Bundeswehr in Afghanistan Norweger nehmen Deutsche gegen Vorwürfe in Schutz

Mitten im Gefecht gegen die Taliban soll die Bundeswehr norwegische und afghanische Verbündete im Stich gelassen haben. In der norwegischen Presse sorgte der Bericht für Aufregung - doch das Militär in Oslo ist voll des Lobes über die Deutschen.

Von Yassin Musharbash und


Berlin - Die Dame vom Verteidigungsforschungsinstitut in Oslo, das das norwegische Militär in aktuellen Fragen berät, weiß von nichts. Kritik der Norweger an den Deutschen in Afghanistan? Davon habe sie noch nie etwas gehört. Im Gegenteil: Man sei in Norwegen sehr glücklich darüber, dass ein deutscher Arzt erst in der vergangenen Woche einem norwegischen Soldaten in Afghanistan das Leben gerettet habe. Nur Lob - alles andere müsse ein Missverständnis sein.

Norwegischer Jeep und deutscher Hubschrauber beim Einsatz in Nordafghanistan: "Absolut keine Konflikte zwischen deutschen und norwegischen Soldaten"
Lars Magne Hovtun/ Forsvaret

Norwegischer Jeep und deutscher Hubschrauber beim Einsatz in Nordafghanistan: "Absolut keine Konflikte zwischen deutschen und norwegischen Soldaten"

Eine Meldung vom Wochenende sagt etwas anderes: Kürzlich hätten die Deutschen norwegische und afghanische Soldaten im Gefecht allein zurückgelassen. Deutsche Sanitätshubschrauber seien während der Kampfhandlungen einfach zurück ins Lager geflogen - die Operation habe deshalb abgebrochen werden müsssen, lautete die Behauptung in der "Sunday Times". Und weiter: Die Bundeswehr behindere Nato-Operationen in Afghanistan, weil es ein Nachtflugverbot für deutsche Piloten von Sanitätshelikoptern gebe. Regelmäßig flögen diese deshalb am Nachmittag zurück in die Basis, damit die Maschinen bei Sonnenuntergang im Hangar stünden.

Die Bundeswehr dementiert

Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr wies diese Darstellung bereits gestern zurück: Es gebe keinesfalls ein Nachtflugverbot für deutsche Piloten von Sanitätshelikoptern in Afghanistan, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Sie seien dafür ausgerüstet und solche Einsätze würden regelmäßig geübt. Eher als die Dunkelheit machten gelegentlich "klimatische Bedingungen" das Fliegen problematisch.

Doch die "Sunday Times" zitierte auch einen Kronzeugen: einen norwegischen Offizier, der an besagter Schlacht beteiligt gewesen war, die vor etwa drei Wochen im Nordwesten Afghanistans stattfand. "Wir griffen die bösen Jungs an, und dann, um drei oder vier Uhr, verlassen uns die (deutschen, Anmerkung der Red.) Helikopter. Wir mussten zu unserer Basis zurückkehren. Wir sollten norwegische Helikopter haben. Die können wenigstens auch bei Nacht fliegen."

Aufruhr in der norwegischen Presse

Der britische Artikel sorgte auch in der norwegischen Presse für Aufregung: "Norwegische Soldaten von deutschen Piloten im Stich gelassen", titelt die Zeitung "Dagbladet" in ihrer Online-Ausgabe. "Während norwegische Soldaten mitten im Kampf waren, machten sich die deutschen Hubschrauber auf den Heimweg, bevor es dunkel wurde", schreibt die "Aftenposten" auf ihrer Homepage.

Aber was genau ist dran an den Vorwürfen?

Details zu dem konkreten Vorfall kenne er leider nicht, sagt der norwegische Oberstleutnant John Inge Øglænd zu SPIEGEL ONLINE. Tatsache sei aber, dass die Operation, über die die "Times" berichtet, keinesfalls abrupt gestoppt wurde. "Wie der Offizier auf dem Schlachtfeld zu dieser Einschätzung kam, kann ich nicht nachvollziehen", sagt Øglænd. Zudem sei der Abflug der deutschen Hubschrauber absolut nicht überraschend gekommen, die norwegischen Kommandeure in Afghanistan wüssten über die Restriktionen der Deutschen Bescheid. Die norwegische Armee beziehe sie bei all ihren Planungen mit ein.

Akteure, Mandate und Konflikte in Afghanistan
Nach dem Sturz des Taliban-Regimes genehmigte der Uno-Sicherheitsrat am 20. Dezember 2001 die Aufstellung International Security Assistance Force (Isaf). Die Hauptaufgaben der Isaf liegen im Bereich des Wiederaufbaus und der Stärkung demokratischer Strukturen und vorläufiger Staatsorgane Afghanistans. Die Schutztruppe unterstützt die afghanische Regierung insbesondere bei der Herstellung der inneren Sicherheit sowie bei der Wahrung der Menschenrechte. Zunächst erstreckte sich das Operationsgebiet der Nato-geführten Schutztruppe allein auf die Hauptstadt Kabul, wurde anschließend jedoch schrittweise auf weitere Teile Afghanistans erweitert. 37 Staaten, darunter auch Deutschland, verantworten den militärischen Einsatz mit insgesamt rund 33.000 Soldaten. Der Bundestag erteilte am 22. Dezember 2001 das Mandat für die Beteiligung der Bundeswehr am Isaf-Einsatz. Vom 10. Februar bis zum 11. August 2003 stand die Isaf unter deutsch-niederländischer Führung.
Strikt getrennt vom Mandat der Schutztruppe Isaf sind die Aufgaben der US-geführten Militäroperation "Operation Enduring Freedom". Als ein Element der USA im Kampf gegen den Terrorismus richtet sie sich gegen das Terrornetzwerk al-Qaida und die Taliban. Die Maßnahme, die einen Monat nach den Anschlägen vom 11. September 2001 begann, soll insbesondere deren Führungs- und Ausbildungseinrichtungen zerstören und sicherstellen, dass Mitglieder von Terrororganisationen festgenommen und vor Gericht gestellt werden. Rechtsgrundlage der Operation ist die Resolution 1368 des Uno-Sicherheitsrats vom 12. September 2001. OEF besteht aus mehreren Teiloperationen, wobei sich die wichtigsten auf Afghanistan und die Ostspitze Afrikas, dem Horn von Afrika, erstrecken. Inzwischen sind rund 70 Nationen an "Operation Enduring Freedom" beteiligt, darunter auch Deutschland. Das Bundeswehr-Mandat wird jährlich, zuletzt im November 2006, vom Bundestag verlängert.
Die Bundeswehr beteiligt sich seit 2002 an der Internationalen Schutztruppe Isaf in Afghanistan und stellt mit gut 2900 Soldaten eines der größten Kontingente. Einsatzgebiet der Bundeswehr sind die vergleichsweise friedlichen Nordprovinzen Kunduz und Faizabad, wo sich die deutschen Soldaten neben ihren militärischen Aufgaben mit Wiederaufbauteams (PRT) vor allem um den zivilen Aufbau kümmern. Mitte 2006 übernahm die Bundeswehr die Verantwortung für den gesamten Norden Afghanistans. Ihren Stützpunkt hat sie in Masar-i-Sharif. Eine Versorgungsbasis unterhält sie außerdem in Termes in Usbekistan. Auch im Rahmen der "Operation Enduring Freedom" beteiligt sich die Bundeswehr in Afghanistan, im Wesentlichen jedoch mit Spezialkräften. Ein deutscher Einsatz im Süden des Landes ist nach bestehendem Mandat zwar in Ausnahmefällen möglich - allerdings nur in einem eng begrenzten zeitlichen und personellen Rahmen. Darüber hinaus schreibt das Parlamentsmandat eine Obergrenze von 3000 deutschen Soldaten vor, die inzwischen ausgeschöpft ist. Der Einsatz in Afghanistan ist bislang auch der verlustreichste für die Bundeswehr. 18 deutsche Soldaten wurden bisher durch Anschläge und Unfälle getötet.
Angesichts der Eskalation in Südafghanistan bat die Nato Deutschland im Dezember 2006, Aufklärungsflugzeuge des Typs "Tornado Recce" bereitzustellen. Vom Kabinett ist die Entsendung bereits am 7. Februar 2007 abgesegnet worden. Es ist jedoch ein zusätzliches Bundestagsmandat nötig, da der "Tornado"-Einsatz dem deutschen Beitrag im Rahmen der Isaf in Afghanistan eine neue Qualität verleihen würde. Denn das bestehende Bundestagsmandat sieht bislang eine Obergrenze von 3000 Soldaten für die Mission in Afghanistan vor. Zur geplanten Entsendung von sechs Aufklärungsflugzeugen ist allerdings zusätzliches Personal von etwa 300 Soldaten erforderlich. Damit ist die Mandatsobergrenze überschritten. Die USA und Militärstrategen bei der Nato sehen die Aufstockung der nationalen Isaf-Beiträge für eine massive Militäroffensive als entscheidend für die Bekämpfung der zuletzt erstarkten Aufstandsbewegung. In Deutschland ist die "Tornado"-Frage jedoch hoch umstritten. Befürworter fürchten im Falle einer Ablehnung einen Glaubwürdigkeitsverlust Deutschlands als Bündnispartner. Gegner kritisieren hingegen, der Einsatz könne die falsche Strategie unterstützen und somit die politische Stabilisierung des Landes untergraben.

Der norwegische Militär nahm die deutschen Einsatzkräfte überdies gegen jede Kritik in Schutz: Wann immer norwegische Truppen in Afghanistan die Hilfe Deutschlands gebraucht hätten, hätten sie diese in der Vergangenheit bekommen.

Lob aus Oslo für die Bundeswehr

"Wir sind uns darüber im Klaren, dass Deutschland mit seinen mehr als 3000 Soldaten, all der Ausrüstung und dem Know-how einen extrem wichtigen Beitrag leistet. Der ganze Einsatz im Norden Afghanistans wäre sehr schwierig, wenn Deutschland nicht so gute Arbeit leisten würde." Das deutsche Krankenhaus in Masar-i-Sharif etwa sei besser ausgestattet als manches Krankenhaus in Norwegen, so der Militär. "Es gibt absolut keine Konflikte zwischen deutschen und norwegischen Soldaten in Afghanistan - im Gegenteil. Das haben mir gerade norwegische Offiziere bestätigt, die am Hindukusch sind."

Diese Darstellung deckt sich mit der Information des deutschen Einsatzführungskommandos, das SPIEGEL ONLINE gestern bestätigt hatte, es gebe keine offizielle Beschwerde aus Norwegen.

Aus der Abhängigkeit der Deutschen will man sich in Norwegen trotzdem befreien: Es sei bereits entschieden, dass erstmals norwegische Hubschrauber nach Afghanistan geschickt würden, sagte Øglænd SPIEGEL ONLINE. Drei Hubschrauber sollten im kommenden Jahr dort eingesetzt werden.

Die Bundeswehr wird das nicht stören: Schon mehrmals habe man Oslo gebeten, Helikopter an den Hindukusch mitzubringen, hieß es aus Bundeswehrkreisen.



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