Flüchtlingscamp in Calais Neue Zelte für den "Dschungel"

Tausende Flüchtlinge harren vor dem Eurotunnel in Calais aus, sie hoffen auf einen Weg nach Großbritannien. Die Notlage rief Frankreichs Premier und zwei EU-Kommissare auf den Plan, nun sollen für fünf Millionen Euro neue Zelte gebaut werden. Ändern dürfte das wenig.

AP

Aus Calais berichtet


Die Journalisten stehen auf einer Eisenbahnbrücke vor dem Eurotunnel bei Calais. Hinter einer Absperrung bilden Polizisten und Soldaten ein Carré, man wartet auf Frankreichs Premierminister Manuel Valls. Doch der Himmel verfinstert sich zusehends, es donnert, ein Wolkenbruch entlädt sich. Valls sagt seine Rede kurzerhand ab, er will nicht nass werden.

Wenige Kilometer entfernt können sich Tausende Menschen nicht aussuchen, ob sie nass werden oder lieber trocken bleiben. Der Platzregen hat das Flüchtlingslager bei Calais in einen Sumpf verwandelt. Rund 3000 Flüchtlinge leben derzeit in dem wilden Camp unter teils katastrophalen Bedingungen. Der Ort wird "Dschungel" genannt, weil es keine Infrastruktur gibt.

Ein Aufnahmezentrum lindert die schlimmste Not: Es hat nur einige Stunden am Tag geöffnet, verteilt rund 2400 warme Mahlzeiten pro Tag und bietet 110 Frauen und Kindern ein Dach über dem Kopf. Das Geld kommt von der französischen Regierung. Als "Frankreichs ersten staatlich finanzierten Migranten-Slum" hat der "Guardian" den Centre Jules Ferry bezeichnet.

Valls ist an diesem Montag gekommen, um ein Zeichen zu setzen. Wohl auch deshalb ist er nicht allein, sondern mit gleich drei ranghohen Begleitern gekommen: Er besucht das Tageszentrum gemeinsam mit Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve, aus Brüssel sind EU-Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans und Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos angereist. Das allein zeigt, wie wichtig Europas Politik die Flüchtlingskrise inzwischen nimmt.

Das Quartett hat sogar Geld dabei. Mit 5,2 Millionen Euro will die EU-Kommission bis Anfang 2016 zusätzliche Zeltunterkünfte für rund 1500 Menschen bei Calais errichten lassen. Ein Teil des Geldes soll dafür verwendet werden, Flüchtlinge an andere Orte in Frankreich zu bringen. Außerdem soll der "Dschungel" auch nicht mehr "Dschungel" heißen, wie Jules-Ferry-Direktor Stéphane Duval erklärt. Das Wort wecke falsche Assoziationen. Man werde nunmehr von Heide sprechen.

Möglicherweise ist das der Grund für Timmermans' Verwirrung. "Ich bin nicht sicher, was Sie mit Dschungel meinen", antwortet Timmermans einem Journalisten, der wissen will, warum die Gäste aus Brüssel nur das Tageszentrum, nicht aber das wilde Flüchtlingscamp besucht haben.

"Wir haben einige Frauen aus Äthiopien und Sudan getroffen", sagt Timmermans. "Wir waren..." - "... in einem Gebäude", fällt ihm der Journalist ins Wort. "Das ist nicht der Dschungel. Der Dschungel ist der Ort, wo die Leute hinter ihre Zelte scheißen." Man sei tatsächlich "nicht an diesen Stellen" gewesen, räumt Timmermans ein. "Aber wir haben mit Menschen gesprochen, die mitunter herzzerreißende Geschichten erzählen. Ich denke, das gibt uns ein gutes Bild der Situation."

Die Lage dürfte trotz der geplanten Investitionen dramatisch bleiben. Es wird noch Monate dauern, bis die neuen Zelte stehen. Und selbst sie werden nur rund der Hälfte der Menschen eine Bleibe bieten, die derzeit in dem Lager leben. Zudem deutet derzeit wenig darauf hin, dass die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge demnächst sinken wird. Die Hilfsorganisation Médecins du Monde (Ärzte der Welt) kritisierte den Plan prompt als nicht ausreichend. "Die Notmaßnahmen sind den Bedürfnissen nicht angemessen", sagte der Frankreich-Chef der Organisation, Jean-François Corty, der Nachrichtenagentur AFP. "Das sind Mini-Maßnahmen, und das schockiert uns besonders."

Der Tod kommt mit 20.000 Volt

Das Sehnsuchtsziel der Dschungel-Bewohner richtet sich auf zwei große Löcher im Erdboden. Bis zu sechs Frachtzüge pro Stunde rattern in das Portal des Eurotunnels bei Calais, insgesamt rollen jährlich 1,4 Millionen Lkw mit 260 Millionen Tonnen Fracht durch die 50 Kilometer langen Tunnelröhren. Der "Eurostar" und Shuttle-Züge befördern zusätzlich etwa 20 Millionen Passagiere pro Jahr - jene, die sich die Reise leisten können und die nötigen Papiere haben. Und dann gibt es diejenigen, die weder das Geld noch das Visum für den Trip unter dem Ärmelkanal hindurch nach Großbritannien haben.

Dort hoffen viele, bessere Bedingungen anzutreffen als auf dem Kontinent - und sei es nur, weil sie Englisch besser verstehen als Französisch. Viele verzichten deshalb auf einen Asylantrag in Frankreich, selbst wenn er Aussicht auf Erfolg hätte.

Noch immer riskieren an jedem Tag Hunderte ihr Leben, um sich auf einen der Züge zu schmuggeln. Mehrere Todesfälle hat es seit Jahresanfang bereits gegeben. Manche Flüchtlinge seien bei dem Versuch gestorben, auf anfahrende Güterzüge zu springen, sagt Eurotunnel-Sprecherin Anne-Laure Desclèves. Andere seien Stromschlägen zum Opfer gefallen. "In der Heimat dieser Menschen fahren Züge nur mit Diesel, nicht mit Strom", sagt Desclèves. "Deshalb halten sie es für sicher, auf den Dächern der Züge mitzufahren. Aber unsere Oberleitungen führen 20.000 Volt." Bei einer solchen Spannung müsse man nicht mal direkten Kontakt mit der Leitung haben. Es kann sich auch ein Lichtbogen bilden, der den tödlichen Schlag überträgt.

Stacheldraht, Mikrowellen, CO2-Detektoren

Immerhin: Die Zahl der blinden Passagiere ist zuletzt deutlich gesunken. "Im Juli gab es in manchen Nächten mehr als 2000 Fälle", sagt Desclèves. Jetzt aber seien es "nur" noch rund 200. Das aber liegt nicht etwa daran, dass es weniger Fluchtwillige gibt, sondern an den drastischen Sicherheitsmaßnahmen. So wird inzwischen fast jeder Lkw mit Mikrowellen gescannt und mit Kohlendioxid-Sensoren untersucht, um blinde Passagiere aufzuspüren.

Und dann sind da die Zäune. Nicht nur einer trennt das gigantische Eurotunnel-Areal vom Rest der Welt - es sind mittlerweile drei. Als klar war, dass der erste Zaun nicht genügt, finanzierte die britische Regierung mit rund zehn Millionen Euro einen zweiten Zaun. Jetzt zieht sich eine dritte Barriere, vier Meter hoch mit einer Krone aus Stacheldraht, leuchtend weiß den Gleisen entlang bis zum Horizont.

Zäune wie in Calais oder in Ungarn, so scheint es, bestimmen derzeit das Bild Europas in der Welt. Dabei sei die Reisefreiheit, sagt Migrationskommissar Avramopoulos, eine der größten Errungenschaften der EU. "Und sie hat nichts mit Hindernissen zu tun. Wir sind gegen sie", sagt Avramopoulos. "Andererseits: Wir müssen Europas Grenzen schützen."

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Korrespondent in der Redaktionsvertretung Brüssel.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

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