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Das Leid der Rohingya: Irrfahrt übers Meer

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Boatpeople aus Burma Odyssee der Verfolgten

Demokratischer Aufbruch? Reformen? Das Volk der Rohingya hat vom politischen Wandel in Burma nichts gemerkt - es wird genauso verfolgt wie zuvor unter den Militärs. Zu Tausenden fliehen die Menschen übers Meer nach Thailand. Doch dort sind die "Boatpeople" nicht willkommen.
Von Karl-Ludwig Günsche

Wie lange ihr zerbrechliches Boot auf dem Meer trieb, wissen sie selbst nicht genau. Irgendwann verloren sie die Orientierung und hörten auf, Tage zu zählen.

Eigentlich wollten sie nach Thailand. Stattdessen verschlug es ihre Nussschale weit auf die Bucht von Bengalen und schließlich auf die Andamanensee hinaus. Ohne Treibstoff, ohne Wasser und Nahrung, schien ihre Reise zur Odyssee in den Tod zu werden - wie für so viele ihrer Landsleute, die ihre burmesische Heimat verlassen.

Als sie schon fast aufgeben wollten, zeichnete sich am Horizont eine Küste ab. Fischer konnten die 121 Rohingyas in der Nähe des Dörfchens Cot Trueng bergen, ganz oben im Nordosten Sumatras. Die Retter versorgten die Flüchtlinge mit Nahrung und Kleidung, bevor die Polizei sie in ein Internierungslager brachte. Dort warten sie nun und hoffen, dass sie im fremden Land eine neue Heimat finden.

Fast täglich werden irgendwo in Thailand, Malaysia oder Indonesien Boote mit Menschen angeschwemmt - Rohingyas, Angehörige einer ethnischen Minderheit, die in ihrer burmesischen Heimat gnadenlos verfolgt wird. Sie wecken Erinnerungen an die "Boatpeople", die am Ende des Vietnam-Kriegs die Herzen anrührten. Ein Aufschrei ging damals um die Welt, löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus.

Um das Schicksal der Rohingyas kümmert sich bisher nur eine kleine Gruppe von Aktivisten. Jetzt will sich allerdings die Weltflüchtlingsorganisation des Leidens der Menschen annehmen: Noch in diesem Monat will das UNHCR auf einer Regionalkonferenz in Jakarta mit den Anliegerstaaten nach einem Ausweg aus der verzweifelten Lage vor allem der Boatpeople suchen. Die Hilfsorganisation "Arakan Projekt" schätzt, dass seit Oktober vergangenen Jahres 19.500 Rohingyas die Flucht über das Meer wagten.

Allein an Thailands Küsten wurden in den vergangenen fünf Monaten nach Armeeangaben 6000 Bootsflüchtlinge aufgebracht - und im Normalfall wieder aufs Meer hinausgejagt. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR geht von mindestens 500 Toten aus. Die wirkliche Zahl dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Doch nicht nur über das Wasser, auch auf dem Landweg fliehen die muslimischen Rohingyas seit den blutigen Unruhen im vergangenen Sommer zwischen ihnen und den buddhistischen Rakhine zu Tausenden aus ihrer Heimat. Burmas Präsident Thein Sein hatte die Rohingyas - laut Uno die derzeit am stärksten verfolgte Minderheit der Welt - im vergangenen Jahr zu unerwünschten Ausländern erklärt, obwohl ihre Familien zum Teil seit Generationen in Burma leben.

Schon die Militärjunta hatte den Rohingyas in dem von ihr 1982 verkündeten Staatsbürgerschaftsgesetz die Anerkennung als eine der 135 ethnischen Minderheiten des Landes versagt und sie damit praktisch staaten- und heimatlos gemacht. Seitdem werden sie in ihrem eigenen Land gnadenlos verfolgt. Thein Sein verlangt nun, sie sollten erst in Lagern interniert, in die Obhut des UNHCR übergeben und ins Ausland abgeschoben werden. Selbst die National League for Democracy (NLD), die Partei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, beteiligt sich an der Hetze. U Win Tin, NLD-Gründungsmitglied, erklärt offen: "Die Rohingyas sind nicht unsere Staatsbürger, und das weiß auch jeder."

Gefährlicher Exodus

Seit den Unruhen, bei denen mehr als hundert Menschen ums Leben kamen, hat sich die Lage noch einmal verschlechtert. Der Uno-Menschenrechtsbeauftragte für Burma, Tomas Ojea Quintana, warf der Regierung in Naypyidaw nach einer Erkundungstour schwerste Menschenrechtsverletzungen vor.

Die buddhistische Bevölkerung, aber auch die Behörden blockierten teilweise den Zugang zu Camps, in denen die Rohingyas auf medizinische Hilfe warteten. In Haftanstalten wie dem Buttidaung-Gefängnis würden muslimische Gefangene gefoltert und totgeschlagen, erklärte Quintana entsetzt. Die Krise könne sich ausbreiten und "den gesamten Reformprozess in Myanmar unterminieren".

In dieser Woche kam es erneut zu schweren Zusammenstößen zwischen Muslimen und Buddhisten. Mindestens fünf Menschen wurden nach einem Streit über eine Haarspange, die ein buddhistisches Ehepaar verkaufen wollte, in der Stadt Meikhtila getötet: Das Paar beschuldigte den muslimischen Händler, das Teil bei dem Geschäft beschädigt zu haben. Empörung darüber habe sich am Mittwoch schnell ausgebreitet, mehrere Dutzend Menschen seien aufeinander losgegangen. Fünf Moscheen seien zerstört worden.

Der Exodus wird noch viele das Leben kosten - und nur wenige werden so viel Glück im Unglück haben wie Sakir Husan. Im Januar war der 18-Jährige mit 143 anderen geflohen. 20 Tage waren sie auf See, tranken Regenwasser, hungerten und hofften, bis sie in Thailands muslimischer Südprovinz Pattani strandeten. Dort fanden Sakir Husan und seine Leidensgenossen Zuflucht. "Für uns als Muslime ist es selbstverständlich, unseren Brüdern aus Burma zu helfen," sagt Sozialarbeiter Shakira Haji Marwan.

Aber Sakir Husan will weiterziehen, wenn er sich von den Strapazen erholt hat. Er will nach Malaysia, dem einzigen Staat in der Region, in dem die Rohingyas Chancen haben, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Er hofft, dort seinen Bruder wiederzufinden, von dem er auf seiner Odyssee getrennt worden ist.

mit Material von dpa
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