Bundeswehr-Mission in Afghanistan Deutsche Soldaten zweifeln am Partnering-System

Ist die Ausbildungsmission der Bundeswehr am Hindukusch zu riskant? Nach den Todesschüssen eines afghanischen Rekruten auf deutsche Einsatzkräfte zweifeln viele Soldaten am Konzept des Partnering. Der Angreifer wurde nach Informationen von SPIEGEL ONLINE offenbar von den Taliban angeworben.
Von Matthias Gebauer, Hasnain Kazim und Shoib Najafizada
Afghanische Soldaten (bei einer Übungsmission mit der Bundeswehr): Einsatz zu riskant?

Afghanische Soldaten (bei einer Übungsmission mit der Bundeswehr): Einsatz zu riskant?

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Berlin/Kabul - Nach den tödlichen Schüssen eines afghanischen Rekruten auf die Bundeswehr am vergangenen Freitag ist innerhalb der Afghanistan-Truppe eine intensive Diskussion um die Zukunft der gemeinsamen Arbeit von Deutschen und Afghanen entbrannt.

Mehrere Soldaten berichteten SPIEGEL ONLINE aus dem Einsatzgebiet, die Soldaten hätten Angst vor weiteren Angriffen von afghanischen Rekruten auf die Bundeswehr. Einige sprechen gar von einer Revolte innerhalb des Einsatzkontingents. Demnach hätten mehrere Soldaten die Teilnahme an weiteren Missionen mit den Afghanen verweigert.

Am vergangenen Freitag hatte der 26-jährige Soldat Mohammed Afzal nach der Rückkehr von seiner Wachschicht am äußeren Sicherheitsrings des Außenpostens "OP North" im nordafghanischen Baghlan mit einer AK-47 das Feuer auf eine Gruppe von Panzergrenadieren eröffnet, die gerade auf ihren "Marder"-Panzern arbeiteten. Innerhalb von Sekunden feuerte er eine ganze Salve von Kugeln ab.

Drei Soldaten verstarben nach dem Angriff. Der Schütze wurde bei dem anschließenden Schusswechsel getötet. Bei dem Angriff wurden weitere sechs Soldaten zum Teil schwer verletzt. Mittlerweile nach Deutschland ausgeflogen sind zwei von ihnen Bundeswehr-Angaben zufolge außer Lebensgefahr.

Im zentralen Bundeswehrstützpunkt in Masar-i-Scharif nahmen die Bundeswehrsoldaten am Montag Abschied von ihren getöteten Kameraden. Die Leichen der Gefallenen wurden durch ein Ehrenspalier von Hunderten Soldaten zum Flughafen am Feldlager nahe der nordafghanischen Stadt gefahren.

Zweifel am System des Partnering wachsen

Der blutige Vorfall bestätigt für viele Soldaten auf fatale Weise ihre Zweifel an dem Partnering-Konzept, bei dem deutsche Soldaten die afghanische Armee ausbilden. In der Einsatzrealität leben deutsche und afghanische Soldaten besonders auf Außenposten wie dem "OP North" sehr eng nebeneinander. Der afghanische Kandak, die Armee-Einheit von Mohammed Afzal, übernahm vor der Attacke auf die Bundeswehr eigenverantwortlich die Sicherung des Camps mitten im Feindesland.

Der gesamte Kandak wurde kurz nach dem Vorfall durch eine andere Gruppe von Afghanen ausgetauscht. Viele Bundeswehrsoldaten misstrauen aber auch den neu ins Lager beorderten Soldaten der Afghan National Army (ANA).

Die Schießerei im eigenen Camp schockiert die Truppe. "Die Stimmung", schreibt einer der Soldaten aus dem Außenposten, "ist am Tiefpunkt angekommen." Er will zwar die Soldaten der ANA nicht vorverurteilen, die Verunsicherung bei den Deutschen habe gleichwohl zugenommen.

Viele der Soldaten auf dem Außenposten haben nur noch rund zehn Tage, dann sollen sie nach Hause fliegen. In diesen letzten Tagen, berichtete ein anderer Bundeswehrsoldat, wolle niemand ein Risiko eingehen, deswegen lehnten manche die Zusammenarbeit mit den Afghanen ab.

"Die Afghanen halten uns für Ungläubige"

Nach dem Blutbad in Baghlan wirkt die Truppe grundsätzlich verunsichert, ob sich das Konzept des Partnerings weiterführen lässt. Mehrere Soldaten, überwiegend Unteroffiziere, berichteten SPIEGEL ONLINE, sie hätten "keinen Bock" mehr, mit afghanischen Soldaten zusammenzuarbeiten.

"Wir sollen sie ausbilden, aber die halten uns für Ungläubige, die nichts in ihrem Land verloren haben", sagte ein Soldat. Man könne nach dem Vorfall nicht mehr sagen, "ob sie im nächsten Moment ihre Waffe auf einen richten", klagte ein anderer Soldat über die Ängste in der Truppe.

Die Berichte der Soldaten geben erstmals einen Einblick in die Kooperation mit den Afghanen, die offenkundig schon vor der Attacke schwierig war. "Viele afghanische Kameraden rennen hier völlig bekifft herum, man weiß überhaupt nicht, ob die gerade einsatzfähig sind oder nicht", berichtete ein Soldat aus Masar-i-Scharif.

Andere Soldaten hatten nach den tödlichen Schüssen recht konkret beschrieben, dass die Einheit des späteren Schützen regelmäßig abends zum Haschisch-Rauchen in ein Gebüsch außerhalb des Lagers verschwunden sei.

Ebenso soll der Angreifer schon vorher durch Tiraden gegen die Bundeswehr aufgefallen sein. Afghanische Soldaten sagten SPIEGEL ONLINE, Afzal habe einen regelrechten Hass gegen die ausländischen Soldaten entwickelt, mehrmals habe es auch Streit mit den Ausbildern von der Bundeswehr gegeben.

Todesschütze wurde womöglich von den Taliban angeworben

Die Bundeswehr hält sich bisher offiziell mit einer Bewertung der Vorgänge zurück. Die Ermittlungen liefen noch, hieß es. Grundsätzlich aber, das hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg klargestellt, solle das Partnering trotz der Risiken weitergehen.

Auch die afghanische Seite bemühte sich, die Diskussion um die Zukunft der Mission zu beruhigen. Am Freitagabend war der Kommandeur aller afghanischen Soldaten in Nordafghanistan in dem Außenposten eingetroffen und versprach eingehende Ermittlungen zu dem Vorfall.

"Es ist ein tragischer Fall, der uns alle betroffen macht", sagte Brigadegeneral Zalmay Weza SPIEGEL ONLINE, "aber es handelte sich um einen Einzelfall." Weza ist Kommandeur des 209. Korps der ANA und befehligt alle afghanischen Soldaten in Nordafghanistan. Er betonte, dass alle seine Soldaten "geschockt und traurig" seien.

Die ersten Untersuchungsergebnisse der afghanischen Armee sind beunruhigend. "Wir gehen davon aus, dass Afzal von den Taliban angeworben worden ist und in deren Auftrag den Anschlag auf die Deutschen verübt hat", sagte Brigadegeneral Weza am Montag. Der Soldat sei seit rund neun Monaten bei der ANA, in dieser Zeit sei er nicht auffällig geworden.

Nach den tödlichen Schüssen aber recherchierte die Armee im Umfeld des Attentäters. Afzal war demnach vor dem Einsatz in Nordafghanistan bei mehreren Operationen im Süden des Landes stationiert, danach fuhr er zu seiner Familie, die in Pakistan lebt. "Wir haben den Verdacht, dass Afzal von den Taliban angeworben worden ist und in deren Auftrag den Anschlag auf die Deutschen verübt hat", sagte Weza in einem Telefon-Interview.

"Zwischen denen und uns stimmt die Chemie nicht"

Eingehende Ermittlungen hatte am Wochenende bereits Präsident Hamid Karzai versprochen, er rief deshalb Kanzlerin Angela Merkel an. Anlässlich der Trauerfeier in Masar-i-Scharif übergab die afghanische Armee einen Kondolenzbrief an die Bundeswehr. "Es ist klar, dass die Feinde des Friedens nicht in der Lage sind, einen Keil zwischen uns zu treiben", heißt es in dem Schreiben. Die Mehrheit der afghanischen Soldaten aber schätze die Bundeswehr-Präsenz im Land.

Brigadegeneral Weza wollte am Montag die Berichte über den Drogenkonsum seiner Soldaten und über Streitigkeiten mit den Deutschen nicht bestätigen. Seine Ermittler seien noch dabei, Vernehmungen durchzuführen und den persönlichen Hintergrund des Angreifers, der aus der Provinz Paktya stammt, zu klären. Dass regelmäßiger Drogenkonsum in der afghanischen Armee zum Alltag gehört, ist seit langem bekannt. Dieses Problem thematisiert auch ein Video des "Guardian" von 2009, das bei YouTube zu sehen ist. 

Die in Afghanistan eingesetzten Bundeswehrsoldaten machen sich ihre eigenen Gedanken über die Zukunft der Mission. "Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Zwischen denen und uns stimmt die Chemie nicht", sagte ein erfahrener Unteroffizier über das Partnering nach bisherigem Muster. Grundsätzlich sei die Ausbildung der Afghanen möglich und nötig, nur könnten die Lehrer keine Amerikaner oder Westeuropäer sein. "Ich bin mir sicher, türkische Soldaten würden das hinbekommen", glaubt der Afghanistan-Kenner. Bei einer solchen Mission sei der "kulturelle Graben" nicht so tief.

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