Rohingya in Burma Flüchtling im eigenen Land

Seit Wochen verfolgt die ganze Welt, wie Flüchtlinge aus Burma auf hoher See um ihr Leben kämpfen. Was treibt die Volksgruppe der Rohingya in diese Gefahr? Ein Besuch in einem Camp in ihrer Heimat zeigt: Die eigene Regierung lässt ihnen kaum eine Wahl.

SPIEGEL ONLINE

Aus Sittway, Burma, berichtet


Burma ist ein wohlhabendes Land: Vergoldete Pagoden zeugen von den Reichtümern, die der Export von Rubinen und Jade, von Teakholz und Reis seit Jahrhunderten in die Schatullen seiner Machthaber spült. Öl- und Gasvorkommen unter der See von Bengalen garantieren Burma auf Jahrzehnte ein Auskommen.

Es ist also nicht einzusehen, warum Nour Alome Hunger leiden muss.

Der 28-Jährige ist gesund und arbeitswillig. Nichts täte er lieber, als im Morgengrauen mit einem Kutter aufs Meer zu fahren, um Fisch für sich und seine Familie zu fangen wie früher. Doch Alome darf nicht mehr arbeiten.

Er darf auch nicht mehr in dem Dorf Thandoly leben, in Burmas Küstenprovinz Rakhine, wo seine Vorfahren über Generationen heimisch waren. Stattdessen haust er zur Untätigkeit verdammt in einem aus 150 Bambushütten bestehenden Lager, das das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen gebaut hat.

Alome ist Rohingya, was bedeutet, dass er sich als muslimischer Burmese fühlt, die Militärregierung in Yangon ihn jedoch als artfremden "Immigranten" abstempelt. Die Rohingyas werden seit Jahrzehnten verfolgt, ihr Land wird beschlagnahmt, den geschätzt 1,5 Millionen Angehörigen der Volksgruppe die burmesische Staatsangehörigkeit verweigert.

Der jüngste Ausbruch von staatlich orchestrierter Gewalt gegen die Muslime ereignete sich 2012, als radikale Buddhisten Rohingya-Dörfer in Brand steckten und Hunderte Menschen starben. Auch Thandoly wurde damals angezündet. Alome und 750 andere Dorfbewohner entkamen nur knapp der Mordlust ihrer von Rädelsführern aufgestachelten Nachbarn. "Wir wussten nicht, warum sie uns auf einmal angreifen", sagt Alome. "Wir haben doch immer friedlich zusammen gelebt, zusammen gefischt."

Die Kinder lernen nichts

Hunderttausende Rohingyas sind seit den Pogromen vor drei Jahren Vertriebene im eigenen Land. Ein Großteil von ihnen campiert außerhalb der Küstenstadt Sittway. Allein in den vergangenen drei Monaten haben sich von den hiesigen Stränden mindestens 150.000 Rohingyas eingeschifft, um in Malaysia, Thailand oder Indonesien ein neues, besseres Leben zu suchen. Hunderte wenn nicht Tausende sind während der Überfahrt gestorben. Wer sein Ziel erreicht, landet in der Hand von Menschenhändlern und oft in einer Art Sklaverei.

Im Video: Das Flüchtlingsdrama in Südostasien

Warum Zigtausende Eltern trotzdem beschließen, sich und ihre Kinder auf klapprigen Kuttern in Lebensgefahr zu bringen, wird klar, wenn man die Camps der Rohingyas besucht. Die Leute werden in allerbitterster Armut gerade so am Leben gehalten. In Camp Ohn Taw Gyi West, in dem Alome lebt, sind Männer, Frauen und Kinder ausgemergelt. Zwischen den Bambushütten trocknet stark riechender Fisch: Die Camp-Bewohner fangen ihn in den umliegenden Lagunen. Zusammen mit von Hilfsorganisationen gestiftetem Reis ist er an den meisten Tagen die einzige Nahrung.

Im Lager gibt es keinen Strom, kein Radio, keinen Fernseher. Apathie bestimmt den Alltag. Kein Arzt schaut nach den Bewohnern, kein Lehrer unterrichtet die Kinder. Die Kleinen vertrödeln ihre Tage, indem sie an Bindfäden gebundene Krebse spazieren führen oder im Wasser der vom UNHCR gebohrten Brunnen spielen. "Unsere Kinder lernen nichts, haben keine Zukunft", sagt Alome.

Die Marschlandschaft rund um die burmesische Küstenstadt Sittway ist gesprenkelt mit Camps wie dem, in dem Alome lebt.

"Die Generäle lügen und betrügen"

Überall manifestiert sich hier die Hilflosigkeit internationaler Organisationen angesichts der staatlich verordneten Schikane. Denn zwischen den Hütten steht durchaus auch mal ein Schulgebäude oder eine kleine Klinik. "Gestiftet von der Volksrepublik China" oder "Bau finanziert von Human Appeal" ist auf den großen Tafeln am Zaun zu lesen. Doch die Gebäude stehen leer: Yangon schickt keine Lehrer und viel zu wenig Ärzte in die Region im Sittway.

"Das ist reine Absicht, sie wollen uns außer Landes treiben", sagt Kway Hla Aung, ein prominenter Rohingya-Aktivist. Der 75-Jährige sitzt im Innenhof einer Islamschule, in der gerade gefeiert wird: 14 junge Männer haben die Prüfungen bestanden und dürfen nun als Mullahs, als Geistliche, tätig sein. Seit Jahrzehnten kämpft der Anwalt gegen die Enteignung von Rohingyas. Insgesamt 14 Jahre saß er dafür hinter Gittern. Er hält nichts von den jüngsten Versprechen der Machthaber, angesichts der Bootsflüchtlingskrise vor den Küsten Thailands, Malaysias und Indonesiens versprachen, die Rohingyas künftig besser zu behandeln. "Die Generäle lügen und betrügen, wo sie können."

Kway Hla Aung setzt all seine Hoffnungen auf die internationale Gemeinschaft. "Burma ist wirtschaftlich abhängig vom Export, von der Welt da draußen", sagt er. Wenn die Staatengemeinschaft genügend Druck ausüben würde, werde sich das Schicksal der Rohingyas zum Guten wenden müssen, so der Anwalt.

Ähnliche Hoffnungen hegt auch der ehemalige Fischer Alome, der sich mit der Hand auf dem Herzen und einer Botschaft verabschiedet. "In unseren Herzen ist viel Schmerz. Alle Menschen sind eine große Familie. Ihr seid unsere Brüder und Schwestern. Bitte seht unser Leid. Helft uns!"

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kraichgau12 25.05.2015
1. der artikel ist sehr einseitig
das die rohingyas migranten aus bangladesh sind,die über die Jahrzehnte über die grüne grenze einwanderten,kein wort das die gewaltexzesse vor drei jahren von ihnen ausgingen, kein wort das burma sehr gut daran tut, keine vergleichbaren probleme wie im süden thailands zu dulden in der entwicklung,kein wort nur die sicht der einen wird vermittelt,die unrechtmaessig im nachbarland ihrer heimat siedler spielen. Bezeichnend, das nur die madrassa funktioniert!
Wellness 25.05.2015
2. Entwicklungspolitik
Was treibt die Internationale Entwicklungspolitik? Da wird eine Nobelpreisträgerin geehrt das Militär bleibt Straffrei ihre Verbrechen werden noch honoriert.Und ganze Randgruppen werden vor den Augen der Öffentlichkeit dem Schicksal über lassen.Europa täte gut daran diese Korrupten Diktatoren und Clans in die Schranken zu weisen.Wir exportieren die Armut und Hilflosigkeit zurück zu uns wie Klug
ofelas 25.05.2015
3. Amnesty International
"the most persecuted refugees in the world" die am meisten verfolgte Flüchtlinge in der Welt http://www.amnesty.org.au/refugees/comments/35290/ zumeist im 19 Jahrhundert waehrend der Kolonialzeit von den Briten nach "Burma" geholt
ladozs 25.05.2015
4. Armut erzeugt Druck!
Myanmar ist aktuell mit Sicherheit kein reiches Land.Laut Wiki steht es an 150.Stelle des HDI,also mit wirklich niedrigem Prokopf-Einkommen.Ein noch ärmeres Land ist zum Beispiel Gambia in Westafrika an 172. Position.
wortgewalt87 25.05.2015
5. Erbrech-Journalismus
"Burma ist ein wohlhabendes Land: Vergoldete Pagoden zeugen von den Reichtümern, die der Export von Rubinen und Jade, von Teakholz und Reis seit Jahrhunderten in die Schatullen seiner Machthaber spült. Öl- und Gasvorkommen unter der See von Bengalen garantieren Burma auf Jahrzehnte ein Auskommen." Die Regierung ist reich. Das Volk ist bitterarm. Das Volk ist gebrochen. Nicht nur die Rohingya. Nicht nur die Rohingya haben keine Schulen, keinen Zugang zu Bildung, keine beruflichen Perspektiven. Aber durch diese einseitige, tendenziöse Berichterstattung lassen sie sich viel einfacher zum Opfer stilisieren, als wenn man auf die Hintergründe eingehen würde.
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