Bye-bye Prestige-Projekt Briten erwägen Verzicht auf Atom-U-Boot-Flotte

Großbritannien hat einen der größten Verteidigungsetats der Welt, doch in der Rezession erscheint milliardenteures Militärgerät wie Atom-U-Boote und Flugzeugträger als verzichtbarer Luxus. Das Militär wird bluten, egal wer nächstes Jahr regiert. Spötter sprechen schon von "Kleinbritannien".

REUTERS

Der neue Premierminister Jim Hacker ist gerade drei Tage im Amt und sucht nach einem Projekt, mit dem er in die Geschichte eingehen kann. "Ich werde Trident abschaffen", verkündet er stolz seinem Kabinettschef Sir Humphrey. Der Beamte wird blass und versucht seinem Boss die revolutionäre Idee auszureden. Trident sei der Rolls Royce unter den Atomraketen , "die Rakete, die Harrods verkaufen würde", argumentiert er. Großbritannien verdiene nur das Beste. Wie immer setzt sich der listige Sir Humphrey am Ende gegen den Premierminister durch - Trident bleibt unangetastet.

Die Szene stammt aus der englischen TV-Polit-Satire "Yes, Prime Minister", anno 1986. Über 20 Jahre später wird auf der Insel nun tatsächlich über das Aus für Trident debattiert. Kurz vor dem Labour-Parteitag Ende September wird die Forderung immer lauter, auf die anstehende Erneuerung der alternden Atom-U-Boote zu verzichten. Das Geld könne anderswo besser angelegt werden, argumentieren führende Labour-Politiker wie der frühere Innenminister Charles Clarke.

Bereits Anfang des Jahres hatten mehrere britische Generäle die Atom-U-Boote als "komplett unbrauchbar" für die moderne Kriegsführung bezeichnet. In der Rezession erscheint das 70-Milliarden-Pfund-Programm obendrein als unbezahlbarer Luxus. Selbst konservative Stimmen wie der Militärhistoriker und Zeitungskolumnist Max Hastings fordern daher: "Dump Trident" - Schmeißt Trident weg.

Die britische Nuklearmacht besteht aus vier U-Booten der Vanguard-Klasse. Jedes hat 16 Trident-Raketen an Bord, die jeweils mit bis zu drei Atomsprengköpfen versehen sind. Stationiert sind sie im schottischen Faslane am Firth of Clyde. Eins der vier Boote ist immer einsatzbereit auf See, so ist die Rund-um-die-Uhr-Abschreckung gesichert.

Großprojekte auf dem Prüfstand

Die aktuelle Flotte soll 2024 ausrangiert werden. Das Unterhaus hatte im März 2007 nach einer hitzigen sechsstündigen Debatte den Kauf neuer U-Boote beschlossen. Es war das letzte Prestige-Projekt des scheidenden Premierministers Tony Blair. Er nannte die nukleare Abschreckung damals "wesentlich" für die Sicherheit Großbritanniens. Blair konnte das Programm jedoch nur mit Unterstützung der Konservativen durch das Parlament bringen. 88 Labour-Abgeordnete stimmten dagegen - die größte Rebellion gegen Blair seit dem Irak-Krieg.

Inzwischen dürfte die Ablehnungsfront noch viel breiter sein. Die Stimmung im Land hat sich deutlich geändert, das Haushaltsloch (175 Milliarden Pfund allein in diesem Jahr) beherrscht die Debatten. In Umfragen spricht sich eine Mehrheit der Briten dafür aus, Trident abzuschaffen statt es zu erneuern. "Wir haben nicht genug Geld, um es für überholte Eitelkeitsprojekte zu verschwenden", schimpft der Vorsitzende der oppositionellen Liberaldemokraten, Nick Clegg.

Die dramatische Haushaltslage führt dazu, dass auch andere militärische Großprojekte auf den Prüfstand kommen. Der konservative Schattenfinanzminister George Osborne dachte diese Woche laut über mögliche Kürzungen nach und erwähnte die beiden geplanten neuen Flugzeugträger für die Marine (Kosten je vier Milliarden Pfund), zwei Dutzend Airbus-Transportflugzeuge und die dritte Tranche des Eurofighter.

Noch immer hat Großbritannien eins der höchsten Verteidigungsbudgets der Welt. Der Etat beläuft sich auf 36 Milliarden Pfund im Jahr - das entspricht 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Wert liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Das frühere Empire orientiert sich militärisch weiterhin an der Supermacht USA, deren erster Waffenbruder es sein will. Atom-U-Boote und Flugzeugträger, die Attribute einer Großmacht, waren daher bisher eine Frage des Nationalstolzes.

Ausrüstung für Afghanistan und Irak fehlt

Doch hat die Doppelbelastung durch die Kriege im Irak und Afghanistan den Briten ihre Grenzen aufgezeigt - und neue Bedürfnisse offengelegt. In Afghanistan fehlen Hubschrauber und Bodentruppen, keine U-Boote oder Atomraketen. Die Rezession dürfte nun den letzten Rest an Großmacht-Ambitionen begraben. Politische Beobachter gehen davon aus, dass der Verteidigungshaushalt nächstes Jahr um zehn Prozent schrumpfen wird - egal, ob Labour oder die Tories die Unterhauswahl gewinnen. Beide Parteien haben eine Überprüfung der Nationalen Verteidigungsstrategie unmittelbar nach der Wahl angekündigt. Das Land müsse seine Rolle in der Welt neu überdenken, vielleicht als "Kleinbritannien", höhnte das US-Magazin "Newsweek".

Selbst Teile des militärischen Establishments sehen inzwischen ein, dass man in Zeiten knapper Kassen neue Prioritäten setzen muss. Eine hochkarätig besetzte Kommission des Instituts für Politikforschung (IPPR) empfahl im Juni, die Entscheidung über neue Atom-U-Boote erst 2014 zu treffen und die alten noch etwas länger laufen zu lassen. Die Kommission wurde von dem früheren Nato-Generalsekretär George Robertson und dem früheren Bosnien-Beauftragten Paddy Ashdown geleitet.

Lord Guthrie, der frühere britische Generalstabschef, der ebenfalls in der Kommission saß, sagte, auch der geplante Kauf der beiden Flugzeugträger sei "enorm teuer". Und man müsse schon fragen: "Wie gut sind Flugzeugträger bei der Verfolgung somalischer Piraten im Golf von Aden?"

Regierung und Opposition wollen kürzen

Die Rüstungsindustrie auf der Insel ist alarmiert. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz warnten die Chefs der einschlägigen Firmen vergangene Woche vor Arbeitsplatzverlusten. Doch werden sie tiefe Einschnitte nicht verhindern können. Während Premierminister Gordon Brown und Oppositionsführer David Cameron die Budgets für Bildung und Gesundheit für sakrosankt erklärt haben, wurden für das Verteidigungsressort bislang keinerlei Garantien abgegeben.

An Trident hält die Regierung bislang fest, Verteidigungsminister Bob Ainsworth hat jedoch bereits eine Reduzierung von vier auf drei Atom-U-Boote in Aussicht gestellt. Das Gleiche haben die Konservativen angekündigt, sollten sie die Wahl gewinnen. Auf dem Labour-Parteitag werden einige Gruppen versuchen, Brown noch weitere Zugeständnisse abzuringen.

Jarvis Cocker malte sich in dem Labour-nahen Magazin "New Statesman" bereits aus, was mit den ausrangierten U-Booten passieren würde. "Sie könnten an Feiertagen die Themse hochfahren und ein extravagantes Feuerwerk aus ihren Torpedorohren feuern. Aahhh, was für ein schöner Traum. Bitte, Onkel Gordon, kannst du ihn Wirklichkeit werden lassen?"

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ALG III 08.06.2009
1.
Zitat von sysopLabour hat bei der Europawahl eine historische Wahlschlappe erlitten - doch Premierminister Gordon Brown sitzt in seinem Bunker in der Downing Street und verteilt Posten. Wie lange kann sich Gordon Brown noch an der Macht halten?
Brown und Steinmeier sollten sich zusammentun und gemeinsam in Brüssel vor die Presse treten. "Wir haben eine historische Niederlage erlitten und kleben nicht an unseren Pöstchen." Schon könnte jeder sehen, was für sympathische Burschen die beiden im Grunde sind.
praise 08.06.2009
2. Wie wäre es mit Tony Blair?
Zitat von sysopLabour hat bei der Europawahl eine historische Wahlschlappe erlitten - doch Premierminister Gordon Brown sitzt in seinem Bunker in der Downing Street und verteilt Posten. Wie lange kann sich Gordon Brown noch an der Macht halten?
Das ist im Prinzip egal. Nach der nächsten Wahl in GB ist Brown Geschichte. Ich nehme aber an, dass er bis Frühjahr durchhält, weil keine anderer Kandidat bereit steht. Es sei denn, man aktivierte Tony Blair wieder. :-)
kollateralschaden 08.06.2009
3.
Zitat von sysopLabour hat bei der Europawahl eine historische Wahlschlappe erlitten - doch Premierminister Gordon Brown sitzt in seinem Bunker in der Downing Street und verteilt Posten. Wie lange kann sich Gordon Brown noch an der Macht halten?
"Bunker", der war gut, sysop, ... Nach guter alter britischer Tradition muesste man jetzt jedenfalls ins Wettbuero gehen ;-) Ich denke, Brown wird diesen Sommer politisch nicht ueberleben. Hoffentlich. Innerhalb von weniger als einer Woche ist nun Minister/in Nr. 8 dran: "Gordon Brown loses minister Jane Kennedy after elections disaster" http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/eu/5476566/Gordon-Brown-loses-minister-Jane-Kennedy-after-elections-disaster.html Wie geil ist das denn? Schoen auch diese Erkenntnis von Mrs Kennedy: "Mrs Kennedy said that Mr Brown's style of politics had alienated many voters. "The public have turned away from us and are not prepared to listen to us. "The electorate are rejecting us. This is the point at which we need to turn the corner. We need to listen to the messge that the British people are giving us." Dafuer hat man sicher einen hochbezahlten Politikwissenschafter fragen muessen. Also, der Telegraph und Cameron, die werden jetzt aus allen Rohren feuern, die werden nicht mehr locker lassen. Das wird nix mehr mit Nulabour.
McBline 08.06.2009
4. Zu klug
Zitat von praiseDas ist im Prinzip egal. Nach der nächsten Wahl in GB ist Brown Geschichte. Ich nehme aber an, dass er bis Frühjahr durchhält, weil keine anderer Kandidat bereit steht. Es sei denn, man aktivierte Tony Blair wieder. :-)
Nee, Blair ist zu klüg, auf so was lässt er sich nicht ein. :-)
EU-Austretter 08.06.2009
5.
Zitat von kollateralschaden"Bunker", der war gut, sysop, ... Nach guter alter britischer Tradition muesste man jetzt jedenfalls ins Wettbuero gehen ;-) Ich denke, Brown wird diesen Sommer politisch nicht ueberleben. Hoffentlich. Innerhalb von weniger als einer Woche ist nun Minister/in Nr. 8 dran: "Gordon Brown loses minister Jane Kennedy after elections disaster" http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/eu/5476566/Gordon-Brown-loses-minister-Jane-Kennedy-after-elections-disaster.html Wie geil ist das denn? Schoen auch diese Erkenntnis von Mrs Kennedy: "Mrs Kennedy said that Mr Brown's style of politics had alienated many voters. "The public have turned away from us and are not prepared to listen to us. "The electorate are rejecting us. This is the point at which we need to turn the corner. We need to listen to the messge that the British people are giving us." Dafuer hat man sicher einen hochbezahlten Politikwissenschafter fragen muessen. Also, der Telegraph und Cameron, die werden jetzt aus allen Rohren feuern, die werden nicht mehr locker lassen. Das wird nix mehr mit Nulabour.
Gordon Brown to resign as Prime Minister before 01/07/2009 2.50 Gordon Brown NOT to resign as Prime Minister before 01/07/2009 1.50 Also fast 40%, dass er vor Anfang Juli geht - nicht schlecht http://www.gambling911.com/politics/gordon-brown-out-office-election-say-punters-060609.html
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