Bush-Messer Wiederwahlchancen so schlecht wie nie

65 Millionen Dollar hat das Wahlkampfteam von US-Präsident Bush ausgegeben, um John Kerry als wankelmütigen Hallodri darzustellen. Vergeblich. Angesichts des Folterskandals verlässt die Amerikaner das Vertrauen in ihren Präsidenten. Selbst der Bush-Messer lässt sich vom Moment der Wahrheit überwältigen.

Von , Washington


Washington - Gestern Nachmittag stand Karl Rove an der Straßenecke, ganz entspannt und in sonntagsgemäßer Lässigkeit, wie es die Amerikaner eben am Wochenende so halten. Er winkte fröhlich, wünschte einen guten Tag und ging, ein blasser Normalmensch ohne viel Aufhebens und Tralala, seiner Wege. Wer wüsste nicht gerne, was jetzt dem Mann durch den Kopf geht, den sie den Präsidenten-Macher nennen, während George W. Bush ihn der Einfachheit halber "Boy Genius" getauft hat.

65 Millionen Dollar hat die republikanische Wahlkampfmaschine bislang verbraten, um John Kerry als unsicheren Kantonisten darzustellen, dem das Land am besten gar nicht erst anvertraut werden soll. Die rasante Vergeblichkeit des Unterfangens lässt sich an den neuesten Umfragen ablesen, die in "Newsweek" zu finden sind: Schwache 42 Prozent finden noch, dass der amtierende Präsident einen guten Job hinlegt.

"Time" liefert dazu die passende Titelgeschichte: "Moment der Wahrheit" - oder auch: "George W. Bush hat das Land in den Irak-Krieg geführt. Kann er es auch wieder herausführen?"

Der Mann, der die Zweifel an Bushs Qualifikation mittlerweile wöchentlich nährt, ist ein älterer Herr, der keine Krawatten mag. Er trägt sie nur bei Fernsehinterviews - wenn er seine neueste, im wunderbaren Reporter- und Intellektuellenblatt "New Yorker" veröffentlichte Geschichte vor laufender Kamera erläutert.

Seymour Hersh ist eine Ein-Mann-Institution des amerikanischen Journalismus, mit vorzüglichen Verbindungen hinein in die Geheimdienstwelt. Auch im Militär kennt er sich gut aus, sein Lieblingsfeind heißt nicht erst seit heute Donald Rumsfeld. Der erste, ellenlange aber für das Pentagon ziemlich bedrohliche Satz seines neuesten Artikels lautet: "Die Wurzeln des Skandals im Gefängnis von Abu Ghureib liegen nicht in den kriminellen Neigungen einiger weniger Reservisten der Armee, sondern in einer Entscheidung, eine hochgeheime Operation, die sich auf die Jagd nach al-Qaida konzentrieren sollte, auf Gefangenenverhöre im Irak auszuweiten, mit Billigung durch den Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im vergangenen Jahr."

Das kann nur eine hochinteressante Woche mit aggressiven Einvernahmen einiger wichtiger Leute aus dem Pentagon im Senat werden.

Erinnert sich noch irgendjemand an die heimliche Einrichtung einer kleinen Abteilung im Pentagon, die sich die Kenntnisse und Analysen der CIA über die Massenvernichtungswaffen anschaute, um zu entschlossenen Urteilen zu gelangen, in denen sich durchaus vorhandene Zweifel und Ambivalenzen in Luft auflösten? So etwas Ähnliches gab es offenbar auch, um Terroristen zu jagen - erfunden für die Bigshots aus dem engsten Umkreis Osama Bin Ladens, korrekturbedürftig schon in Guantanamo und erst recht in irakischen Gefängnissen. Überall aber, sagt Hersh, durfte Folter zum Zwecke der Erkenntnisgewinnung angewandt werden.

Interessanterweise könnte es sein, dass Amerika seinen Glauben an Bush verliert, ohne dass es zum Glauben an John Kerry findet. Momentan sind jedenfalls die Gesetze der Schwerkraft im Wahlkampf nur schwer zu finden. Kerry liegt bei "Newsweek" im Direktvergleich nur einen Punkt vor dem Amtsinhaber: 46:45. Um zumindest diesen einen winzigen Punkt wiederzugewinnen, muss in dieser Woche die widerstrebende Laura Bush ihre Runde durch die Abendshows im Fernsehen drehen.

Eigentlich ist der Bush-Messer ja ein friedlicher Geselle, der klaglos die Wochenausschläge zur Kenntnis nimmt, wertet und ebenso geduldig der nächsten Woche entgegen blickt. Diesmal aber lässt er sich vom Moment der Wahrheit überwältigen: Zweidrittel Wahrscheinlichkeit, dass Bush nicht mehr gewählt wird - sofern die Gesetze der Schwerkraft wieder Einzug in den amerikanischen Wahlkampf halten.



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