Bush und Gore Das TV-Duell

Rund fünf Wochen vor den Wahlen in den USA liegen die Präsidentschaftskandidaten Bush und Gore Kopf an Kopf. Der Verlauf der ersten TV-Debatte könnte über Sieg und Niederlage entscheiden - daher büffeln beide Politiker derzeit fieberhaft für ihren Auftritt.


Bereiten sich akribisch auf das TV-Duell vor: George W. Bush (l.) und Al Gore
AP

Bereiten sich akribisch auf das TV-Duell vor: George W. Bush (l.) und Al Gore

Washington - Paul ist Bush und Judd ist Gore. Mit politischen Helfern in der Rolle ihres Kontrahenten pauken die beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten für ihre erste große TV-Debatte an diesem Dienstagabend (Ortszeit) in Boston.

Der Republikaner George W. Bush und der Demokrat Al Gore liegen rund fünf Wochen vor der Wahl in fast allen Meinungsumfragen gleichauf. Das verspricht eine Debatten-Dramatik, wie es sie in US-Wahlkämpfen bisher selten gegeben hat. Viele politische Experten meinen, dass der Verlauf der Fernseh-Zweikämpfe über Sieg oder Niederlage der Kandidaten entscheiden wird.

So haben sich Gore und Bush schon seit Wochen auf das Rededuell vorbereitet. Aber in den letzten Tagen ging es richtig zur Sache. Bush zog sich am Wochenende auf seine Ranch in Texas zurück. Dort unterzog er sich einem sogenannten "Pepper Drill" - einem Hagelsturm von gepfefferten Fragen, auf die der Gouverneur zu antworten hatte. In die Rolle von Gegner Gore schlüpfte Senator Judd Gregg aus New Hampshire.

Auch bei der Bühnenszene wurde kein Detail vergessen: So stand Bush hinter einem Rednerpult in exakt der Höhe, wie es in Boston auf ihn wartet. Dazu gab es gleißendes Scheinwerferlicht und surrende Kameras - nichts Überraschendes soll Bush aus der Bahn werfen.

Gore zog es derweil zu den Haien. Im größten Hai-Forschungszentrum der Welt in Sarasota (Florida) bereitete sich der Vize auf den möglichen Schicksalstag vor. Aber als schlechtes Vorzeichen für einen bissigen Schlagabtausch wollte er die Ortswahl nicht verstanden wissen. Auch der debattenerfahrene Vizepräsident will nichts dem Zufall überlassen.

Gore wählte nach eigenen Angaben das Forschungszentrum wegen dessen beschaulicher Lage und Ruhe zum Üben. In die Rolle von Bush schlüpfte bei den Proben der frühere Berater im Weißen Haus, Paul Begala. Dazu lud Gore 13 Bürger ein, die er auf seinen Wahlkampfreisen getroffen hatte, darunter eine Stahlarbeiterin und einen Feuerwehrmann. Von ihnen wollte Gore lernen, worauf die Amerikaner bei den TV-Debatten besonders achten. Ein besonderer Vorteil für Gore ist nach Meinung von Experten seine enorme Sachkenntnis, sein Handicap der Hang zum Referieren und Mangel an Spontaneität.

Als Bushs Stärke gilt kumpelhaftes Auftreten gepaart mit Humor, dagegen mangele es ihm aber an politischem Fachwissen. Mitarbeiter sorgen sich auch wegen sprachlicher Nachlässigkeiten des Gouverneurs, Versprechern und Unachtsamkeiten beim Formulieren von Positionen. Wie die "Washington Post" feststellte, ist diese von den Medien als "Bushismus" bezeichnete Eigenart nach pannenfreien Monaten wieder aufgetaucht. So warf der Republikaner seinem Kontrahenten Gore kürzlich in einer Rede vor, er plane 200.000 neue Bundesprogramme - gemeint allerdings waren 200! Oder wie vor Monaten, als Bush Milliarden und Billionen verwechselte und, schlimmer noch, Popsänger Michael Jackson mit Basketball-Star Michael Jordan.

Von Gabriele Chwallek, dpa



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