Erdogan-Kritiker Can Dündar "Wir kämpfen noch"

Vor dem Regime ist er geflohen, seine Familie hat er monatelang nicht gesehen. Jetzt setzt sich der Journalist Can Dündar dafür ein, dass die Türkei wieder demokratisch wird - und er eines Tages zurückkehren kann.

Can Dündar
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Can Dündar

Ein Interview von


Ein Artikel sollte ihn mehrere Jahre ins Gefängnis bringen. Wegen eines Berichts über geheime Waffenlieferungen an syrische Islamisten war der türkische Journalist Can Dündar verurteilt worden. Doch der Regierungskritiker konnte sich ins Ausland absetzen - seit einiger Zeit lebt er in Deutschland.

Von hier aus kämpft der frühere "Cumhuriyet"-Chefredakteur gegen das Regime von Staatschef Recep Tayyip Erdogan. (Lesen Sie hier einen Beitrag Dündars im SPIEGEL.) Dieser führt sein Land seit Monaten per Notstandsgesetz mit harter Hand: Zehntausende Beamte, Hochschullehrer, Richter und Journalisten wurden entlassen oder festgenommen. Jetzt will Erdogan noch mehr Macht: In Kürze soll erst das Parlament, dann das Volk die Verfassung zu seinen Gunsten ändern.

Er habe immer noch Hoffnung, dass es soweit nicht kommt, sagt Can Dündar im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch viel Zeit bleibe nicht mehr. Die Situation in seinem Heimatland gleiche schon jetzt einer Diktatur.

Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Can Dündar:

SPIEGEL ONLINE: Herr Dündar, in der Türkei werden Menschen wie Sie verfolgt. Wollen Sie trotzdem zurück?

Can Dündar: Solange der Ausnahmezustand gilt, gibt es in der Türkei keine Rechtsstaatlichkeit. Erst wenn diese wieder gewährleistet ist, werde ich zurückkehren. Viele, denen es ähnlich wie mir geht, sind bereit, sich zu verteidigen - auch vor Gericht. Im Moment ist die Justiz aber nicht unabhängig, allein der Präsident und die Regierung entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass es bald besser wird? Die Regierung will ein Präsidialsystem einführen. Dann hätte Erdogan so viel Macht wie nie zuvor.

Zur Person
  • dpa/ Bodo Marks
    Can Dündar, 55, ist türkischer Journalist und Buchautor und lebt derzeit im Exil in Deutschland. Er war Chefredakteur der liberalen Zeitung "Cumhuriyet". Im Mai 2016 war er infolge regierungskritischer Berichterstattung zu knapp sechs Jahren Haft verurteilt worden.

Dündar: Die Türkei ist an einem historischen Punkt angelangt. Aus dem demokratischen könnte ein autoritärer Staat werden. Wir haben nicht viel Zeit, um das zu verhindern. Aber klar ist: Etwa die Hälfte der Menschen ist gegen die Pläne der Regierung. Im Parlament leisten die Oppositionsparteien immer noch Widerstand. Wir kämpfen, ich habe immer noch Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Viele Regierungskritiker sitzen im Gefängnis, Medienhäuser wurden dicht gemacht. Ist das Oppositionslager noch stark genug?

Dündar: Das ist leider ein großes Problem. Die freie Presse ist fast tot, Journalisten, die für Pressefreiheit kämpfen, sind in Lebensgefahr, die Polizei geht gegen Demonstranten auf der Straße vor; jeder Kritiker, der seine Stimme erhebt, muss damit rechnen, festgenommen zu werden. Wir müssen darauf hoffen, dass viele derer, die jetzt aus Angst schweigen, im Referendum am Ende gegen das Regime stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn nicht, wird die Türkei dann zur Diktatur?

Dündar: Danach sieht es aus. Die Regierung tut so, als gehe es um ein System wie in den Vereinigten Staaten. Dort gibt es aber eine klare Gewaltenteilung. In der Türkei gibt es dieses Gleichgewicht nicht. Wir haben derzeit keine unabhängige Justiz, kein starkes Parlament und keine freien Medien. Die Regierung wird bald über Richterposten bestimmen. Einem solchen System kann man nicht vertrauen. Das ist eine Art von Diktatur, ja.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Sommer sind Sie aus der Türkei geflohen, seit einiger Zeit leben Sie in Deutschland. Vermissen Sie Ihr Land?

Dündar: Ja, wirklich sehr. Ich vermisse alles, nicht nur das Land: Meine Familie, mein Haus, meine Arbeit, meine Zeitung, meine Kollegen. Ich wünsche mir einfach nur, dass ich bald zurück kann.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile kann Sie auch Ihre Frau nicht mehr besuchen.

Dündar: Sie haben ihr ohne jeden Grund den Pass abgenommen. Seit fünf Monaten haben wir uns nun schon nicht mehr gesehen. Es gehört zur Strategie, dass sie auch die Familien angreifen.

SPIEGEL ONLINE: Der Westen reagiert auf den türkischen Kurs nur zögerlich, weil Ankara in der Flüchtlingskrise eine wichtige Rolle spielt. Haben Sie Verständnis dafür?

Dündar: Nein. Die westlichen Staaten geben ihre liberalen, demokratischen Grundsätze auf, nur um ihre Grenzen zu sichern. Wie soll ich dafür Verständnis haben? Das Europäische Parlament schlägt vor, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei auf Eis zu legen, gleichzeitig will die Kommission über eine Ausweitung der Zollunion verhandeln. Wenn es um Geld geht, gelten plötzlich andere Grundsätze. Das ist enttäuschend.

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SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von Deutschland und der EU?

Dündar: Der Westen soll sich für eine demokratische und nicht für eine autoritäre Türkei einsetzen. Wir brauchen nicht nur die Unterstützung der Regierungen, sondern die Solidarität der gesamten Zivilgesellschaft, von Universitäten, von den Medien, von Parteien. Was in der Türkei passiert, geht alle etwas an. Wenn wir die Türkei verlieren, verliert Europa einen Teil seiner selbst.

SPIEGEL ONLINE: Könnte ein wirtschaftlicher Zusammenbruch Erdogan entscheidend unter Druck setzen? Die türkische Lira verliert bereits an Wert, ausländische Investoren ziehen sich zurück.

Dündar: Das ist schwer zu sagen. Am Ende sind es die Bürger, die unter all dem leiden. Deshalb bin ich auch dagegen, einfach alle Handelsbeziehungen zur Türkei aufzugeben. Eine totale Isolation würde Erdogan nur helfen, sich als stabile Macht zu inszenieren.

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