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Tod von Rabbani: Rückschlag für die Friedensbewegung

Foto: S. Sabawoon/ dpa

Burhanuddin Rabbani Ex-Präsident Afghanistans bei Anschlag getötet

Bei einem Attentat in Kabul ist der Ex-Präsident Afghanistans, Burhanuddin Rabbani, ums Leben gekommen. Er hatte Friedensverhandlungen mit Taliban-Vertretern geführt - einer der Männer hatte in seinem Turban eine Bombe versteckt. Bei der Explosion in der Nähe der US-Botschaft starben weitere Mitarbeiter des Friedensgremiums.

Kabul - Der ehemalige afghanische Präsident Burhanuddin Rabbani ist am Dienstag bei einem Selbstmordanschlag in der Nähe der US-Botschaft in Kabul getötet worden. Augenzeugen am Tatort beschrieben SPIEGEL-ONLINE-Reporter Shoib Najafizada, die Explosion habe sich innerhalb des schwer gesicherten Anwesens des landesweit bekannten Politikers ereignet. Die BBC meldete, Rabbani habe sich zur Zeit des Anschlags mit zwei Vertretern der Taliban getroffen. Rabbani ist Chef des Hohen Friedensrats in Afghanistan, der mit den Taliban Verhandlungen führt.

Die Polizei sperrte die Straße Nummer 10 mitten im Herzen Kabuls umgehend ab, mehrere Krankenwagen rasten zum Ort der Explosion. Ein Wächter des Anwesens sprach von mehreren Toten und vielen Verletzten. Seinen Angaben zufolge wurden neben Rabbani auch mehrere andere Mitarbeiter des Friedensgremiums getötet. Als lebensgefährlich verletzt gilt Polizeiangaben zufolge Mohammed Stanekzai - er hatte die Leitung eines Reintegrationsprogramms für Mitläufer und Fußsoldaten der Taliban geführt. Durch das Programm sollen den Aufständischen die Kämpfer entzogen werden. Die internationale Gemeinschaft unterstützt die Initiative mit vielen Millionen Euro.

Mohammed Zahir, Chef der Kriminalpolizei in Kabul, sagte SPIEGEL ONLINE, den Ermittlungen zufolge sei Rabbani durch die heftige Explosion ums Leben gekommen. "Bisher wissen wir, dass fünf Menschen getötet worden sind", sagte Zahir.

Über den genauen Hergang des Anschlags gibt es bisher nur Mutmaßungen. Ein Polizist am Tatort sagte SPIEGEL ONLINE, in dem Haus von Rabbani sei für heute ein Treffen mit zwei Vertretern der Taliban geplant gewesen. Einer der Männer habe den Sprengstoff für die tödliche Attacke unter seinem Turban ins Haus gebracht. Wer die beiden Abgesandten der Taliban waren, konnte der Polizist nicht sagen.

Die ersten Ermittlungen ergaben, dass Stanekzai den Attentäter und seinen Begleiter offenbar selber in das Haus von Rabbani gebracht hatte. Demnach holte er die beiden Kommandeure - die für angebliche Friedensgespräche gekommen waren - mit seinem Auto an einem geheimen Treffpunkt ab. Als er ans Tor des Anwesens kam, kontrollierten die Wächter die Insassen des Autos nicht genau, da sie sie für Gäste Stanekzais hielten. Laut Augenzeugen zündete einer der beiden schließlich seinen Sprengsatz, als er Rabbani begrüßte.

Aus Polizeiquellen in Kabul hieß es zunächst, möglicherweise sei der Angriff auf die beiden hochrangigen Politiker von einem der Bodyguards von Rabbani ausgeführt worden.

Tiefschlag für Karzais Friedensinitiative

Der Angriff ist wohl der schwerste Rückschlag in Afghanistan dieses Jahr. Rabbani, ein Tadschike aus der Nordprovinz Badakshan, gilt als einer der bekanntesten und einflussreichsten Politiker Afghanistans. Wegen seines Rufs trauten ihm der Westen und auch Präsident Hamid Karzai zu, dass er mögliche Friedensgespräche mit den Taliban beginnen könne. Der Friedensrat war vor einem Jahr von der afghanischen Regierung initiiert worden, um eine politische Lösung des Konflikts in dem Land zu erreichen. So sollte das Gremium auch die aufständischen Taliban einbeziehen und direkte Verhandlungen mit der Taliban-Führung aufnehmen.

Durch solche Verhandlungen - das jedenfalls ist die Hoffnung in Kabul und der in Afghanistan engagierten Nationen aus dem Ausland - soll ein politischer Kompromiss zwischen den Aufständischen und der vom Westen gestützten Regierung in Kabul möglich werden. Und somit letztlich auch ein Abzug der internationalen Truppen: Dieser ist recht optimistisch bereits für das Jahr 2014 angepeilt.

Mit dem Mord an Rabbani erleidet die Friedensinitiative von Präsident Karzai einen kaum zu überschätzenden Tiefschlag. Auch wenn sich die Taliban bisher nicht zu dem Anschlag bekannt haben, wird der Tod Rabbanis als Zeichen gewertet werden, dass sie keine Verhandlungslösung mit der Karzai-Regierung oder dem Westen wollen. Zudem unterstreicht der Tod die massiven Zweifel an der Sicherheitslage in Kabul, wo Rabbani inmitten der westlichen Botschaften und den Ministerien der afghanischen Regierung residierte.

In der vergangenen Woche hatten Aufständische einen Großangriff auf das Diplomatenviertel in Kabul verübt. Bei dem rund 19 Stunden dauernden koordinierten Angriff in der Nähe der US-Botschaft in Kabul waren am Dienstag und Mittwoch mindestens 14 Afghanen, darunter drei Kinder, getötet worden.

"Das wohl schlechteste Vorzeichen"

In der internationalen Gemeinschaft wurde der Tod Rabbanis schockiert zur Kenntnis genommen. "Mit der Ermordung hat der Friedensprozess vielleicht ein blutiges Ende genommen, bevor er eigentlich richtig angefangen hat", sagte ein hochrangiger westlicher Diplomat in Kabul. Vor der großen Afghanistan-Konferenz im Winter in Deutschland sei diese Tat "das wohl schlechteste Vorzeichen". Auf der Konferenz, zu der Deutschland und Afghanistan gemeinsam einladen, sollte der Friedensprozess eine zentrale Rolle spielen.

Präsident Karzai hat seine US-Reise abgebrochen. Wenige Stunden vor dem Attentat in Kabul hatte er vor der UN-Vollversammlung in New York gesprochen. Von dort meldete sich auch Bundesaußenminister Westerwelle zu Wort. Die "Ermordung" Rabbanis habe ihn tief erschüttert. Er habe alles dafür getan, die tiefen Gräben von Gewalt und Hass zu überwinden und die Zukunft über die Vergangenheit zu stellen. "Dafür hat er nun mit seinem Leben bezahlt."

Rabbani zählte zu einer Gruppe von Mudschahedin-Führern, die in den achtziger Jahren gegen die sowjetischen Truppen im Land kämpften. Von 1992 bis 1996 war er afghanischer Präsident, bevor er von den Taliban gestürzt wurde. Rabbani wurde anschließend der nominelle Führer der Nordallianz, die nach dem Sturz der Taliban in Kabul an die Macht kam.

aar/AFP/Reuters/dapd/AP