Bush-Messer Der Vorsprung ist dahin

Beim dritten und letzten TV-Duell vor der Wahl mussten sowohl US-Präsident Bush als auch sein Herausforderer Kerry schwere Wertungstreffer einstecken. Aber keiner der beiden ging in der Arena von Arizona k.o. Nach drei Live-Debatten steht fest: Kerry konnte seinen Rückstand auf den amtierenden Präsidenten wettmachen.

Von Georg Mascolo, Washington




Bush und Kerry beim letzten TV-Duell: Fifty fifty
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Bush und Kerry beim letzten TV-Duell: Fifty fifty

Die Arbeit des Demoskopen in den USA ist dieser Tage ziemlich kompliziert - die Branche beginnt einem schon Leid zu tun: Je nach Umfrageinstitut ist George W. Bush in knapp drei Wochen der Sieger. Oder der große Verlierer, der - wie sein Vater - nach nur einer Amtszeit das Oval Office räumen muss. Der Republikaner und sein demokratischer Herausforderer John Kerry liegen inzwischen so dicht beieinander, dass selbst raffinierteste Umfragemethoden keinen klaren Trend mehr erkennen lassen.

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Bush versus Kerry: High Noon in Arizona

Die Fernsehdebatten, der große direkte Schlagabtausch, werden die Entscheidung bringen, hatten viele Politprofis vorausgesagt. Aber nach der dritten und letzten 90-Minuten-Runde, die heute Nacht in Arizona stattfand, ist die Prognose, wer die Wahl für sich entscheidet, nicht einfacher geworden.

Weder Bush noch Kerry gelang ein wirklich vernichtender Schlag, beide wirkten solide, Kerry allerdings souveräner als Bush. Aber für einen klaren Trend reicht das sicher nicht - die Tage bis zur Abstimmung am zweiten November werden voraussichtlich ein spannendes Kopf- an Kopfrennen bleiben; ein erbittertes Finale, bei dem beide Seiten die (kaum noch zu steigernden) bösartigen Attacken aufeinander noch einmal verschärfen werden.

Große Überraschungen waren beim dritten Duell kaum noch erwartet worden, die großen Streitthemen Irak und der richtige Weg bei der Terrorismusbekämpfung blieben weitgehend ausgespart. Die letzte Debatte war der Innenpolitik vorbehalten. Bush mühte sich Kerry als notorischen Steuertreiber ("er hat 99 Mal für Erhöhungen gestimmt")und gefährlichen Liberalen abzustempeln. Kerry erinnert inzwischen im Wahlkampf an Michael Moore - wenn er Bushs enge Beziehungen zu den Großkonzernen und dem saudischen Königshaus für die Wirtschaftsprobleme mitverantwortlich macht.

Der mediale Gesamtsieger heißt eindeutig Kerry

Beide versprachen eine endlich bezahlbare Krankenversicherung, ein Schwur ohne den seit Jahrzehnten kein US-Wahlkämpfer auskommt. Sonderlich überzeugend klangen beide nicht: Die "Washington Post" hat ausgerechnet, dass Kerrys Wahl-Versprechen sich auf zwei Billionen Dollar addieren. Bush kommt mit seinen gigantischen Steuersenkungsplänen sogar auf drei. Bei soviel ökonomischem Voodoo wird selbst dem konservativen "Wall Street Journal" ganz anders. Der nächste Präsident, warnt das Blatt, muss endlich beginnen die wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu lösen, wenn er nicht als "amerikanischer Nero" in die Geschichte eingehen will.

Wenn es einen Gesamtsieger des medialen Kräftemessens gibt, dann heißt er allerdings eindeutig Kerry. Er war abgeschlagen, schien schon geschlagen, bis er mit dem überzeugenden Auftritt in der ersten Fernsehdebatte das Comeback schaffte. Die Amerikaner erlebten einen taffen, stringent argumentierenden Kerry, der so gar nichts mit dem Bild zu tun hatte, das Bush von ihm zeichnet. Heute Nacht war dieser Kerry noch einmal zu sehen.

Der Präsident erholte sich schnell von der ersten Niederlage ("Du warst einfach nicht Du selbst", hat ihn die First Lady milde getadelt) und sich seither keinen weiteren Fehler geleistet. Auch gestern schlug er sich wacker, wenn sich auch wieder zeigte, das Bush eher mit einem Publikum, als mit einem Moderator umgehen kann. Der einst deutliche Vorsprung des Präsidenten ist jedenfalls seit dem Patzer in Runde Eins dahin.

Der Bush-Messer fühlt sich heute nicht schlauer als die Demoskopen: Alles noch drin, für beide Kandidaten. Es steht 50 zu 50.



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