Bush gegen Ahmadinedschad Fernduell am East River

Die Auftritte von George W. Bush und Mahmud Ahmadinedschad vor der Uno-Vollversammlung waren ein einziger Eiertanz. Beide gingen sich durch kuriose Tricks aus dem Weg, sprachen den anderen in ihren Reden höchstens indirekt an - einer Lösung der Iran-Krise näher gekommen ist damit keiner.

Von , New York


New York - Im Erdgeschoss des Uno-Gebäudes, etwas abseits zwischen dem Foyer der Vollversammlung und dem Eingang zur Mitarbeiterkantine, hängen Kinderbilder zum Thema "Frieden". Da finden sich, mit Bunt- und Wachsmalstift gemalt, die Hoffnungen der jüngsten Generation. Die Welt als ein großes Herz der Liebe. Friedenstauben. Alle Menschen eine einzige, große Familie, händchenhaltend.

Vom Frieden ist hier seit gestern wieder viel die Rede. Mit dem Händchenhalten hapert es noch. Zumindest für die beiden zu Antagonisten gestylten Staatschefs, die sich zur Eröffnung der Uno-Vollversammlung ins stickige New York gewagt haben und dort gleich von größeren Pressepulks belagert wurden als alle anderen Honoratioren: US-Präsident George W. Bush und sein iranischer Kollege Mahmud Ahmadinedschad.

Der Showdown in der Uno-Zentrale am East River zwischen Bush und Ahmadinedschad, dessen Land Bush einst der "Achse des Bösen" zurechnete - es ist das Ereignis des Tages. Beide Präsidenten sind als Redner vor dem Uno-Plenum eingeplant, Bush als Nummer 3, Ahmadinedschad als Nummer 15. Werden sie sich über den Weg laufen? Sich grüßen? Oder weggucken?

Annan sagt rituell Adieu

Nichts dergleichen. Das Faceoff wird zum Fernduell: Beide halten sich nie zur selben Zeit im Gebäude auf. Das ist kein Zufall. Das ist das erwünschte Resultat eines ausgefeilten protokollarischen Eiertanzes - und der Weinwahl des Uno-Generalsekretariats.

Die diplomatische Choreografie beginnt schon am frühen Morgen, als sich Bush im Hotel Waldorf-Astoria mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac trifft. Hernach redet keiner mehr von Sanktionen gegen Iran. Frankreich und die USA stimmen "völlig überein", säuselt Chirac charmant. "Ich bin total der selben Meinung wie Präsident Bush."

Damit ist der Ton gesetzt. Bush wird sich heute zurückhalten - auch, um dem scheidenden Uno-Generalsekretär Kofi Annan nicht das rituelle Adieu zu vermasseln.

Vom Waldorf-Astoria wird Bush mit Blaulicht zur Uno gebracht, lange bevor sich die Staatskarossen dort stauen. Zum einen will er Annan im 38. Stock noch mal die Aufwartung machen. Zum anderen will er ein Treffen mit Ahmadinedschad vermeiden.

Stehparty in Staatsregalia - Bush-Kritik inklusive

Bushs Kolonne macht einen weiten Bogen um die Tausenden Demonstranten, die mit Spruchbändern ("Bush lies, who dies?") durch Midtown marschieren. Auch Ahmadinedschad hat seine eigenen Gegendemonstranten, eine etwas spärlichere Gruppe in dem polizeilichen Protest-Gehege an der Second Avenue.

Bushs Uno-Besuche sind immer surreale Kontraste aus Schein und Sein. Das gegenseitige Missfallen zwischen der US-Regierung und der Uno ist Legende - doch diplomatischer Takt delegiert all das vorerst aufs Papier. So auch gestern: Da tun Bush und Annan oben wie Busenfreunde, während unten neben den Rohrpostklappen Annans jüngster Irak-Bericht in den Dokumentenregalen hängt. "Es besteht die schwere Gefahr", schreibt Annan, "dass der irakische Staat zusammenbricht, womöglich in vollem Bürgerkrieg." Take that, Mr. President!

Bush wird nach seinem Abstecher in den 38. Stock von dort direkt hinters Plenarpodium gebracht, was ihm die Zusammenkunft mit anderen Regierungschefs und Delegierten erspart. Diese scharen sich murmelnd vor Beginn der Sitzung auf dem moosgrünen Teppichboden des Foyers, eine Stehparty in Staatsregalia: Tuniken, wallende Gewänder, Uniformen, Stammestrachten. In der Vollversammlung, ist zu hören, herrsche "viel Feindseligkeit" gegen Bush und dessen Hardliner-Politik.

Der US-Präsident hält eine Rede "an das iranische Volk"

Ungerührt winkt Bush ins Plenum, als er aufs Podium geführt wird. In den Sitzen der US-Delegation, vierte Reihe Mitte, klatschen Außenministerin Condoleezza Rice und Uno-Botschafter John Bolton. Angemessen entfernt, sieben Delegationsreihern schräg dahinter, sitzen die Iraner - ohne Ahmadinedschad.

Bushs Rede ist ungewohnt jovial, freundlich gar, mit Zwinkern und Grinsen garniert, viel zahmer als das, was er in den vergangenen Wochen auf sein US-Publikum losgelassen hat. Nur am Anfang beruft er sich auf die Anschläge vom 11. September 2001 - sein neues, altes Mantra im aktuellen Kongresswahlkampf. Doch gleich danach beschwört er "eine hoffnungsvollere Welt", "eine Welt jenseits des Terrors".

Dann folgt, worauf alle gewartet haben. Bush wendet sich direkt "an das iranische Volk" - ohne Ahmadinedschad mit einem Wort zu erwähnen, also quasi über dessen Kopf hinweg. "Wir respektieren euer Land. Wir bewundern eure reiche Geschichte, eure lebhafte Kultur und eure vielen Beiträge zur Zivilisation." Doch würden die "Anführer" die iranischen "Ressourcen" nutzen, "um Terrorismus zu finanzieren und Extremismus anzuheizen und nach Atomwaffen zu streben." Derlei "Ambitionen" müsse das Land "aufgeben".

Runder Tisch ohne den Iraner

Doch wie beim Frühstück mit Chirac: kein Wort zu Sanktionen. Stattdessen spricht Bush von einer "diplomatischen Lösung der Krise" - und der Aussicht, dass "Amerika und Iran" eines Tages "gute Freunde und enge Partner im Dienst des Friedens sein" könnten.

Harte Worte kommen erst später von Bushs Vorkämpfern. Botschafter Bolton weist am Nachmittag darauf hin, die "militärische Option" sei weiter "auf dem Tisch". Ministerin Rice nennt es eine "Frage der Glaubwürdigkeit", auf Sanktionen zu beharren. Am Delegierten-Kiosk hängt "Time", auf dem Cover Ahmadinedschad und die Schlagzeile: "Wie ein Krieg mit Iran aussähe".

Sofort nach seiner Rede schleust der Secret Service Bush ins Souterrain, vorbei an blauen Stoffparavents, die ungewollte Einblicke vermeiden sollen - und ungewollte Zufallstreffen. Ein kurzer Auftritt zur Eröffnung eines "Runden Tischs zur Demokratie", Iran-sicher: Ahmadinedschad ist nicht eingeladen. Dann wieder hoch, zum Fest-Lunch, das Annan gibt.

Live-Ansprache zur besten Sendezeit

Zu dem wird Ahmadinedschad zwar erwartet, doch zu Bushs Glück sagt er in letzter Minute ab. Als gläubiger Muslim, lässt er ausrichten, stoße er sich daran, dass Wein serviert werde.

So kann Bush ungehemmt einen Toast auf Annan ausbringen. "Erheben wir das Glas auf zehn Jahre außerordentlichen Dienstes", sagt er über den Uno-Chef neben ihm, den er all die Jahre so bitter bekämpft hat. "Ein Toast auf einen guten Mann und einen guten Freund." Annan lächelt starr. Gerade hat er sich unter Tränen von der Vollversammlung verabschiedet und das Lunch mit einem melacholischen "Je vous remercie" eröffnet: "Ich danke Ihnen." Im Flur hängen schon die Klemmen für sein Amtsporträt in der Ahnengalerie gewesener Generalsekretäre.

Nach dem Lunch verlässt Bush das Gelände. Erst Stunden später trifft Ahmadinedschad schließlich in der Vollversammlung ein, winkend, wie immer Ton in Ton gekleidet (Eierschale) und ohne Krawatte. Der Plenarsaal ist zu zwei Dritteln leer, als er um kurz nach 19.30 Uhr Ortszeit ans Rednerpult tritt. In der zweiten Reihe der US-Delegation döst ein einziger, niederer Botschaftsmitarbeiter. Trotzdem: CNN überträgt die Rede live zur besten Sendezeit am Abend. Was will man mehr?

Artiger Beifall für Ahmadinedschad

Ahmadinedschad spricht eine halbe Stunde lang - doppelt so lang wie vom Uno-Protokoll "empfohlen", zehn Minuten länger als Bush. Seine Rede ist blumig, von rhetorischen Fragen, dramatischen Gesten und Fingerzeigen durchwirkt. Obwohl sanfter als sonst, ist sie eine einzige Anklage gegen die, die sich als "Meister und Herrscher der gesamten Welt" wähnen - und immer wieder gegen den Uno-Sicherheitsrat. Für dessen Reform fordert er unter anderem, den islamischen Staaten einen Veto-Sitz zu geben.

Die USA erwähnt Ahmadinedschad nur einmal direkt - und einige Mal indirekt: Er geißelt die "Okkupation von Ländern, einschließlich des Iraks", die "Unterdrückung" von Muslimen, die "Grausamkeiten" gegen den Libanon, die "Tragödie" der Palästinenser, die atomare Aufrüstung als "Instrumente der Nötigung". Und an Bushs Adresse, den er allerdings auch hier nicht namentlich nennt: Das iranische Atomprogramm sei "transparent, friedlich und unter dem aufmerksamen Auge" der Uno-Inspektoren. Basta. Das ist alles zu dem Thema.

Um 20.06 Uhr verlässt Ahmadinedschad unter artigem Applaus das Podium. Bush ist längst woanders, auf einem Empfang der republikanischen Parteiführung am anderen Ende der Stadt.

Der Wahlkampf wartet.



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