Bush-Messer Endspurt der Klischee-Maschinen

Der bizarre Spuk der US-Wahlparteitage von Republikanern und Demokraten ist vorbei. Beide Kandidaten stellten tolle und sündhaft teure Shows auf die Beine. Doch hat das alles wirklich was gebracht?

New York - In der Nacht, da die Republikaner die Stadt verließen, zog ein letzter Trupp versprengter Protestler am Fenster des Bush-Messers vorbei. Sie brüllten und johlten und schepperten mit allerlei Krachgerät, als seien auch sie erleichtert, dass der Spuk vorbei ist. Anschließend saßen die Nachbarn schlaflos auf der Treppe vorm Haus beisammen und zogen Bilanz dieser bizarren Woche. Die politischen Ansichten gingen auseinander, doch in einem war man sich einig: endlich wieder Parkplätze.

Beide Parteien, beide Kandidaten hatten nun also die Chance, ihre Zukunftsvisionen einem nationalen Fernsehpublikum anzudienen. Der eine tat das in seiner Heimatstadt, auf weitgehend freundlich gesinntem Terrain. Der andere tat das in einer Stadt, die seinem Wesen nicht fremder sein könnte, begleitet von den größten Massenprotesten, die es je bei einem US-Parteitag gegeben hat. Was bleibt?

Es bleibt ein schaler Nachgeschmack, in beiden Fällen und, so ist der Gang der Dinge, schaler noch als vor vier Jahren. Mehr Show, bessere "Message Control", geschliffenere Optik. Weniger Authentizität, weniger Spontaneität, flachere Reden. Wer vorher nicht wusste, für wen er stimmen sollte, ist nun auch nicht viel schlauer, im Gegenteil. Die Parteitage waren hoch produzierte Action-Spektakel mit prallen Plots und Special Effects, doch ohne Substanz und inszeniert von TV-erfahrenen Regisseuren.

"Kastrations-Kriegsführung"

Die teuersten Action-Spektakel in der Geschichte amerikanischer Präsidentschaftswahlkämpfe: Über 200 Millionen Dollar haben die Parteien und ihre Sponsoren ausgegeben, um sich je vier Tage lang ins Weichhirn der Wechselwähler einzubläuen. Das ist mehr, als der gesamte Wahlkampf 1996 gekostet hat. Die Kosten der Schlammschlacht 2004 haben jetzt schon eine Milliarde Dollar überschritten. Das Ergebnis: zwei Reality-Shows, die die endlos komplexen Probleme unserer Zeit auf platte Parolen und clevere Bühnenoptik reduzierten und ans Unterbewusstsein appellierten, an die Instinkte, Ängste und Sehnsüchte des Wählers: Terror, Krieg, Heldenmut, Steuernachlass.

In ersten Umfragen übers Wochenende hat George W. Bush erheblich zugelegt - und John Kerry eingebüßt. Die US-Medien sehen darin erste Anzeichen, dass das Patt gebrochen ist. Doch der Bush-Messer warnt: Umfragen übers Labor Day Weekend, dem langen Feiertagswochenende zum Abschluss der Sommersaison, sind notorisch unzuverlässig.

Allerdings ist dem Vietnam-Kneifer Bush, der nicht mal seine Dienstzeit in der "Champagner-Einheit" der US-Nationalgarde lückenlos nachweisen kann, in der Tat das Kunststück gelungen, sich als Action Hero zu etablieren. Und zwar dank kluger Choreografie, brillantem Timing, patriotischer Optik und der faktisch widerlegten Propaganda seiner Swift-Boat-Surrogaten, mit denen er "nicht das Geringste zu tun" haben will - außer natürlich einer gemeinsamen Anwaltskanzlei, gemeinsamen Finanziers und gemeinsamen Freundesbanden.

Der wahre Vietnam-Held Kerry dagegen, der seine Kameraden durchs Sperrfeuer der Vietcong heimführte, steht plötzlich als "Girlie-Man" da, ein Magnet für alle dämlichen Stereotypen, die seit jeher durch Amerikas mittleren Westen geistern: Männer spielen Football und trinken Bier, Frauen lesen Bücher und trinken Wein, blablabla. "Kastrations-Kriegsführung", nennt Kolumnist Frank Rich diese Taktik des Bush-Teams in der "New York Times". Image-Berater dürften sich dies in der Zukunft zum guten Beispiel nehmen - oder zur Warnung: Man nimmt nicht die Fotopresse zum normalerweise harmlosen Surfen mit, wenn man weiß, dass der Gegner vor nichts zurückschreckt. Prompt ließ Bush den Surfanzug Kerrys als "dumme, kleine Radlerhosen" verhöhnen.

Die schöne, heile Welt der Bushies

Was nun? Der betäubende Reize-Rausch des Republikanerfestes ist schnell verflogen. Drei TV-Debatten soll es noch geben, in denen sich Bush nicht mehr auf tolle Bühnentricks oder vorgefertigtes Wortgeraspel verlassen kann, sondern seinem ärgsten Konkurrenten gegenüber stehen wird - sich selbst. Doch können die Debatten überhaupt noch jemanden in die eine oder andere Richtung bewegen?

Die Zahlendreher und Wahlstrategen glauben nicht daran. Sie haben die Mehrheit der Wähler schon längst abgeschrieben in ihren aufwendigen Excel-Rechnungen. Sie setzen in den verbleibenden Wochen alles nur noch auf das gezielte, geografische Nischenmarketing ihrer Kandidaten.

Womit wir bei den viel zitierten "zwei Amerikas" wären. Die Diskrepanz hätte in New York kaum krasser inszeniert werden können. Drinnen im Madison Square Garden die schöne, heile, einfache Welt der Bushies. Draußen auf der Straße die grobe, unbequeme, komplizierte Welt der Kerry-Kids. Dazu musste man sich gar nicht mal die Demonstranten anhören, sondern brauchte sich nur in die U-Bahn nach Spanish Harlem zu setzen.

Protest in der Wahlkabine

Beide Kandidaten trugen ihr Weltbild - in zielgruppenfesten Soundbites, die mit ihren Kandidatenreden in Boston und New York identisch waren - noch in der Nacht des Parteitags in die Provinz hinaus, zur besagten, aussterbenden Wählergattung, die als "noch unentschlossen" gilt und deren Delegierten bei den Parteitagen in der ersten Reihe sitzen und in den besten Hotels wohnen durften.

Dem Bush-Messer fällt es da schwer, nicht in Zynismus zu versinken. Bushs Spiegeltricks sind effektiv, Kerrys stoisches "Die-Wahrheit-wird-siegen" hingegen zieht offenbar wenig. Und auch wenn der Mann als aggressiver Endspurtler bekannt ist, neigt der Bush-Messer zumindest diese Woche dazu, dem besseren Showmaster auch die besseren Siegeschancen einzuräumen - 3:2 für Bush. Mit einem Vorbehalt: Niemand sollte die New Yorker Massenproteste als albernes Gebrüll abtun. Denn die waren nur eine Generalprobe für die einzige Art des Protestes, der politisch heute noch Wirkung hat: dem in der Wahlkabine.