Bush-Messer Kerry lahmt

John Kerry hat ein Problem. Trotz eines millionenschweren Werbefeldzuges hat er den Amerikanern noch keinen überzeugenden Grund geliefert, ihn zu wählen. Aber vielleicht ist er auch ein menschgewordener Nachkömmling des legendären Pferdes Seabiscuit. Gegen alle Erwartung rollte es oftmals die Rennen von hinten auf.

Von , Washington


Kerry in Orlando: Eigentlich wäre es einfach zu gewinnen, eigentlich
DPA

Kerry in Orlando: Eigentlich wäre es einfach zu gewinnen, eigentlich

John Kerry hat viele gute Freunde, die ihm viele gute Ratschläge erteilen. Donna Brazile zum Beispiel schlägt ihm vor, er solle sich doch auf seine innere Stimme verlassen, denn die werde ihn schon auf den rechten Weg schicken.

Oder Bob Kerrey: Er ist der Meinung, um Präsident zu werden, solle Kerry versprechen, er werde, gleich nach seiner Wahl, einen internationalen Handelsgipfel einberufen. Und zwar nach Columbus, Ohio - um dort mit den stärksten Wirtschaftsmächten über die Steuerung der Globalisierung zu debattieren, die ja Arbeitsplätze in Amerika gefährdet - die Globalisierung vernichtet ihre Erfinder.

Als dritten Ratgeber wollen wir noch Leon Panetta zu Wort kommen lassen, der seine Auffassung beisteuert, der amerikanischen Wähler wähle immer jenen Kandidaten, der fest an etwas glaubt, egal was er glaubt. Also soll Kerry irgendetwas glauben oder wenigstens erfolgreich so tun, als ob.

Entschlusskraft, Überzeugungskraft oder so

Schöne Freunde: Donna Brazile ist ein Vulkan von einer Frau. Sie war die erste schwarze Wahlkampfmanagerin in der Geschichte Amerikas. Vor vier Jahren musste sie sich mit Al Gore herumschlagen, der es sich nicht nehmen ließ, eine Wahl zu verlieren, die gar nicht zu verlieren war. Aber er folgte der falschen inneren Stimme.

Auch diesmal wäre es vergleichsweise einfach zu gewinnen, sogar gegen einen amtierenden Präsidenten. Denn eigentlich würden die Amerikaner George W. Bush wohl ganz gerne abwählen - wenn denn Kerry ihnen bloß einen Grund liefern würde, der mit ihm persönlich zu tun hat. Zum Beispiel mit Entschlusskraft, Überzeugungskraft oder so. Nur verfügt Kerry genauso wenig wie Gore über ein sicheres Gespür, was Amerika will und was er will. Der letzte Kandidat, der diese Gabe besaß, hieß Bill Clinton.

Bob Kerrey ist ein interessanter Mann, der vor kurzem die 9/11-Kommission bereicherte. Vorher war er einmal Präsidentschaftskandidat und weil er ähnliche glänzende Einfälle hatte, wie den, den er jetzt Kerry unterbreitete, musste er seine Bemühungen ums Weiße Haus schnell wieder einstellen. Leon Panetta wiederum war einmal Bill Clintons Stabschef und ist dermaßen nachhaltig beeindruckt von seinem alten Chef, dass er immer wieder Ratschläge erteilt, als trete der wieder an und nicht etwa John Kerry, der viele Vorzüge aufweisen kann, aber nicht den, Bill Clinton zu sein.

Irgendwie ein Omen

Als der Bush-Messer die drei Ratschläge der drei Freunde in der "Washington Post" las, ergriff ihn Mitleid mit dem Kandidaten, der ja nun wirklich viele Bemühungen unternimmt, wieder ins Spiel zu kommen. Kerry heuerte gerade etliche Clintonites an und vermutlich gibt jeder von ihnen, im Bewusstsein seiner Bedeutung, voller Inbrunst den allerbesten Ratschlag, dessen er mächtig ist.

Deshalb reiste der Bush-Messer, auf Augen- und Ohrenschein bedacht, nach Orlando im Bundesstaat Florida - einem der entscheidenden Staaten am 2. November. Vor vier Jahren erlebte Al Gore in Florida sein Trauma, als der Supreme Court das Nachzählen einstellen ließ und Bush damit zum Präsidenten machte. Also muss Kerry Florida gewinnen. Er war in Orlando auch angriffslustig, seine Anhänger wedelten mit ihren Handschuhen zu - Symbol dafür, dass Kerry "has taken off the gloves", was soviel heißt, dass er endlich zur Sache kommt. Und es heißt, dass Bush ganz unvornehm für alles, was mit dem Irak zu tun, verantwortlich erklärt wird. Eigentlich überfällig. Ach ja, und ziemlich heiser ist er auch. Irgendwie ein Omen.

Kerry übt

Ein Pferd wurde zur Legende: Seabiscuit im gleichnamigen Film
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Ein Pferd wurde zur Legende: Seabiscuit im gleichnamigen Film

Kerrys Rede entsprach, aufs Ganze gesehen, dem Sammelsurium aller wohlmeinenden Einflüsterungen, die ihm derzeit zuteil werden. Doch etwas Seltsames fiel dem Bush-Messer auf: Kerry wirkte plötzlich ganz entspannt, nicht mehr so unbeteiligt und wie-neben-sich-selber-stehend. Ihm haftet ja der merkwürdige Ruf an, er sei am besten, wenn ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als gut zu sein, weil er mit dem Rücken an der Wand steht. Vielleicht sollten wir ihn als Seabiscuit betrachten, als menschgewordenen Nachkömmling dieses Pferdes, das gegen alle Erwartung das Rennen von hinten aufrollte und seinem Besitzer viel Geld einlief.

Also, Kerry übt. Er hat Zeit bis zum 30.September, wenn er in Miami mit dem Präsidenten debattiert. Dann müssen die Sätze sitzen, dann müssen die Sätze kurz sein und die Nebensätze eliminiert. Bush ist ein Meister der Verkürzung, wie wir alle leidvoll erfahren haben. Ihn in einer solchen Diskussion zu schlagen, besser auszusehen als George W., ist verdammt schwer. Vor allem für John Forbes Kerry.

Die Prognose? Oh, ja, sie schwankt, und der Bush-Messer schwankt mit ihr. Heute war Sonnenschein und da sah die Welt gut aus und da dachte der Bush-Messer, vielleicht schafft er es ja doch, der Kerry. Dann saß der Bush-Messer oben auf der Terrasse im "Hotel Washington" und ließ seinen Blick übers kleine, schöne Weiße Haus schweifen und plötzlich kam es ihm so vor, als sei Bush so mit seiner Residenz verwachsen, dass er sich nicht daraus entfernen lassen wird.

Also, wir wollen den Glauben an den Kandidaten Kerry nicht verlieren, aber momentan, Freunde, sieht es 60:40 so aus, als bliebe das Weiße Haus dem Texaner vorbehalten.



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