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Gewalt gegen Muslime in Burma: Wut, Neid und Angst

Foto: Paula Bronstein/ Getty Images

Blutige Unruhen Buddhisten-Mönch terrorisiert Burmas Muslime

Blutige Unruhen zwischen Muslimen und Buddhisten erschüttern Burma. Die Extremistengruppe "969" schürt den Hass. Ihr Anführer ist ausgerechnet ein buddhistischer Mönch - der wegen seiner Hetze "Hitler Burmas" genannt wird. Er ist eine Gefahr für das ganze Land.
Von Karl-Ludwig Günsche

Plötzlich sind sie fast überall, an Schaufensterscheiben, in Taxis, an Hauswänden: Aufkleber mit buddhistischen Symbolen und der geheimnisvollen Ziffernfolge "969". Auf den ersten Blick wirken sie harmlos. Aber die Muslime in Burma werden durch die wachsende Flut der gelben Sticker in Angst und Schrecken versetzt.

Auf den Aufklebern ist zwar ein aus Lehre und Leben Buddhas entlehntes friedliches Symbol zu sehen, es ist aber zugleich Markenzeichen der "gefährlichsten und am schnellsten wachsenden 'buddhistischen' Neonazi-Bewegung in Burma", so Menschenrechtsaktivist Maung Zarni. Ziel der radikalen rassistischen Gruppe "969" ist es, Burma zur muslimfreien Zone zu machen.

Drahtzieher ist Ashin Wirathu, ein freundlich blickender, jungenhaft wirkender buddhistischer Mönch. Manche nennen ihn wegen seiner ungezügelten Hasspredigten den "Hitler Burmas", andere sehen ihn als "Bin Laden von Myanmar", als einen Terroristen, der vor nichts zurückschreckt. Im Kloster Maseyein in Mandalay hat der 45-Jährige Gleichgesinnte um sich versammelt, die durch Burma ziehen und Hass predigen.

Wut, Neid, Angst

Er schürt gezielt Hass, Wut, Neid und Angst: "Wenn du in muslimischen Geschäften einkaufst, bleibt dein Geld nicht dort. Es wird benutzt, um deine Rasse und deine Religion zu zerstören." Die Muslime, so hetzt er, "sind verantwortlich für fast alle Verbrechen in Myanmar: Opium, Diebstahl, Vergewaltigungen".

Doch es bleibt nicht bei Worten. Menschenrechtsaktivist Maung Zarni ist fest überzeugt: "Wirathu und seine '969' sind definitiv auch in die jüngsten gewalttätigen Ausschreitungen gegen Muslime verwickelt." Buddhisten und Muslime lieferten sich in den vergangenen Wochen blutige Auseinandersetzungen. Dutzende Menschen wurden getötet, viele weitere verletzt. Moscheen wurden in Brand gesetzt, Wohnviertel zerstört.

Burmesische Medien berichten unter Berufung auf Augenzeugen, dass Hintermänner aus dem Umkreis Wirathus immer wieder antimuslimische Unruhen im Land organisiert und gesteuert hätten.

Neun Jahre Haft für den Hetzer

Wirathus Kampf gegen die muslimische Minderheit in Burma ist nicht neu: 2003 kam er für neun Jahre hinter Gitter, weil er einer der Anführer bei gewalttätigen Ausschreitungen im Norden Burmas war, die mehrere Menschenleben gefordert haben. Sein Credo war und ist: "Die Muslime wollen, dass Myanmar muslimisch wird." Burmas Buddhisten müssten sich gegen die "muslimische Verschwörung" wehren, sonst werde das Land spätestens 2100 ein islamischer Staat.

Auch wenn Präsidentensprecher Ye Hut abwiegelt, Wirathu und seine Anhänger bildeten nur eine kleine, radikale Minderheit unter den rund 500.000 Mönchen des Landes, nimmt es der Extremistengruppe nichts von ihrer Gefährlichkeit: Ihre rassistischen Botschaften haben Erfolg.

Ashin Gambira, einer der Anführer der Safran-Revolution von 2007 und Hauptkritiker Wirathus, hat eine einfache Erklärung dafür. In 50 Jahren Diktatur hätten die Militärs den Hass auf die zwei bis drei Millionen Muslime in Burma immer wieder gezielt geschürt. "Heute ist dieser Hass so fest in den Köpfen eingebrannt, dass er zu jedem Zeitpunkt und ohne großen Aufwand wieder aufflammen kann."

Ashin Pum Na Wontha, Mönch und Friedenskämpfer, hält seinen Glaubensbruder Wirathu allerdings eher "für eine Marionette, die von Eitelkeit und Ruhmsucht getrieben wird". Hintermänner und Financiers der "969"-Bewegung seien die "Cronies", eine Gruppe von 30 wohlhabenden und einflussreichen Leuten, die eng mit dem Militär verbandelt seien und um ihre Privilegien fürchteten.

Ihr Ziel sei es, die Generäle zu stärken, das Militär im Bewusstsein der Bevölkerung als stabilisierende Kraft im Burma des Übergangs zu verankern und damit zugleich ihre eigene Macht und ihren Einfluss abzusichern. Staatspräsident Thein Sein hat "politische Opportunisten und religiöse Extremisten" in Burma zwar eindringlich gewarnt, er werde nicht zögern, Gewalt gegen sie einzusetzen. Aber Wirathu kann seine Hetz- und Hassparolen nach wie vor ungehindert im ganzen Land verkünden.

Und egal ob er nun wirklich nur Sprachrohr anonymer Hintermänner oder selbst verantwortlicher Führer einer kleinen Extremistengruppe ist: Der radikale Mönch ist extrem gefährlich. Denn in dem von Wirathu aufgeheizten Klima von Angst und Gewalt fürchtet der Menschenrechtsanwalt und frühere politische Häftling Min Ko Naing, "wird unser Land nicht mehr lange friedlich bleiben".