Bush-Berater Karl Rove Der Mann fürs Grobe

Hinter den dubiosen Veteranen-Attacken auf John Kerry wird Bushs Chefstratege Karl Rove vermutet. Es wäre nicht das erste Mal, dass der mächtigste Mann im West Wing unter die Gürtellinie zielt.

Von , New York


Bush (r.) und Rove: "Karl ist überall"
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Bush (r.) und Rove: "Karl ist überall"

New York - Zwei ältere Herren trinken Kaffee. Die Unterhaltung ist gedämpft.

Washington, Regierungsviertel, unweit des Weißen Hauses. Die Gäste des kleinen Cafés "Caribou" ahnen nicht, dass vor ihren Augen Wahlkampf-Geschichte geschrieben wird. Die beiden Herren sind politische Erzfeinde. Lange ist's her, in Texas, da waren sie mal beste Freunde und fast auch Geschäftspartner. Dann kamen sie sich über die Politik ins Gehege. Seither bekämpfen sie sich aufs Blut.

Doch nun bietet der eine dem anderen strategische Waffenruhe an. Wir brauchen einander, sagt er. Mein Boss braucht deinen Boss, wenn er im November was werden will. Dein Boss braucht meinen Boss, wenn er in vier Jahren noch was werden will. Wie wär's?

Triumph des Opportunismus

Und so wird einer der folgenschwersten Etappensiege im US-Wahlkampf eingefädelt. Die Frucht des klandestinen Kaffeeklatsches ist ein paar Wochen später zu bestaunen, im Bundesstaate Washington. Da stehen Präsident George W. Bush und Senator John McCain, zwei alte Parteirivalen, gemeinsam auf der Bühne - zum ersten Mal seit vier Jahren, als Bush den armen McCain im Vorwahlkampf so gnadenlos kaputt gemacht hat. Nun aber lobt McCain den Präsidenten, nach langem Flirt mit den Demokraten, als sei alles vergeben und vergessen: "Er führt dieses Land mit moralischer Klarheit und Entschlossenheit!"

Auftritt von Bush und McCain (l.): Flirt mit den Demokraten
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Auftritt von Bush und McCain (l.): Flirt mit den Demokraten

Der Auftritt ist ein Triumph des Opportunismus - beiderseits. Typisch eben für den Mann, der ihn arrangierte. Denn im "Caribou" trafen sich Bushs Chefstratege Karl Rove und der McCain-Berater John Weaver. "Wir hatten eine sehr ehrliche, sehr offene Diskussion", sagt der nur über das Treffen. "Belassen wir's dabei."

Doch Karl Rove, 52, ist so viel mehr als ein Strippenzieher. Der Politiko mit dem bombastischen Titel "White House Senior Advisor" - der jetzt auch hinter der jüngsten Schmutzkampagne gegen den Demokraten John Kerry vermutet wird - ist bei Weitem der mächtigste Mann im West Wing: Stratege, Planer, Souffleur, Redenschreiber, Werbeguru, Demoskop, Intrigant, Abstrafer. Mastermind hinter Bushs Aufstieg, Architekt seiner Laufbahn, Königsmacher - und jetzt die wichtigste Wahlkampfwaffe. "Rove ist Bushs Gehirn", schreiben die Autoren James Moore und Wayne Slater. "Er hat Bush erfunden."

"Karl ist überall"

Und dazu sind offenbar fast alle Mittel erlaubt. Etwa jetzt, da eine dubiose Gruppe Vietnamveteranen den demokratischen Kandidaten Kerry in TV-Attacken als Verräter und Lügner diffamiert: "Damit haben wir nicht das Geringste zu tun", beteuert Bush-Sprecher Scott McClellan. Wer aber näher hinschaut, entdeckt, dass besagte Veteranen einen guten, alten Bekannten im Weißen Haus sitzen haben: Karl Rove.

Der dementiert, die Finger im Spiel zu haben. Doch der Finanzier der TV-Spots, so berichtete jetzt die New York Times, ist einer seiner besten Kumpels aus Texas: der mysteriöse Immobilienmilliardär Perry, der die Schlammschlacht mit 200.000 Dollar mitfinanziert. Und die Pressesprecherin der Veteranengruppe ist Merrie Spaeth, die vor vier Jahren den Bush-Werbefeldzug gegen McCain organisieren half - in Roves Auftrag.

So arbeitet er gerne: im Hintergrund, über Mittelsmänner, seine Spuren verwischend. Interviews gibt er selten, sein Aufgabenfeld ist nebulös. Er entwirft die ideologische Langfrist-Strategie des Weißen Hauses, aber auch penible Ablaufpläne für alle Präsidenten-Auftritte. Er zeichnet jeden TV-Spot Bushs ab. Kollegen berichten, er telefoniere, e-maile, websurfe und schreibe den ganzen Tag - und meist gleichzeitig. Er zieht alle Fäden in der Partei, bestimmt sogar die Kandidaten für Gouverneurs- und Senatsposten mit, hat in allen Ministerien Vasallen sitzen, steuert das gesamte Fundraising der Republikaner und, so viel steht fest, geht politisch über Leichen. "Karl", sagt ein Mitarbeiter, "ist überall."

Im Banne von Bushs Charisma

Doch sehen kann ihn keiner. Während Bush-Vertraute Karen Hughes, als mütterlicher Gegenpol, fürs "Finetuning" zuständig ist, die Medien-Message des Tages kalibriert und die Presse in Schach hält, arbeitet Rove hinter den Linien. Er spinnt Connections, legt Fallen für Widersacher, zeichnet die großen Linien vor, hält die ultrarechte Basis bei Stange. Hughes ist die Vorzeigefrau für den Hausputz. Rove der Mann fürs Grobe, die Drecksarbeit im Keller. "Beauty and the Beast", sagt ein Insider.

Dieses Motiv zieht sich durch sein ganzes Leben. An Roves 19. Geburtstag, dem ersten Weihnachtstag 1969, verließ sein Vater seine Mutter. Kurz darauf erfuhr Rove, dass sein Vater in Wahrheit sein Stiefvater war. Seinen leiblichen Vater spürte er erst Jahre später auf, doch der Mann wollte mit ihm nichts zu tun haben. Roves Mutter beging 1981 Selbstmord.

Roves Karriere gründet sich auf jenes Trauma: Die Suche nach Vaterfiguren, das obsessive Verlangen, sein Leben (und das anderer) zu kontrollieren. Als Student schloss er sich den College Republicans an, deren Vorsitz er sich mit einer Hetzkampagne gegen seine Gegner ergatterte. Schützenhilfe bekam er dabei vom Parteichef - George Bush Senior. Der holte ihn in die Republikaner-Zentrale nach Washington, wo Rove Bushs Sohn George W. kennen lernte. "Er strahlte mehr Charisma aus, als ein Individuum haben dürfte", erinnert sich Rove.

Fette Gönnerkartei

Rove und Bush Junior freundeten sich an. Rove zog als Wahlstratege nach Texas (und als Aufpasser für den trinkfreudigen Bush). Bald war jeder, der was werden wollte, sein Klient.

Roves Methode war einfach: Er entwarf seine Wahlkämpfe als Postwurfsendungen, mit denen er alle Wahlbezirke überzog - Basisarbeit pur. Gleichzeitig umwarb er reiche Parteispender und schuf sich so eine fette Gönnerkartei. Darunter: Ex-Enron-Boss Ken Lay, lange Bushs größter Finanzier, und Immobilienmagnat Bob Perry, mit dem er bald fest befreundet war - und der heute eben der Hauptfinanzier der Veteranen-Kampagne gegen Kerry ist.

"Karls Beziehungen basieren auf gegenseitigem Nutzen", sagt Roves damaliger Kollege John Deardourff. "Wenn du ihm von Nutzen bist, ist er völlig nett zu dir. Doch wenn das Interesse endet, dann endet auch die Beziehung."

Wahlwerbung à la Tupperware

Als Bush 1994 nach dem Gouverneursposten griff, war Rove zur Stelle. Manche sagen, die ganze Sache sei überhaupt erst seine Idee gewesen. Rove inszenierte eine bittere Propaganda-Schlacht gegen die demokratische Amtsinhaberin Ann Richards, mobilisierte die rechte Parteibasis und verpasste dem unbedarften Kandidaten ein gleitfähiges Image. Assistiert wurde er dabei von Bushs junger Wahlkampf-Sprecherin - Karen Hughes.

Dass das Gouverneursamt nur eine Zwischenstation sein würde, plante Rove schon früh. Kurz nach Bushs Einzug ins Statehouse begann er Politiker, Lobbyisten, Intellektuelle und Journalisten für die Sache zu begeistern, indem er ihnen Audienzen verschaffte. Er reaktivierte treue Finanziers. Er sicherte Bush den Rückhalt der religiösen Rechten, indem er Ralph Reed, den Chef der Christian Coalition, bei Enron auf die Honorarliste setzen ließ.

Für die Kongresswahlen 2002 entwickelte Rove ein neues Modell zur Mobilisierung der Parteibasis - das ambitionierteste in der Geschichte der Partei. Es funktionierte wie die Kundenwerbung bei Tupperware-Partys: Jeder, der als Wahlhelfer dazu stößt, muss selbst neue Mitarbeiter rekrutieren. Die Idee hatte Erfolg und wird für die jetzigen Wahlen ausgeweitet.

20 Prozent noch "überredbar"

Wer Rove dagegen in die Quere kommt, hält sich nicht lange. Den Diplomaten Joseph Wilson - der die Bush-Mär von Iraks Uran-Geschäften im Niger widerlegte - überzog Rove mit beispielloser Vergeltung: Wilsons Gattin fand sich als CIA-Agentin geoutet - nach Wilsons Informationen auf Geheiß Roves, wenn nicht direkt durch ihn. (Die Quelle des Outings bleibt unbekannt.) Nicht besser erging es Ex-Finanzminister Paul O'Neill und "Whistleblower" Dick Clarke, dem obersten Terrorexperten von Ronald Reagan bis Bush II.: Als Clarke mit scharfer Bush-Kritik vor den 9/11-Ausschuss trat, ließ ihn Rove als "Lügner" abkanzeln.

Der Parteitag der kommenden Woche soll nun Roves' Glanzstück werden. Er hat eine akribische Szenenfolge erarbeitet, die Bush telegen verkaufen soll. Denn, so hat er errechnet, 15 bis 20 Prozent der Wähler sind weiterhin unentschlossen, ergo "überredbar".

Doch eigentlich blickt er schon viel weiter nach vorne - über Bush hinaus. Denn: "Der wahre Preis", hat Karl Rove einmal gesagt, in seltener Offenbarung seiner politischen Ambitionen, "ist es, eine republikanische Mehrheit zu schaffen, die sich eine ganze Generation lang hält."



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