Bush-Messer Kann Kerry auf der Wechselwelle surfen?

George W. Bush hockt im Stimmungstief. Ein perfekter Zeitpunkt für die US-Demokraten, um John F. Kerry zu ihrem Präsidentschaftskandidaten auszurufen. Bleibt die Frage: Kann der spröde Senator aus Massachusetts das Anti-Bush-Klima in eine Pro-Kerry-Stimmung verwandeln?

Von , Washington


Bush-Herausforderer Kerry: Wie gut ist seine Rede?
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Bush-Herausforderer Kerry: Wie gut ist seine Rede?

Das ist die Woche des John Kerry. Aber wer ist das eigentlich, der da in Boston offiziell in den Stand des Präsidentschaftskandidaten erhoben wird? "Time" und "Newsweek" widmen ganze Ausgaben dieser Frage, die umso absurder erscheint, als über John Kerry eigentlich alles gesagt und alles geschrieben sein sollte. Aber ein Rätsel bleibt er eben doch, auch wenn sich jede Menge Heerscharen an Biographen und anderen Psychologen auf ihn gestürzt haben und jede Wendung und Windung in seinem an Wendungen und Windungen reichen Leben (was ja nicht gegen ihn sprechen muss) ausgiebig inspiziert haben.

Kerry ist ein Einzelgänger, der schwer Bindungen eingeht. Er ist kein Patrizier, auch wenn er ganz nach der alten Ostküsten-Elite aussieht. Er ist ein Leih-Patrizier, denn wenn es die kinderlose, schwerreiche Tante nicht gegeben hätte, hätte die Erziehung an weniger wunderbaren Orten stattgefunden. Die Familie der Mutter reicht zwar tief in Amerikas Geldadel zurück, aber als der kleine John 1943 zur Welt kam, war weniger Geld als Häuser da, in denen sich die weitschweifige Familie versammeln konnte.

Später musste Kerry in Yale immer mit Freunden mithalten, die aus reicheren Häusern kamen und deshalb lässig durchs Leben schlendern konnten. Sein unbedingter Leistungswille kommt daher, auch die vorsichtige Wahl der Ehefrauen, die - Zufall oder nicht - jenes Vermögen besaßen, das ihm nicht gegeben war. Die ungeheure Spannung, unter der Kerry stehen mag und die ihm auch etwas Freudloses gibt, hat mit dem ständigen Mithalten und Aufholen zu tun, das er sich von jeher abverlangt hat.

Die eigentliche Frage ist natürlich, ob Kerry bisher vieles richtig gemacht hat oder vieles falsch. Er ist die Vorsicht in Person: Was den Irak anbelangt, das wahlentscheidende Thema am 2. November, hat der Kandidat die Internationalisierung vorgeschlagen, auf die der Präsident mittlerweile eingeschwenkt ist. Der Kandidat tut auch nicht so, als würde er die Misere sofort und umstandslos bereinigen können. Der Kandidat will nicht alles anders machen, aber manches besser. Und er hat das Problem, dass die Amerikaner den amtierenden Präsidenten immer noch für einen "regular guy", einen netten Kerl, halten und sich für Kerry noch nicht erwärmt haben.

Diese Woche gehört Kerry, und Boston muss ihm den Durchbruch bringen. Wenn den Bush-Messer nicht der gesunde Menschenverstand verlassen hat, dann gibt es eine Wählt-Bush-ab-Stimmung in Amerika. Dieses Land wendet sich von glücklosen Präsidenten ab, wenn sich das Abwenden lohnt. Mit Bush unglücklich sind eben auch zum Beispiel Geschäftsleute, die ihn gewählt haben, die aber jetzt die Dinge neu betrachten, weil der Irak-Krieg zu viel Abenteuer war oder weil der Mann im Weißen Haus zu fromm tut oder weil sie fiskalisch konservativ sind.

Also, wer ist Herr Kerry, und wie tritt Herr Kerry am Donnerstagabend in Erscheinung, und wie gut ist seine Rede dann? Im Grunde wird ihm die Präsidentschaft wie auf dem Silbertablett dargereicht - er muss es nur geschickt und gekonnt annehmen. Allerdings plagt uns die Erinnerung an den unglückseligen Al Gore, der noch bessere Voraussetzungen hatte und es vermochte, gegen George W. Bush zu verlieren. Sei's drum, der Bush-Messer ist heute in Geberlaune (oder auch in Zockerlust). Er wettet 3:1, dass Herr Kerry Herrn Bush besiegen wird, wenn es am 2. November ernst wird. Und wenn es nicht so kommt, fragen wir dann sehr distanziert: Wer war noch mal Herr Kerry?



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