Bush-Messer F-Wörter, Kakerlaken und Halbkriminelle

Profane Zoten, Fäkalausdrücke, miese Tricks: Statt nun in die ernste Phase zu treten, artet der US-Wahlkampf wieder mal zum schmutzigen Spektakel aus. Einer könnte dabei auf der Strecke bleiben: Vizepräsident Dick Cheney.

Von , New York


New York - Whoopi Goldberg gilt als Garantin deftiger Zoten. Das wusste auch die Parteispitze der US-Demokraten, als sie die Entertainerin für ihre jüngste Wahlkampf-Gala engagierte, ein Konzert in der Radio City Music Hall für den Präsidentschaftsaspiranten John Kerry. Sicher ist sicher, dachten sich die Organisatoren deshalb und baten Goldberg, alle ihre Witze vorab gegenzeichnen zu lassen.

Zotiger Wahlkampf: Kerry-Unterstützerin Goldberg
AP

Zotiger Wahlkampf: Kerry-Unterstützerin Goldberg

Ähnliche Klauseln hatten auch viele der anderen Megastars anstandslos unterschrieben, die am vorigen Donnerstagabend in Manhattan Stimmung gegen Präsident George W. Bush machten - darunter Barbra Streisand, Meryl Streep und Paul Newman. Dass sich Miss Goldberg aber nicht um die guten Hollywood-Sitten scheren würde, merkten die Veranstalter spätestens, als diese vor die 6200 Ehrengäste aus New Yorks High Society auf die Bühne trat.

"Ich habe meinen Hintern kopiert und in einen Umschlag gesteckt und zurückgeschickt, mit einem fetten Kussmund drauf", grölte Goldberg, eine Weinflasche schwingend, in Anspielung auf die Bitte der Partei um Mäßigung. "Wir haben keine Angst zu lachen!" Alsdann ließ sie eine lange, mit Profanem gespickte Tirade gegen Bush los, auf deren Höhepunkt sie zweideutige Wortspiele mit dessen Namen trieb. Das Publikum wand sich, John Kerry in der ersten Reihe blieb das Lachen im Hals stecken. Trotzdem erzielte das "Hass-Fest", wie Bush wütete, einen Finanzerlös von 7,5 Millionen Dollar - ein neuer Rekord in der Parteispenden-Geschichte.

Willkommen im US-Wahlkampf: Normalerweise wird es ernst, sobald beide Seiten ihre Teams festgesetzt haben. Diesmal jedoch wird es, zeitgleich mit dem PR-Rummel um Kerrys neuen Wahl-Kompagnon John Edwards, billig und platt. Die Schlammschlacht ist eröffnet - auf beiden Seiten. Vizepräsident Dick Cheney bewirft den Gegner stolz mit dem F-Wort, Kerry & Co. verspotten die Republikaner nicht minder scharf als "halbkriminell" und "Kakerlaken", und wenn das Fernsehen das alles live übertragen würde, bekäme es eine Geldstrafe wegen Obszönität.

Die Nerven liegen blank, die Krallen bloß. Da wird selbst vor windigen Tricks nicht mehr zurückgeschreckt. So warnte das Weiße Haus einen Tag nach der Kür Edwards' auf einer Pressekonferenz von Heimatschutzminister Tom Ridge vor neuen Terroranschlägen, ohne aber konkrete Indizien zu offerieren - Zufall oder perfides Ablenkungsmanöver? "Ist der jüngste Terroralarm politisch motiviert?", wundert sich selbst Howard Kurtz, der Medienkritiker der "Washington Post". "Will die Regierung Edwards die Schlagzeilen klauen?"

Warum nicht, schließlich geht es hier um jeden Prozentpunkt. Selbst alte Affären werden da noch mal ausgegraben und dem Gegner vor die Nase gehalten. So stänkert Kerry gegen die Uralt-Connections Bushs zu Ex-Enron-Chef Ken Lay ("Kenny Boy"), der wegen des Kollapses des einst größten US-Konzerns jetzt also doch noch vor Gericht kommen soll. Und Bushs Lager schlägt prompt zurück: Lay sei vor zwei Jahren auch mal bei den Kerrys zu Gast gewesen, aus Anlass eines philanthropischen Dinners für Mrs. Heinz Kerry. Was das mit der Wahl zu tun hat? "Ein Präsident der USA trifft täglich Werturteile", sagt Kerry, das jüngste Schlagwort des Wahlkampfes prägend, das beide Lager für sich beanspruchen: "Werte".

Zu spät? Die Amerikaner scheinen, zurzeit jedenfalls, nicht mehr hinzuhören. Weder die wichtigste Schlagzeile der Woche - der sensationelle Senatsbericht über die CIA-Desinformationen im Vorfeld der Irak-Kriegs - noch die perfekt inszenierte, über mehrere Tage, Staaten und Interviews gestreckte Vorstellung des Kerry-Vizes Edwards beeindruckte die Wähler. In den Umfragen verbuchte Kerry am Ende nur einen haarfeinen Schub - sein Vorsprung bleibt weiter im Patt-Bereich. Das dürfte sich auch mit dem heiß erwarteten Abschlussbericht des 9/11-Ausschusses kaum ändern, der womöglich schon diese Woche ansteht.

Nur eine dramatisch, bisher jedoch rein hypothetische Annahme bringt diese Rechnung doch noch mal durcheinander: Was wäre, wenn Bush seinen größten Negativ-Ballast, seinen belagerten Stellvertreter Cheney, kurzum schasst und ihn durch ein besseres Zugpferd ersetzt, etwa einen Monat vor den Wahlen, als Sensations-Coup? Vorwände gäbe es ja reichlich. "Cheney sollte Herzschmerzen vorspielen", rät Nicholas Kristof, Kolumnist der "New York Times". Bush minus Cheney: Erstmals pendeln sich auch die Demoskopen auf diese Überraschungs-Variante ein. Im Duo mit Außenminister Colin Powell zum Beispiel würde Bush Kerry satt mit 53 zu 44 Prozent schlagen.

Das kann also womöglich doch noch spannend werden. Surreal und schmutzig ist es ja bereits, und deshalb verzichtet der Bush-Messer auch diesmal knauserig darauf, Pluspunkte zu verteilen, weder an die eine noch die andere Seite. Wir bleiben bei der Prognose 2:1 - Bush wird abgewählt.



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