Bush Freiwillige Ausreise Bin Ladens reicht nicht

Die Versammlung der Rechtsgelehrten hat sich vorsichtig von dem gesuchten Top-Terroristen distanziert. Bin Laden soll in aller Form aufgefordert werden, möglichst bald auszureisen. Den Amerikanern reicht das aber nicht.


Das erste öffentliche Bild von Mullah Mohammed Omar: Er sitzt dem Taliban-Rat vor, der über das Schicksal Osama Bin Ladens entscheiden wird
DPA/ BBC TV

Das erste öffentliche Bild von Mullah Mohammed Omar: Er sitzt dem Taliban-Rat vor, der über das Schicksal Osama Bin Ladens entscheiden wird

Kabul - "Die Ulema wollen, dass das islamische Emirat Afghanistan Osama auffordert, Afghanistan zu verlassen, aber nach seinem freien Willen", meldete die afghanische Nachrichtenagentur Bachtar. Die US-Regierung wies den Vorschlag der afghanischen Rechtsgelehrten zurück. "Das entspricht nicht unseren Bedingungen", sagte der Sprecher von US-Präsident George W. Bush, Ari Fleischer.

Die Versammlung der rund tausend Religionsgelehrten aus allen Teilen Afghanistans beriet seit Mittwoch in Kabul über die international geforderte Auslieferung Bin Ladens. Der Führer des afghanischen Taliban-Regimes, Mullah Mohammed Omar, hatte die Entscheidung dem Großen Rat überlassen, nachdem er mit einer pakistanischen Regierungsdelegation in Kandahar über deren Forderungen beraten hatte.

Pakistan hat den Taliban eine Militäraktion der USA für den Fall angekündigt, dass Osama Bin Laden nicht ausgeliefert wird. Der seit 1996 in Afghanistan lebende Araber wird von den USA für die Terroranschläge vom 11. September verantwortlich gemacht.

Zu Verhandlungen bereit

Am Mittwoch hatte die afghanische Taliban-Regierung erklärt, sie sei zu Verhandlungen mit den USA über eine Auslieferung des Islamisten Bin Laden bereit. "Wir hatten bereits einige Gespräche mit früheren Regierungen der USA und auch mit der aktuellen. Wir sind zu (weiteren) Gesprächen bereit", sagte das geistliche Oberhaupt der Taliban, Mullah Mohammed Omar.

Zuvor hatte Omar die Forderung nach einer Auslieferung Bin Ladens als Vorwand für die Zerstörung der Taliban bezeichnet. Einen entsprechenden Redetext ließ Omar vor der Versammlung der Taliban-Geistlichen in Kabul verlesen.

Sicherheitsrat fordert Auslieferung

Der Uno-Sicherheitsrat forderte die Taliban am Mittwoch erneut auf, Bin Laden auszuhändigen. Die Auslieferung habe "sofort und bedingungslos" zu erfolgen, heißt es in der am Sitz der Uno in New York am Dienstag verteilten Mitteilung. Das Gremium bezog sich dabei auf die Uno-Resolution 1333 vom Dezember vergangenen Jahres. Darin forderte der Sicherheitsrat die Taliban auf, Bin Laden an die Justiz derjenigen Länder auszuliefern, die ihn mehrerer Verbrechen beschuldigen. Die USA beschuldigen Bin Laden, Drahtzieher und Rädelsführer der verheerenden Terroranschläge auf New York und Washington am 11. September zu sein.

Die oppositionelle Nordallianz, die rund fünf Prozent des Territoriums kontrolliert, bot den USA Unterstützung gegen Bin Laden an. Der Uno-Botschafter der gestürzten Regierung von Burhanuddin Rabbani, Ravan Farhadi, sagte, die Opposition stelle dafür 15.000 Kämpfer bereit.

Taliban: Bin Laden könnte es gewesen sein

Ein Taliban-Minister hatte am Dienstag erstmals von der Möglichkeit gesprochen, Osama Bin Laden könne für die Terroranschläge verantwortlich sein. Aber für eine Auslieferung seien Beweise nötig, sagte Informationsminister Qudrutullah Jamal. "Wer auch immer für diese Angriffe verantwortlich ist, Osama oder nicht, wir werden nicht seine Partei ergreifen", sagte Jamal. Diese Einschätzung habe er auch den nach Pakistan zurückgekehrten Delegierten mitgeteilt.

Die Taliban-Regierung dementierte Berichte, wonach die Taliban einen "Heiligen Krieg" gegen die USA ausgerufen hätten, berichtete die private afghanische Nachrichtenagentur AIP. Nur wenn die USA Afghanistan angreifen sollten, würden die Afghanen einen "Heiligen Krieg" wie seinerzeit gegen die Sowjetunion führen, so die Regierung.

Fernsehberichten zufolge begannen unterdessen Hunderte von Flüchtlingen aus der Stadt Kandahar zu fliehen. Am Montag hatten bereits Tausende Kabul verlassen. Pakistan reagierte inzwischen auf den Flüchtlingsstrom und schloss seine Grenzen zu Afghanistan, wie zuvor schon der Iran. Pufferzonen sind eingerichtet, wo die Flüchtlinge aufgefangen werden sollen und die sie nicht verlassen dürfen. Nur dort soll ihnen Nothilfe gewährt werden.



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