Bush-Messer Freiheit, Unabhängigkeit und Baseball

Der Machtwechsel im Irak sollte das Steuer für US-Präsident George W. Bush herumreißen. Doch die Stimmung der Amerikaner am Unabhängigkeitstag blieb trübe. Dies wäre eigentlich die Stunde für Herausforderer John Kerry.

New York - Es war keine besonders gute Woche für die New York Yankees. Bei der "Subway Series", der stadtinternen Baseball-Herbstmeisterschaft, mussten die legendären "Yanks" ohne Not zwei weitere, dumme Niederlagen gegen die Mets einstecken, ihre heimischen Erzrivalen. "In der New Yorker Hitze verdörrt", höhnte das Boulevardblatt "New York Post" über das Weltmeisterteam.

Unerträglicher noch schien den Fans jedoch der Kurzbesuch von US-Vizepräsident Dick Cheney im Yankees-Stadion. Bei einem Rückspiel gegen die Bostoner Red Sox saß der vorige Woche zunächst unbemerkt in der Privatloge von Clubeigner George Steinbrenner, dann eine Weile hinter dem Spieler-Dugout. Erst als Cheneys Konterfei auf der monumentalen Anzeigetafel erschien, zu den Klängen von "God Bless America", bemerkten die restlichen Zuschauer den Gast aus Washington. Prompt brach das gesamte Stadion in laute Buhrufe und Pfiffe aus - so laut, dass die Yankees das Bild Cheneys schnell wieder ausblendeten.

Mit Baseball, Feuerwerk, Paraden und Hot Dogs begingen die Amerikaner gestern ihren 228. Geburtstag. Für das Führungsteam unter George W. Bush allerdings gab es am 4. Juli, dem US-Nationalfeiertag, wenig zu feiern, und das nicht nur im meist liberalen Baseball-Land. Bushs Popularitätsquote, seit dem Folterskandal von Abu Ghureib im Freifall, hat dieser Tage einen neuen, historischen Tiefpunkt erreicht: Nur noch 42 Prozent der Amerikaner sind mit Bush und seiner Amtsführung zufrieden, 51 Prozent dagegen missbilligen sie. 57 Prozent finden inzwischen, dass das ganze Land "in eine falsche Richtung" schlingere - national wie international.

Das sind Werte, an denen Präsidenten zu Grunde gehen. Zumindest schaffte kein Amtsinhaber der letzten 25 Jahre, dessen Werte im Frühjahr eines Wahljahres unter die 50-Prozent-Marke rutschten, die Wiederwahl.

Doch natürlich ist in diesem Jahr alles anders. Der Dauerkrieg gegen den Terror hat die verstaubten Polit-Axiome des US-Wahlkampfes verschoben. Ob zu Gunsten der Republikaner oder der Demokraten, das weiß noch keiner. "Dies ist eine neue Zeitrechnung für uns", sagt ein demokratischer Wahlstratege. "Die alten Rechnungen gehen so einfach nicht mehr auf."

Die Regierung hofft, dass die düstere Wolke, die über Bushs desaströsem Irak-Feldzug hängt, bis zum Wahltag verflogen ist. Vor allem die Bagdader Machtübergabe sollte das Steuer nun herumreißen. Doch der überstürzte Abzug des US-Verwalters Paul Bremer erinnerte manche eher an die Flucht der Amerikaner aus Saigon.

Derweil geht das Leiden der verbliebenen GIs im Irak ungehindert weiter. 14 Amerikaner starben allein in der Woche des Machtwechsels. Mittlerweile sind die Truppenreserven so ausgeschöpft, dass jetzt 5600 pensionierte US-Soldaten wieder in den Dienst zurück befohlen wurden. Die eigentlich für voriges Wochenende erhofften Unabhängigkeitsfestivitäten - in den USA und erstmals also auch im Irak - wurden so eher zur Trauerfeier.

Bush Rivale John Kerry dagegen hofft, dass die Benennung seines Vize-Kandidaten (womöglich schon morgen oder übermorgen) sein größtes Ass im Ärmel wird. Wie immer in solchen Fällen haben die Spekulationen längst Hysterie-Dezibel erreicht. Der Wunschkandidat vieler Demokraten, der republikanische Senator John McCain, hat sich selbst aus dem Rennen genommen und stattdessen demonstrativ in der Tagesordnung für Bushs Wahlparteitag verankern lassen. Wer bleibt für Kerry? John Edwards? (Jung, doch farblos.) Dick Gephardt? (Älter und noch farbloser.) Tom Vilsack, der Joker aus Iowa? (Kennt keiner.) Hillary Clinton? (Wer hätte dann die Hosen an?)

Ein Ass kann Kerry brauchen. Denn trotz Bushs Umfragemisere (und dem weiterhin durchwachsenen US-Arbeitsmarkt) gewinnt der keinen Schwung: In direkten Wahlvergleichen liegen die beiden weiter Kopf an Kopf, und 40 Prozent der Amerikaner haben auch heute noch "keine Meinung" über den Demokraten.

Kerrys Versuche, sich diversen Wählergruppen als sympathisch anzudienen, wirken wie Sketche einer schlechten Comedy-Show und scheinen seinen gestelzt-aristokratischen Stil nur noch zu unterstreichen. Etwa im Milch- und Käsestaat Wisconsin, wo Kerry jetzt bemüht einen Kindheitsaufenthalt auf einem Bauernhof beschwor und dann, eigens für die schießfreudige Farmer-Basis, ein Jagdgewehr schwang. Ein Bild, das auch in seinem aktuellen TV-Spot auftaucht - schließlich ist die Waffenlobby NRA ein fetter Wählerblock.

Alles in allem schätzt der Bush-Messer die Chancen auf eine Abwahl des Präsidenten also erst mal unverändert weiter auf 2:1 ein, harrt aber gespannt den Ereignissen dieser Woche. Und was die Yankees angeht: Die verloren gestern auch ihr letztes Spiel gegen die Mets.

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