Bushs Tour de Sympathie "Ich könnte es nicht ertragen, wenn mein Land besetzt wäre"

US-Präsident George W. Bush zeigt plötzlich Verständnis für Kriegsgegner und Widerständler: Den französischen Präsidenten Chirac lud er auf seine Farm nach Texas ein, den Irakern ließ er ausrichten, er verstehe ihren Kampf gegen die Besatzung. In Rom mehren sich derweil die Proteste gegen den bevorstehenden Bush-Besuch.


Gibt sich verständnisvoll: US-Präsident George W. Bush
AP

Gibt sich verständnisvoll: US-Präsident George W. Bush

Es ist ein Satz, den man vom mächtigsten Mann der Welt nicht erwartet hätte: In einem Interview mit dem französischen Magazin "Paris Match", sagte Bush: "Ich selbst könnte es nicht ertragen, wenn mein Land besetzt wäre." Deshalb werde man den Irakern auch bald ihre Souveränität zurückgeben. Schließlich seien nicht alle Kämpfer dort Terroristen, einige ertrügen schlicht die Tatsache der Besatzung nicht.

Diese erstaunlich verständnisvollen Aussagen sind Teil einer Charmeoffensive, die der US-Präsident gestartet hat, um die Spannungen des turbulenten letzten Jahres abzubauen. Die Kriegsgegner von einst - ob im Irak oder in Europa - sollen mit der US-Politik versöhnt werden. In den Vordergrund stellt Bush deshalb, dass die Iraker bald möglichst wieder die Macht in ihrem eigenen Land übernehmen sollen.

Zupass kommt Bush dabei, dass er am kommenden Sonntag an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Landung der alliierten Truppen in der Normandie teilnehmen wird. Bush zieht eine deutliche Parallele zwischen dem Krieg der Alliierten gegen Hitler und dem US-geführten Krieg gegen das Saddam-Regime. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten viele Leute nicht daran geglaubt, dass Deutschland und Japan frei und demokratisch werden könnten. Doch die Prinzipien und Wertesysteme, die auf Anwendung von Gesetzen, Demokratie und Gerechtigkeit bauten, hätten sich durchgesetzt. Deshalb gehörten beide Länder heute "zu unseren besten Verbündeten (...)", sagte Bush gegenüber "Paris Match". Es wird erwartet, dass Bush auch bei den Feierlichkeiten am Sonntag eine Ansprache in diesem Sinne halten wird.

Anti-Bush-Proteste in Rom

Er sei deshalb auch niemals über Frankreich verärgert gewesen, erklärt Bush in dem ausführlichen Interview weiter, schließlich seien Meinungsverschiedenheiten unter Freunden ganz normal. "Jacques hat es mir ganz deutlich gesagt. Er glaubte nicht, dass Gewalt notwendig war. Wir haben das als Freunde diskutiert", erinnert sich Bush in dem Interview an die Bedenken des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac. Als Antwort auf die Frage, ob das bedeute, dass auch Chirac bald die Ehre widerfahren werde, auf Bushs private Ranch in Texas eingeladen zu werden, antwortete der US-Präsident: "Wenn er Kühe sehen will, ist er willkommen."

Wenig beeindruckt von diesen Avancen Bushs zeigten sich derweil Kriegsgegner in Rom. Zwei Tage vor Bushs Besuch in der römischen Hauptstadt verhängten Demonstranten heute mehrere Brücken mir regenbogenfarbenen Friedensfahnen. "Bush go home", riefen die Protestierer, die - in Anspielung auf die Misshandlungen irakischer Kriegsgefangener im Irak - einigen Statuen schwarze Hüte überstülpten. Etwa 50 Demonstranten wurden zwischenzeitlich festgesetzt. In dem Interview mit "Paris Match" hatte Bush zu den Folterungen gesagt, die "Ehre" der Vereinigten Staaten sei dadurch in Mitleidenschaft gezogen worden.

Die italienische Regierung hat vor möglichen Zusammenstößen beim Bush-Besuch am Freitag gewarnt. Linksparteien riefen zu einer Massendemonstration gegen Bushs Politik im Irak auf. 10.000 Sicherheitskräfte sollen bei der eintägigen Visite zum 60. Jahrestag der Befreiung Roms von der Nazi-Besatzung für Sicherheit sorgen.



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