Burmas Minderheiten Thailand schickt Flüchtlinge in den sicheren Tod

Von Jürgen Kremb, Singapur

2. Teil: Die Farce vom "Fahrplan zur Demokratie"


Doch was die Burmesen nach Thailand treibt, ist viel mehr als nur die Suche nach Arbeit, wie Bangkoks Regierung unterstellt. Gerade die kleinen Minderheitenvölker sind in Burma oft schlimmster Verfolgung ausgesetzt und von ethnischen Säuberungen bedroht. An den Rändern von Südostasiens Vielvölkerstaat kämpfen seit Jahrzehnten zahlreiche Guerillaarmeen der kleinen Ethnien einen blutigen Krieg für die Abspaltung von dem Mehrheitsvolk der Burmesen. Darunter muss besonders die Zivilbevölkerung leiden.

Ganze Dörfer wurden ausradiert

Den gut 700.000 muslimischen Rohingyas spricht die buddhistische Junta etwa das Recht ab, überhaupt in Burma leben zu dürfen. Sie sind staatenlos und als menschliches Freiwild deshalb ständigen Übergriffen durch die Militärs ausgesetzt. Viele der mehr als 230.000 Rohingyas, die in Flüchtlingslager in Bangladesch dahinvegetieren, sagen, sie würden lieber sterben, als jemals wieder nach Burma zurückzukehren.

Dabei sind die Muslime aus dem Westen Burmas bei weitem nicht die einzige Minderheit, der eine Ausrottung durch Burmas Generäle droht. Auch das überwiegend christliche Chin-Volk, dessen gut 500.000 Angehörige im unzugänglichen Nordwesten Burmas an der Grenze zu Indien leben, ist ständig von Folter und Misshandlungen bedroht. Nach einem gerade erschienenen Bericht der Menschenrechtsgruppe "Human Rights Watch" (HRW) sind allein in den vergangenen Jahren mehr als 100.000 Chin nach Indien geflüchtet.

In ihren erbärmlichen Behausungen berichteten sie HRW-Mitarbeitern, dass zu Hause ständig Soldaten der Junta in ihre Dörfer eingefallen seien und junge Männer zu Frondiensten verschleppt hätten. Sie mussten Dschungelpfade anlegen, Lebensmittel transportieren und Waffen tragen. Wer sich weigerte, wurde schwer gefoltert und ins Gefängnis geworfen. In vielen Dörfern sind die Chins heute nur noch rechtlose Sklaven der burmesischen Besatzungssoldaten.

Benno Röggla von "Helfen ohne Grenzen" glaubt, dass Burmas Generäle jetzt besonders brutal gegen jeden Widerstand vorgehen, weil sie für das kommende Jahr ihre lange verkündete Scheinwahlen anberaumt haben. Was die Generäle unter Armeediktator Than Shwe als vorläufigen Schlussakt in dem von ihm euphemistisch benannten "Fahrplan zur Demokratie" bezeichnen, wird aber nur eine Farce bleiben. Denn schon jetzt steht fest, dass die regierenden Offiziere auch nach der Abstimmung 25 Prozent der Parlamentssitze behalten werden. Auch darf Oppositionsführerin Aung San Suu-Kyi nicht an den Wahlen teilnehmen, weil sie mit einem Ausländer verheiratet war. Dennoch sind die Generäle nervös, dass Suu-Kyis Nationale Liga für Demokratie (NLD) wie schon 1990, als die letzten Wahlen in Burma stattfanden, erneut ein Erdrutschsieg gelingen könnte. Mit Waffengewalt soll dieser Tage deshalb erneut das ganze Land auf Linie gebracht werden. Besonders die rebellischen Minderheiten sind Opfer dieser brutalen Unterdrückungsmaßnahmen.

Auch gegenüber von Mae Sot, im Dschungel des burmesischen Karen-Staates, dröhnt seit Wochen Gefechtslärm. Mit einer großangelegten Offensive will die Tatmadaw, wie Burmas Armee in der Landessprache genannt wird, endgültig den Widerstand der Karen National Union (KNU) brechen.

Drei Jahrzehnte lang hatten sich die überwiegend christlichen Karen erfolgreich gegen die Ausrottungspolitik der Generäle in Rangun gewehrt. Es war ein grausamer Kampf, von dem die Welt nie viel mitbekommen hat. Doch ganze Dörfer wurden bei den Kämpfen ausradiert. Mehr als zwei Millionen Minen liegen heute in dem Kampfgebiet. Auf beiden Seiten erledigten häufig Kindersoldaten die Drecksarbeit des hässlichen Krieges. Und immer wieder setzten Burmas Soldaten Vergewaltigungen und ethnische Säuberungen als niederträchtige Waffe zur Demoralisierung ihrer Gegner ein.

Doch jetzt verfügen die Generäle von Burmas Armee über moderne Waffen aus China, Indien, Russland und der Ukraine. Es ist deshalb nur noch eine Frage von wenigen Tagen oder Wochen, bis auch die letzte Bastion der KNU gefallen ist.

Röggla von "Helfen ohne Grenzen" hat schon resigniert. "Das Volk der Karen steht am Abgrund", sagt er. Denn er weiß, dass bald wieder Zehntausende verfolgter Burmesen nach Thailand flüchten werden - dorthin, wo schon jetzt klar ist, dass sie niemand haben will.

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