Bundeswehr in Afghanistan Taliban nutzen tödliches Gefecht zur Propaganda

Nach dem schweren Gefecht mit drei getöteten Bundeswehrsoldaten läuft die Propagandamaschine der Taliban auf Hochtouren. Die Aufständischen wissen genau, wie schwach der Rückhalt für den Einsatz in Deutschland ist.

Taliban vor ausgebranntem Bundeswehrfahrzeug: Kämpfe werden übertrieben dargestellt
REUTERS

Taliban vor ausgebranntem Bundeswehrfahrzeug: Kämpfe werden übertrieben dargestellt

Von


Berlin - Die Taliban in Kunduz haben eine neue Stufe ihrer Propagandaarbeit gezündet. Wie der "Stern" in einer Vorabmeldung berichtet, behaupten die Aufständischen, ihr Angriff auf die Bundeswehr am vergangenen Freitag sei "von langer Hand" vorbereitet gewesen. Man habe gewusst, dass die deutsche Patrouille in das Dorf Isa Khel fahre und habe sich absichtlich dort versteckt, sagte ein Taliban-Kommandeur mit dem Namen Muhib Mdschrohi dem Magazin.

"Als die Deutschen gegen Mittag auf demselben Weg zurückkamen, begann der Kampf", berichtete der Anrufer, der laut "Stern" das Kommando über die Kämpfer in der Unruheregion Chahar Darreh führt. Dass die Patrouille exakt an der Stelle nahe dem Dorf Isa Khel anhalten würde, wo die Taliban sich in Gräben und Gebüschen versteckt hielten, sei von ihnen so geplant gewesen. Die Kämpfer hätten deshalb einen Sprengsatz genau dort vergraben, so die Darstellung.

Wie authentisch diese Angaben sind, ist kaum einzuschätzen. Zwar ist der Name des genannten Kommandeurs bisher noch nie aufgetaucht und mehreren Behörden, die die Lage rund um Kunduz analysieren, bisher nicht bekannt. Gleichwohl gibt es unter den Taliban in der Region keine klare Hierarchie, geschweige denn ein geordnetes Kommando. Viele Anführer sind von den USA verhaftet oder ausgeschaltet worden, andere nach Pakistan oder in den Süden Afghanistans geflohen.

Details der Kämpfe, großzügig ausgeschmückt

Die Darstellung der taktischen Fähigkeiten, die den typischen Mustern der Taliban-Propaganda entspricht, erscheint indes etwas überzogen. Üblicherweise übertreiben zuerst die Sprecher der Aufständischen bei den Opferzahlen der Gefechte massiv, meist legen dann die Web-Seiten der Taliban mit blumigen Beschreibungen der Kämpfe nach. In fast allen Fällen ist es so, dass es in Wirklichkeit zwar Kämpfe mit den Nato-Truppen gab, die Details aber großzügig ausgeschmückt wurden.

Ganz ähnlich war es im aktuellen Fall. Noch vor der Bundeswehr, die aus taktischen Erwägungen die Medien gebeten hatte, mit den ersten Veröffentlichungen über die Gefechte zu warten, meldeten sich die Taliban durch ihren Sprecher. Aufgeregt berichtete er am Karfreitag von vielen zerstörten Panzern und mindestens acht toten Deutschen. Für ihn ist einzig Schnelligkeit entscheidend, während die Bundeswehr darauf bedacht sein muss, nur gesicherte Informationen herauszugeben.

Dass die Taliban den deutschen Soldaten gut versteckt aufgelauert und vermutlich auch die Fahrt der Patrouille vom Lager bis zum Ort des Gefechts ausgespäht haben, gilt auch bei der Bundeswehr als fast sicher. Auch dass die Aufständischen mittlerweile gezielt von mehreren Seiten angreifen und Hinterhalte aufbauen, hat die Truppe als Realität erkannt. Dass aber absichtlich Sprengsätze gelegt werden, um eine deutsche Patrouille anzulocken, wirkt etwas zu gut organisiert für die Taliban in Kunduz.

Das Gebrüll der Krieger zielt auf die Stimmung in Deutschland

Ganz gleich aber, wie authentisch die Darstellung der Krieger auch ist, zeigt sie doch, wie sehr ihre Propaganda mittlerweile auf die deutsche Stimmung über den Afghanistan-Einsatz zielt. Spätestens seitdem im vergangenen Herbst Taliban und Qaida-Videos vor der Bundestagswahl einen Abzug der Bundeswehr verlangten und mit Anschlägen in Deutschland drohten, weiß die Bundesregierung, dass zumindest die Propagandaabteilung der Taliban die Lage in Deutschland recht genau beobachtet.

Nach dem Gefecht wurden von einem lokalen Journalisten über die Agentur Reuters Fotos vom Anschlagsort in die Welt gesandt. Taliban-Kämpfer waren dort zu sehen, die vor einem zerstörten "Dingo" der Bundeswehr posierten und ihre Waffen in die Kamera hielten. Angeblich, so erzählte es der Fotograf jedenfalls, hätten sie sich dabei über die Bundeswehr lustig gemacht: Sie sei wohl zu weich für den Krieg. Die Bilder waren einen Tag später auf den Titelseiten zu sehen.

Die Bilder müssen allerdings lange nach dem Angriff geschossen worden sein, schließlich war der "Dingo" - wahrscheinlich von Dorfbewohnern - schon völlig ausgeschlachtet. Ebenso erkennbar war, dass unter dem Panzer Feuer gelegt wurde. So als brenne das Wrack noch.

An der Wirkung der Bilder ändert das wenig. Die neuen Aussagen werden nicht die letzten bleiben, in den kommenden Tagen wird es vermutlich neue Drohungen gegen die Bundeswehr geben, dies war jedenfalls bei vergleichbaren Situationen oft so. Möglicherweise greifen die Taliban - oder besser gesagt ihre Medienabteilung - sogar die aktuelle Debatte um Ausrüstung und Ausbildung auf. Die deutsche Diskussionslage ist für sie im Internet leicht nachzuvollziehen. Nicht auszuschließen ist auch, dass noch Videobilder des Gefechts vom Karfreitag auftauchen.

Anmerkung der Redaktion: In diesem Text war zunächst missverständlicherweise zu lesen, die beschriebenen Bilder seien "Werk der Taliban-Propagandaabteilung". SPIEGEL ONLINE wollte damit weder den Fotografen noch die Agentur Reuters in die Nähe der Taliban rücken. Der Text wurde daher an den entsprechenden Stellen überarbeitet. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frubi 07.04.2010
1. .
Zitat von sysopGestellte Bilder, markige Sprüche: Nach dem schweren Gefecht mit drei getöteten Bundeswehr-Soldaten läuft die Propaganda-Maschine der Taliban auf Hochtouren. Die Aufständischen wissen genau, wie schwach der Rückhalt für den Einsatz in Deutschland ist. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687674,00.html
Unsere Medien betreiben doch auch eine Pro-Einsatz (is ja kein Krieg) Politik. Auch wenn man über einige Dinge nichts berichtet ist das eine Art von Propaganda. Erinnert sich noch jemanden an die glanzvollen Bildern des Herrn zu Guttenberg? Das war keine Inszenierung? Die Aufständischen sollten auch wissen, dass das Volk diesen Einsatz nicht will. Das vermindert eventuell das Risiko auf einen Anschlag auf deutschem Boden. Die sind ja nicht so Dumm wie sie meistens dargestellt werden (dumme und verrückte Bauern mit AK`s).
pette 07.04.2010
2. Medien
Warum haben die überhaupt Telefonate? Warum hören die nicht ab von wo aus der beteiligte Taliban telefoniert und schicken einen Marschflugkörper rauf? Oder warum schnappt sich niemand die Taliban deren Gesichter auf den Bildern zu erkennen sind? Für mich völlig unverständlich. Eigentlich schon fast Kollaboration mit dem Feind.
lindan, 07.04.2010
3. Falle umkehren
Am besten wäre es, wir parken einen Tanklaster mit laufendem Motor und ohne Bewachung irgendwo in der Prärie. Die Taliban müssen ihn dann nur noch abholen. Das war das einzige Mal, dass die Bundeswehr gegen die Taliban ernsthaft punkten konnte.
frubi 07.04.2010
4. .
Zitat von lindanAm besten wäre es, wir parken einen Tanklaster mit laufendem Motor und ohne Bewachung irgendwo in der Prärie. Die Taliban müssen ihn dann nur noch abholen. Das war das einzige Mal, dass die Bundeswehr gegen die Taliban ernsthaft punkten konnte.
Gegen die Taliban und leider auch gegen verdammt viele unschuldige Zivilisten. Haben Sie die Berichte nicht gelesen? Wir können ja bei der nächsten Geiselnahme auf deutschem Boden auch das gesamte Gebäude samt Geiseln in die Luft sprengen. Hauptsache man hat den Täter erledigt. Das wäre dann nach ihrer Logik.
slider, 07.04.2010
5. Schon vergessen ?
War es nicht ein Bundeswehrsoldat der ca. 2006 mit dem Schädel eines "Einheimischen" auf Fotos posiert ? Ich schätze der Sprecher der Taliban hat den Karfreitagseinsatz nur als "angemessen" bezeichnen wollen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.