Burmas Oppositionsführerin Suu Kyi lehrt die Generäle das Fürchten

Eine Woche ist Suu Kyi nun in Freiheit - und wirbelt die Politik in Burma durcheinander. Sie verlangt die Freilassung politischer Gefangener, prangert Wahlfälschungen an, fordert den Militärmachthaber zu einem Gespräch auf. Die Junta reagiert vorsichtig, aber auch mit ersten Drohungen.

AP

Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok


Der General in schwarzer Uniform, Totenschädel auf den Schulterklappen und als Kokarde an der Mütze, sitzt fett auf einer zarten, kaum zu erahnenden Gestalt, die hilfesuchend dürre Ärmchen mit den Aufschriften "Frieden" und Demokratie" unter dem prallen Hinterteil des Despoten hervorstreckt. Geradezu winzig wirkt neben dem massigen Militär die kleine Frau, die mit ganzer Kraft an dem mit "Demokratie" beschrifteten Arm zieht. So sieht der Karikaturist der englischsprachigen thailändischen Tageszeitung "Bangkok Post" das Kräfteverhältnis zwischen Burmas Militärherrscher Than Shwe und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Doch obwohl die zierliche Frau noch nicht einmal eine Woche wieder in Freiheit ist, lehrt sie die Generäle mittlerweile das Fürchten. In den wenigen Tagen seit ihrer Haftentlassung am vergangenen Samstag hat sie die unter jahrzehntelanger Militärherrschaft erstarrte politische Szene Burmas durcheinandergewirbelt.

Sie gibt Interviews und erzählt lachend, dass sie am vergangenen Sonntag zum ersten Mal in ihrem Leben ein Handy in der Hand gehalten habe und nicht gewusst habe, wie sie damit telefonieren sollte, dass sie am Mittwoch zum ersten Mal im Internet gesurft sei.

Sie trifft sich mit Parteiführern und bespricht hinter verschlossenen Türen ihre Strategie für die kommenden Wochen. Sie redet mit den Menschen auf der Straße und macht ihnen Mut. Pausenlos pendelt sie - immer argwöhnisch beäugt von Geheimpolizisten in Zivil - mit schier unerschöpflicher Energie zwischen ihrem Haus in der Universitäts-Straße und der Zentrale ihrer Partei hin und her - und ruft zur "friedlichen Revolution" in Burma auf. Wieder und wieder verlangt sie die Freilassung der rund 2100 politischen Gefangenen in Burma, denn "erst wenn wir alle frei sind, ist jeder von uns frei". Und in der NLD hat sie eine Kommission eingesetzt, die Wahlbetrug und Wahlfälschungen bei der Wahl vom 7. November untersuchen soll.

Ihr erster Gang in Ranguns Innenstadt nach ihrer siebenjährigen Isolierung aber führte sie zum Gericht, wo sie die Wiederzulassung ihrer von den Militärs aufgelösten Partei "National League for Democracy" (NLD) beantragte. Sie braucht die Zulassung unbedingt, weil eine aufgelöste Partei nach burmesischen Gesetzen eigentlich gar nicht mehr aktiv sein darf. Doch noch dulden die Machthaber die NLD-Aktivitäten.

Dem Militärherrscher Than Shwe bot sie ein Treffen an. Es müsse doch möglich sein, miteinander zu sprechen, sagte sie der "Washington Post". Dabei dürfe es aber nicht darum gehen, nur "eine Tasse Tee zusammen zu trinken." Es müssten schon "wirklich aufrichtige Gespräche" sein. "Aber wir können wirklich über alles reden."

Koalition aller demokratischen Kräfte des Landes

Vor allem will sie eine Koalition aller demokratischen Kräfte des Landes schmieden. "Unsere Tür steht immer offen für alle diejenigen, die für die Demokratie kämpfen", sagte sie vor Journalisten in Rangun. "Das war immer unser Prinzip, und das bleibt auch so." Bereits vor ihrer Freilassung haben sich ihre engsten Mitarbeiter in der NLD-Spitze am 22. Oktober mit führenden Vertretern der ethnischen Minderheiten getroffen, die seit Jahrzehnten um ihre Unabhängigkeit kämpfen und von der Junta grausam verfolgt werden. Bei dem Treffen wurde die Absicht bekräftigt, dass in einer Demokratie nach den Vorstellungen der Friedensnobelpreisträgerin Burma ein Bundesstaat werden solle, in dem die ethnischen Minderheiten im Osten und Norden Burmas bei der internen Verwaltung ihrer Gebiete Autonomie erhalten sollen.

Das Schlagwort, unter das sie ihr Werben um die Minoritäten stellt, heißt "Panglong-Konferenz für das 21. Jahrhundert". Mit diesem Schlachtruf inszeniert sie sich geschickt als Erbin ihres in Burma noch heute als Held verehrten Vaters: General Aung San hatte 1947 bei der "Panglong-Konferenz" mit den Anführern der verschiedenen Ethnien im Osten und Norden ein Abkommen über deren Autonomie geschlossen. Doch noch bevor es umgesetzt werden konnte, wurde Burmas gefeierter Freiheitskämpfer ermordet.

Khuensai Jaiyen, einer der intellektuellen Vordenker des Shan-Volkes, sagt enthusiastisch: "Natürlich liegt die Entscheidungsgewalt in den Händen der Junta. Aber nur Suu Kyi kann das Erbe ihres Vaters verwirklichen."



insgesamt 5 Beiträge
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avollmer 20.11.2010
1. Champignon-Politik
Die Generäle warten doch im Moment nur darauf, dass sich die Köpfe zeigen um sie dann abzuschneiden. Die übliche zyklische Oppositionsvernichtungsmethode.
hanjin2 20.11.2010
2. Titel
Zitat von sysopEine Woche ist Suu Kyi nun in Freiheit - und wirbelt die Politik in Burma durcheinander. Sie verlangt die Freilassung politischer Gefangener, prangert Wahlfälschungen an, fordert den Militärmachthaber zu einem Gespräch auf. Die Junta reagiert vorsichtig, aber auch mit ersten Drohungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,729828,00.html
Tolle Frau, die ich sehr schätze, aber sie riskiert wieder eingesperrt zu werden. Was kann sie dann noch ausrichten?
Hermes75 20.11.2010
3. Feigenblatt
Zitat von sysopEine Woche ist Suu Kyi nun in Freiheit - und wirbelt die Politik in Burma durcheinander. Sie verlangt die Freilassung politischer Gefangener, prangert Wahlfälschungen an, fordert den Militärmachthaber zu einem Gespräch auf. Die Junta reagiert vorsichtig, aber auch mit ersten Drohungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,729828,00.html
Der Umstand, dass die Machthaben Frau Suu Kyi freigelassen haben, zeigt eigentlich nur, dass sie sich ihrer Sache sehr sicher sind und sie nicht mehr als Bedrohung ihrer Macht sehen. Wenn Suu Kyi irgendwie lästig wird, werden sie auch sehr schnell wieder einen Grund finden sie zu inhaftieren. Im Zweifel wegen Unterstützung einer verboten Organisation. Oder glaubt jemand, dass die Junta die NLD wieder zulassen wird? Hoffentlich wird sich die Weltgemeinschaft nicht von diesem Ablenkungsmanöver blenden lassen.
elbröwer 20.11.2010
4. Bewunderung
Eine wahrhaftig würdige Friedensnobelpreisträgerin.
frubi 20.11.2010
5. .
Zitat von sysopEine Woche ist Suu Kyi nun in Freiheit - und wirbelt die Politik in Burma durcheinander. Sie verlangt die Freilassung politischer Gefangener, prangert Wahlfälschungen an, fordert den Militärmachthaber zu einem Gespräch auf. Die Junta reagiert vorsichtig, aber auch mit ersten Drohungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,729828,00.html
Das ist wahre Frauen-Power. Da kann sich die Bild-Tante Schwarzer noch eine Scheibe abschneiden. Diese Frau riskiert ihr Leben und gibt trotzdem nicht auf.
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