden wir tun". Auf die Frage nach einem möglichen Abzug der Bundeswehr aus den Krisengebieten gab er sich vorsichtig. "Die Situation an dieses hot spots lässt sich sicher nicht in den nächsten Tagen lösen, dort brauchen wir einen langen Atem."

"Die heftigsten Kampfhandlungen der Bundeswehr seit deren Bestand"

Taliban

Die Beschreibungen des Nato-Offiziellen wiederum decken sich mit internen Erkenntnissen der Bundeswehr. In den vergangenen Wochen führten die Deutschen mit einigem Erfolg eine größere Operation mit US- und afghanischen Soldaten gegen die Taliban in deren Hochburg Chahar Darreh westlich von Kunduz. Die tagelangen Kämpfe um einen neuen Außenposten, inklusive massivem Artillerieeinsatz, vielen Bombenabwürfen und Dutzenden Toten auf der Gegenseite, werden intern einhellig als "die heftigsten Kampfhandlungen der Bundeswehr seit deren Bestand" klassifiziert. Erst nach Tagen habe man die aus dem Gebiet drängen können.

Bundeswehr

Die Äußerungen des Nato-Manns am Rande des Gipfels machen klar, dass die Führung in Kabul von der Bundeswehr mehr solcher offensiver Operationen sehen will. Der Einsatz der Deutschen im Norden wird damit unweigerlich gefährlicher. Zwar müht sich die Regierung in Berlin auch weiter, die im Sommer eingeführte neue Strategie der und den Aufbau von zwei robusten Infanterie-Einheiten für den Norden stets als Trainingsmission für afghanische Einheiten zu titulieren. Faktisch aber werden wohl nun Kampfeinsätze wie bei der abgeschlossenen Operation "Biltz" in Chahar Darreh zur Routine.

Bedrohung durch taktisch geschulte Kämpfer

Die Analyse der Operation bestätigen die Nato-Aussagen über die Existenz der gefürchteten ausländischen Kämpfer in der Bundeswehr-Region. Auf Drohnen-Überwachungsbildern machten die Analysten mehrere Gruppen von vermummten Personen in schwarzen Kampfanzügen und sehr viel besseren Waffen als die der afghanischen Taliban aus. Diese Einheiten, erkennbar in taktischen Stellungswechseln und Hinterhalten geschult, kämpften bis zu ihrem Tod gegen die Bundeswehr. Selbst als die US-Armee mit Kampfhubschraubern anrückte, blieben die vermummten Kämpfer in ihren Stellungen und feuerten auf die Helikopter.

Die ausländischen Kämpfer könnten sich zum größten Problem der Bundeswehr im Norden entwickeln. Vor seinem Tod bei einem Anschlag während des Freitagsgebets in der nordafghanischen Provinz Takhar hatte der Gouverneur von Kunduz eindringlich vor den einsickernden Kräften gewarnt. Mohammed Omar berichtete sogar, Terroristen von al-Qaida würden in der Region das Kommando über die gesamte Aufstandsbewegung übernehmen. Tatsächlich berichteten mehrere Taliban-Kommandeure in Gesprächen mit SPIEGEL ONLINE fast ängstlich, die Ausländer würden Schritt für Schritt die Kontrolle über die Region Kunduz übernehmen.

Was die prekäre Lage im Norden für die möglichen Truppenreduzierungen bedeute, wollte der Nato-Offizielle auf Nachfrage nicht eindeutig beantworten. Die angesprochenen Regionen, sagte er ausweichend, seien sicherlich keine der ersten Kandidaten für die angekündigte Übergabe der Verantwortung an die Afghanen.

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