Bush-Messer Präsident in der Krampfstarre

Wenige Monate vor der Wahl lahmt das Zugpferd der Republikaner heftig. George W. Bush scheint angesichts der Irak-Misere wie gelähmt. Statt im Weißen Haus Strippen zu ziehen, verschanzt er sich auf seiner Ranch und gibt Allgemeinplätze von sich.

Bush gelingen nicht die richtigen Gesten, er findet nicht die richtigen Worte, er steht neben sich. Seinen Bewunderern bleibt die Frage, ob er den Ernst der Lage nicht begreift oder ob ihn zum ersten Mal die Angst befallen hat, dass er am Irak scheitern könnte wie sein Vater vor zwölf Jahren.

Bush weilte viele Tage in Crawford, obwohl doch die eiserne Regel gilt, wonach der Präsident ins Weiße Haus zu eilen hat, wenn sich Krisen zuspitzen. Und dass sich im Irak einiges zugespitzt hat, konnte vorige Woche niemandem entgehen, als, erstens, die Aufständischen um Muktada al-Sadr losschlugen, dann, zweitens, Schiiten und Sunniten plötzlich Gemeinsamkeiten entdeckten, und, drittens, soviele Amerikaner starben wie schon lange nicht mehr, während alle möglichen Ausländer, viertens, entführt wurden. Viele Alpträume auf einmal.

Bush aber blieb zum Entsetzen seiner Bewunderer auf seiner Ranch und murmelte lediglich etwas von "Diebsstrolchen", die aus Verzweiflung über die wohltätige Demokratisierung des Irak letzte Gefechte führten. In der "Jim Lehrer Show" - einer Art Deutschlandfunk im amerikanischen Fernsehen - rätselten gestern Abend ein paar moderate Experten herum, was in den Präsidenten gefahren sein könnte. Ihnen fiel wenig anderes als "Bunker-Mentaliät" und "Realitätsferne" ein. Natürlich fiel auch das "V-Wort" - Vietnam, eine immer griffbereite Analogie, die "Newsweek" allerdings in ihrer neuesten Ausgabe sorgfältig und unpolemisch wägt.

Heute treten John Ashcroft und Robert Mueller vor die unabhängige Kommission, die die Vorgeschichte des 11. September peinlich genau untersucht. Auch zum inzwischen berühmten Briefing des Präsidenten am 6. August, wenige Wochen vor den Anschlägen, fielen weder dem Weißen Haus noch Bush selber, ein oder zwei einleuchtende Sätze ein. Der Präsident ist einfach kein Mann der Mitte. Entweder er macht alles richtig oder alles falsch. Dazwischen gibt es nichts. Im Laufe des heutigen Tages will er Versäumtes wettmachen und eine Rede zur Lage im Irak und daheim halten. Wir sind gespannt.

"Time" hat eine neue Umfrage veröffentlicht, die den Trend erkennen lässt: Noch 49 Prozent aller Amerikaner finden, dass ihr Präsident seinen Job gut macht, 47 finden das nicht. 43 Prozent aller Amerikaner glauben, dass die Regierung einen klaren und wohldurchdachten Plan für den Irak besitzt, 51 glauben das nicht. 64 Prozent aller Amerikaner meinen, dass die Misere im Irak Bush schadet, 26 meinen nicht.

Von John Kerry heißt es, dass er an Ostern die Messe besuchte und jetzt durch die Colleges pilgert, um für sich zu werben. Plötzlich ist er zur marginalen Figur geworden. Alles konzentriert sich auf den Präsidenten, er wird entweder abgewählt oder nicht, und davon profitiert sein Gegenspieler oder auch nicht.

Der Bush-Messer ist so gespalten wie Amerika gespalten ist. Mit schlechtem Gewissen pendelt er sich nach wilden Ausschlägen wieder bei 50 Prozent ein. Es ist ja noch lange hin bis zum 2. November, für den Absturz lassen wir uns sicherheitshalber ein bisschen Zeit.

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