Bush-Besuch in Rom Wut auf den Straßen, Tadel im Vatikan

Es war ein ungemütlicher erster Tag für den US-Präsidenten in Europa: Der Papst las ihm die Leviten, italienische Kriegsgegner protestierten in Massen. Bushs Versuch, in Europa Unterstützung für seine Irak-Politik zu sammeln, geriet erst einmal ins Stocken.


US-Präsident Bush und der Papst heute in Rom: "Held unserer Zeit"
REUTERS

US-Präsident Bush und der Papst heute in Rom: "Held unserer Zeit"

Rom - Erst heute Nachmittag, als er mit seinem politischen Freund, dem italienischen Premier Silvio Berlusconi zusammenkam, konnte US-Präsident George W. Bush wieder Sympathiebekundungen entgegen nehmen. Berlusconi ist ein enger Vertrauter des US-Präsidenten und liegt in der Irak-Frage mit ihm auf einer Linier. Zuvor aber stand der erste Tag von Bushs Europabesuch ganz im Zeichen der Proteste gegen die US-Politik im Irak.

Insgesamt etwa 150.000 Demonstranten brachten nach Angaben der Veranstalter heute ihren Protest gegen den Krieg und die anhaltende Besatzung des Irak zum Ausdruck. Auf vielen Balkonen in der Umgebung hatten Kriegsgegner regenbogenfarbene Friedensflaggen gehisst, deren Preis der Bush-Besuch sogar in die Höhe trieb. Die italienische Regierung hatte angesichts der Proteste die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verschärft. Etwa 10.000 Polizisten waren in der italienischen Hauptstadt im Einsatz.

Größere Ausschreitungen, wie zuvor befürchtet, gab es aber nicht. Allerdings wurden einige Mülltonnen in Brand gesteckt und Hauptstraßen blockiert. Bush-Gegner schossen außerdem mit Feuerwerkskörper auf eine Militärschule am Rande des Zentrums. Zu dem Demonstrationszug durch die Innenstadt hatten Kommunisten, Grüne, Friedensgruppen sowie Globalisierungskritiker aufgerufen. Auch in anderen Städten wie Mailand und Neapel gab es Proteste.

Ungemütlicher Empfang für Bush: 150.000 auf der Straße
AFP

Ungemütlicher Empfang für Bush: 150.000 auf der Straße

Einen der bedeutendsten Kriegsgegner traf George W. Bush heute Mittag, als ihn Papst Johannes Paul II. zu einer Audienz im Petersdom empfing. In deutlichen Worten forderte das Oberhaupt der katholischen Kirche die Widerherstellung der vollständigen Souveränität des Irak. Auch von der Verleihung de Freiheitsmedaille, des höchsten zivilen Ordens der USA, durch Bush ließ sich der Papst nicht von seinem Kurs abbringen. Die Situation in Irak müsse sich unter Beteiligung der internationalen Gemeinschaft und der Vereinten Nationen so schnell wie möglich wieder normalisieren, forderte er.

Offenbar mit Blick auf die Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten sagte Johannes Paul II., diese Zwischenfälle hätten den Einsatz für menschliche Werte erschwert. Ohne ein solches Engagement könnten jedoch weder Terrorismus noch Krieg überwunden werden. Die Ernennung einer Interimsregierung sei allerdings ein "ermutigender Schritt", sagte der Kirchenführer.

Obwohl der Papst seit jeher als scharfer Gegner des Kriegs im Irak galt, hatte Bush darauf bestanden, ihn zu treffen. Der Papst sei "ein starkes Symbol für Frieden und Freiheit", sagte der US-Präsident. "Sie haben geholfen, Tyrannei und Kommunismus zu bekämpfen. Sie sind ein Held unserer Zeit", fügte er hinzu. Johannes Paul II. werde in den USA sehr respektiert. Bush erhoffte sich nach Ansicht von Beobachtern von der Papst-Audienz Vorteile im Kampf um die Wählerstimmen der Katholiken in den USA.

Kleinere Ausschreitungen: Feuerwerkskörper auf Armeeschule
AP

Kleinere Ausschreitungen: Feuerwerkskörper auf Armeeschule

Am Nachmittag gedachte Bush gemeinsam mit dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi in Rom der Opfer des Nazi-Massakers in den Ardeatinischen Höhlen. Der amerikanische Präsident legte an der Gedenkstätte einen Lorbeerkranz nieder. SS-Angehörige hatten im März 1944 in den Gängen des Steinbruchs 335 italienische Zivilisten erschossen, darunter viele Juden. Die Bluttat - ein Vergeltungsschlag für ein Attentat von Partisanen auf Südtiroler Hilfspolizisten im Dienst der deutschen Besatzungsmacht - war eines der schwersten Nazi-Massaker während des Zweiten Weltkrieges in Italien. Amerikanische und alliierte Truppen hatten Rom vor genau 60 Jahren von den deutschen Besatzern befreit.

Bereits am Vormittag hatte Bush sich mit dem italienischen Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi getroffen. Die Feiern zur Befreiung Italiens durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg sind der offizielle Anlass des Bush-Besuchs. Für heute Abend ist ein Abendessen mit Premier Berlusconi angesetzt. Morgen dann reist der US-Präsident nach Frankreich weiter, um an Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie teilzunehmen.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.