Bundeswehr in Afghanistan "Wir wollten sofort wieder raus"

Hauptfeldwebel Horst D. war mit seinen Kameraden in der Nähe des Gefechts, bei dem am Karfreitag drei Bundeswehrsoldaten starben. Drei Tage später rückte er mit seinen Männern nahe Kunduz erstmals wieder aus - SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim war dabei.

Hasnain Kazim

Der Tag beginnt mit schlechten Nachrichten für Sissi, Blacky, Duplo, Bambam, Sid, Beowulf und Eisenhorst. Über Funk erreicht die Bundeswehrsoldaten die Nachricht, dass drei Autos der afghanischen Armee gestohlen wurden. "Wenn wir Pech haben, ist der Gegner jetzt im Besitz dieser Fahrzeuge", meldet der Funker.

Die sieben Männer bilden die Besatzung eines Transportpanzers vom Typ Fuchs. Hauptfeldwebel Horst D. alias Eisenhorst ist der Chef und etwa Mitte 30. Damit ist er der Älteste. Die anderen Soldaten sind Anfang 20 und nennen Eisenhorst "den Uralten". Wenn er nicht in der Nähe ist, auch "den Hässlichen" - wegen der Falten, sagen sie lachend. Die echten Namen nutzt hier niemand, selbst auf den Kampfanzügen stehen nur die Tarnnamen.

Die Rückkehr zum Alltag scheint den Soldaten gut zu tun an diesem sonnigen Morgen in Kunduz, im Norden von Afghanistan. Die Männer waren ganz in der Nähe des Gefechts am Karfreitag, bei dem drei ihrer Kameraden getötet wurden. "Höchstens einen Kilometer entfernt", sagt Eisenhorst. "Auch auf uns wurde geschossen." Er erzählt nicht viel über diesen dunklen Tag, seine Soldaten sollen den Blick nach vorne richten. Nur diejenigen, die ganz dicht bei jenen waren, die ihr Leben ließen, haben an diesem Ostermontag noch frei, sie sollen zur Ruhe kommen. Für die anderen gilt: Zurück an die Waffen!

Ein Konvoi von 16 Fahrzeugen rückt aus dem Lager der Bundeswehr in Kunduz aus. Die Fahrt geht ins 60 Kilometer östlich gelegene Taloqan in der benachbarten Provinz Takhar. Dort betreibt die Bundeswehr seit Februar 2008 ein "Provincial Advisory Team", kurz PAT: Die Soldaten sollen die örtlichen Sicherheitsbehörden beraten und Schulen, Krankenhäuser und Straßen bauen. Sogar ein Schlachthaus ist in Planung.

Das Camp in Taloqan ist klein, "etwa so groß wie zwei Fußballfelder", sagt PAT-Chef Major Mario C. Es gibt einen Sportraum, die Kantine ist ein Zelt. Über das Internet haben die Soldaten Zugang zur Außenwelt. Raus in die Stadt, die direkt vor dem Lagertor liegt, dürfen sie in der dienstfreien Zeit aus Sicherheitsgründen nicht.

"Wir nehmen diesmal etwas mehr Munition mit"

In Taloqan versehen nur wenige Bundeswehrangehörige ihren Dienst. "Das liegt im zweistelligen Bereich", sagt Mario C. Eine genauere Zahl nennt er nicht - der Feind soll keine exakten Angaben erfahren. "Wenn Kunduz der Arsch der Welt ist, ist Taloqan ihr Anus", sagt ein Soldat. Der Konvoi aus Panzern, Truppentransportern und Geländeautos soll den Standort an diesem Ostermontag von Kunduz aus versorgen. Mit Lebensmitteln, militärischer Ausrüstung und vor allem mit Feldpost - die Soldaten warten sehnsüchtig auf Ostergrüße aus der Heimat. Auch ein Geldbote ist dabei.

Als die Soldaten in ihre Fahrzeuge steigen, haben sie das tödliche Gefecht vom Karfreitag im Hinterkopf. "Der Tod von drei Kameraden ist bitter, aber wir haben unsere Lektion gelernt", sagt Duplo. Einer seiner Kameraden wird konkreter: "Wir nehmen diesmal etwas mehr Munition mit", sagt er. Für den Fall eines neuen Angriffs durch Taliban wollen sie gerüstet sein und auch ein noch längeres Gefecht durchstehen können.

"Am Anfang waren wir nur wütend", sagt Bambam über den Tod der Kameraden. "Wir wollten sofort wieder raus und es denen zeigen." Aber sie wurden zurückgehalten, sie sollten das Erlebte erst verarbeiten. Zur Wut hatte sich Trauer gemischt - Wut und Trauer sind nicht hilfreich im Einsatz.

In den vergangenen 72 Stunden haben sich die Gemüter beruhigt, die Soldaten gehen wieder zu den Alltagsfrotzeleien über: "Du bist immer noch so hässlich wie gestern", albert einer. Eisenhorst schreit herum, weil einer seiner Männer vergessen hat, den Helm aufzusetzen: "Ich finde das nicht mehr witzig!" Nach einem tragischen Vorfall scheint sogar der raue Bundeswehrton plötzlich sinnvoll zu sein.

Die Gefahren ihres Einsatzes seien ihnen bewusst, sagen die Soldaten - aber es ärgert sie die Debatte in Deutschland über einen möglichst raschen Abzug aus Afghanistan. Sie finden nicht, dass sie zu schlecht ausgerüstet sind, wie der frühere Generalinspekteur Harald Kujat nach dem tödlichen Vorfall erklärte. "Der Alte redet viel, weil er nix mehr zu sagen hat", schimpft ein Soldat über den Ex-General.

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Seite 1
slider, 06.04.2010
1. Welch Geistes Kind
die BW´ler da unten sind sind man schon an deren "Tarnnamen". Ich hatte bei der Überschrift "Wir wollten sofort wieder raus" gehofft, das der Soldat damit meinte, dass er wieder nach Hause möchte. Aber nein, da hat wohl noch nicht genug in die seelische Fresse bekommen und will ins "Gefecht". Also wen der im geschmückten Sarg wieder in die Heimat geflogen wird und ich dies bei Chips und Bier im Fernsehen verfolgen darf, werde ich lieber umschalten, so ein Schwachsinn muß ich mir nicht am TV reinziehen.
Pnin_ 06.04.2010
2. Die Soldaten werden von den Politikern verheizt
Die Soldaten werden doch von den Politikern verheizt. Durch die Mentalitaet von rot-gruen-rot ist es den Soldaten verboten sich zu wehren, es koennte ja ein als Zivilist verkleiderter Taliban doch ein richtiger Zivilist sein, der nur zufaellig die Soldaten beschiesst. Ein Bundeswehrsoldat gilt weniger als ein toter Terrorist. Jede Taliban-Familie erhaelt noch eine Millionenentschaedigung waehrend die Angehoerigen des Soldaten nur den Blues haben. Mit einem Luftangriff haette man die Toten vermeiden koennen. Aber welcher General will erneut seine Job verlieren weil er so 'grausam' handelt. Deutschland ist innen-/ und aussenpolitisch eine Lachnummer. Auf die CDU/FDP kann man auch nicht mehr zaehlen, der Linkstrend und das fehlende Rueckgrat sind mehr als deutlich. Kein Wunder, das in NRW soviele Waehler konservative alternativen wie pro-NRW waehlen werden. Man kann nur hoffen, dass es eine Lehre fuer die 'ebalierten Parteien' sein wird.
Mulharste, 06.04.2010
3. -
Zitat von sliderdie BW´ler da unten sind sind man schon an deren "Tarnnamen". Ich hatte bei der Überschrift "Wir wollten sofort wieder raus" gehofft, das der Soldat damit meinte, dass er wieder nach Hause möchte. Aber nein, da hat wohl noch nicht genug in die seelische Fresse bekommen und will ins "Gefecht". Also wen der im geschmückten Sarg wieder in die Heimat geflogen wird und ich dies bei Chips und Bier im Fernsehen verfolgen darf, werde ich lieber umschalten, so ein Schwachsinn muß ich mir nicht am TV reinziehen.
ICh kann dieses Couch Geseiere nicht mehr hören....diese unterträgliche Bigotterie, diese swiderliche Gutmenschentum, dieser alberne "wes geistes Kind" Gequatsche... setzen Sie sich in die Sonne, trinken Sie ein Bier und verschonen Sie mich mit diesem unsäglichen Müll, den Sie von sich geben....Sie haben schlicht keine Ahnung!
BerndSchirra, 06.04.2010
4. Kopfschütteln
Wenn ich diesen Bericht lese kann ich nur noch den Kopf schütteln. Wofür halten sich diese Amateurkrieger?Für Rambo? Ich wusste ja schon immer das man als unterer Dienstgrad keinen hohe Intellekt besitzen darf. Wenn bei diesen Einsätzen ein Offizier mitfahren würde,gäbe es wahrscheinlich diese Patrouillen nicht mehr.
Oma Peters, 06.04.2010
5. Genau,
... mit Beowulf und Eisenhorst ist der Endsieg gar nicht mehr zu vermeiden. Mehr Munition ist dafür nicht notwendig. Coole Designersonnenbrillen reichen völlig aus. Und Stahlhelme sind nur was für Weicheier wie Klaus-Inge.
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