Bush-Messer "Yeah, wir gehen nach Washington"

US-Präsident George W. Bush steckt in der Defensive. Seine PR-Strategen jagen ihn aus seinem Bunker, er muss sich der Presse in freien Interviews stellen. Die Demokraten frohlocken, ihre Siegeschancen steigen rasant.

Es war ein politischer Canossa-Gang. Gestern tat US-Präsident George W. Bush, was ihm am meisten verhasst ist: Er stand einem echten Journalisten Rede und Antwort. Und zwar nicht einem der üblichen Zuckerwatte-Schleuderer wie bisher in seinen seltenen Vier-Augen-Interviews, sondern einem knallharten Polit-Profi - Tim Russert vom NBC-Sonntagsfrühschoppen "Meet the Press".

So verzwickt ist die Lage, dass der Präsident nun von seinen Strategen zum Alleräußersten genötigt wird: Er muss raus aus seinem Propaganda-Bunker, aufs dünne Eis der freien Rede. Da saß er also, steif auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch im Oval Office, und versuchte, den Geheimdienstskandal um den verschwundenen Irak-Kriegsgrund seinerseits verschwinden zu lassen, indem er nachträglich einen neuen Kriegsgrund offerierte: "Hussein war gefährlich, und ich werde ihn nicht an der Macht lassen und einem Irren vertrauen."

Nach dieser Doktrin dürfte sich als nächster wohl der nordkoreanische Diktator Kim Jong-il auf einen Besuch amerikanischer GIs freuen. "Das amerikanische Volk wird ausreichend Zeit haben, zu entscheiden, ob ich gute Beschlüsse traf", sagte Bush ohne Anzeichen von Zweifel.

All das war natürlich ein sorgsam inszeniertes Wahlkampf-Manöver - mit dem Ziel, ein missliebiges Thema für sich selbst "positiv zu besetzen" und dem Gegner Energie zu nehmen. In die gleiche Richtung zielt die überparteiliche Untersuchungskommission, die Bush vorige Woche in der Sache bestallte.

Klingt klasse, hat auch lobenswerte Mitglieder (darunter den parteiübergreifend respektierten Republikaner John McCain) - und dient ansonsten eben wieder nur einem Zweck: die Wahlkampfbombe Kriegsgrund zu entschärfen. Denn die Kommission soll ihren Bericht erst im Mai 2005 vorlegen - lange nach der Wahl.

Doch die Demokraten lassen nicht locker. Schon Minuten nach Bushs Sonntagsauftritt bevölkerten auch sie die Bildschirme und sorgten mit neuen Frontal-Attacken dafür, dass der Irak-Krieg das Wahlkampfthema Nummer eins bleibt und die Regierung ihre Glaubwürdigkeitsprobleme nicht wegreden kann. Der Präsident steckt in der Defensive, die Rivalen frohlocken in der Offensive: "Yeah, wir gehen nach Washington", jubeln die Fans.

Auch das andere explosive Wahlkampfthema, die Wirtschaft, konnte Bush nicht ganz so einfach entschärfen. Die konjunkturellen Statistiken bleiben zwiespältig, vor allem auf dem Arbeitsmarkt, und beide Seiten interpretieren sie weiter nach eigenem Gutdünken.

Bush beharrt darauf, in seinem typischen Triumphator-Ton, es seien bessere Zeiten angebrochen. Doch der müde Stellenzuwachs im Januar spricht eine andere Sprache. Die Demokraten schwelgen bereits in "gloom and doom", aber auch diese düstere Weltsicht, die auf alte Klassenkampf-Stereotypen zurückzugreifen scheint, ist so nicht ganz korrekt: Immerhin lässt sich der Aufschwung an der Börse und in der Industrie längst nicht mehr verleugnen.

Wen wundert's: Zwischentöne eignen sich eben nicht für einen Wahlkampf, und jeder versucht, die Lage platt zu seinen Gunsten auszuschlagen. Bushs Kritiker bleiben ungerührt, Bushs Freunde ebenso. Dem Wechselwähler selbst hilft das wenig - im Gegenteil: Die traditionelle Fifty-Fifty-Spaltung des Landes verhärtet sich weiter, und keiner gewinnt, weder Bushies noch Demokraten.

Die schweben nach den jüngsten Vorwahlen im siebten Himmel. Scheinen sie doch endlich ein potenzielles Präsidentenduo gefunden haben, John Kerry und John Edwards. Mit der filmreifen Aufholjagd der beiden Senatoren und dem telegenen Platzen der Polit-Bubble Howard Dean hat der Vorwahlkampf - sonst traditionell eine berüchtigt-dröge Veranstaltung - für die Amerikaner plötzlich den Reiz eines Super-Bowl-Endspiels mit Buseneinlage gewonnen.

Das freut nicht nur die Wähler. Den meisten waren die demokratischen Aspiranten vor wenigen Wochen noch gänzlich unbekannt. Heute sind Kerry, Edwards, Dean und Wesley Clark in aller Munde. Bessere Polit-PR können sich die Demokraten nicht wünschen. Erstmals schlagen sie in einigen Meinungsumfragen sogar Bush, wenn auch nur knapp.

Doch daran kann sich noch viel ändern. Schließlich lag vor vier Jahren zu dieser Zeit im Vorwahlkampf der Republikaner John McCain vorn und Bush abgeschlagen dahinter. Und der richtige Wahlkampf beginnt ja erst in fünf Monaten, am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag.

Alles in allem war es eine düstere Woche für Bush und eine sonnige für die Demokraten, die ihre Waffen durchladen durften. Bushs Vorsprung schmilzt weiter: Der Bush-Messer, der Wahl-Indikator der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion, pendelt sich bei nur noch 55 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine zweite Amtszeit von Präsident Bush ein.