Care-Pakete für Afghanistan "Gefährlich, willkürlich und teuer"

Die USA fahren in Afghanistan eine zweigleisige Strategie: Bomben für das Bin-Laden-Netzwerk und Brot für die Bevölkerung. Doch der Abwurf der Care-Pakete stößt bei Hilfsorganisationen zunehmend auf Kritik.

Hamburg - Insgesamt 7,5 Millionen Menschen sind Schätzungen zufolge derzeit akut von Hunger und Durst in Afghanistan betroffen. Mehrere hunderttausend Afghanen sind auf der Flucht - aus Angst vor den Raketenangriffen der USA. Schon kurz nach den ersten Bombardements am Sonntagabend ließen US-Frachtflugzeuge 37.500 Essensrationen über dem Land abwerfen. In der zweiten Angriffsnacht folgten dann noch einmal 35.000 Rationen.

Ziel der Maßnahme ist offenbar, der Bevölkerung zu signalisieren: Die Angriffe richten sich gegen die herrschenden Taliban, nicht gegen das Volk. Ebenso wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ergeht sich auch die heimische Opposition in Lobeshymnen auf die Vorgehensweise der Bush-Administration. "Ich glaube nicht, dass das je zuvor gemacht wurde, aber es ist eine exzellente Strategie", sagt der demokratische Abgeordnete Ike Skelton mit Blick auf die kombinierte Bomben-Brot-Maßnahme.

Brot fürs Volk - und Erdnussbutter

Die leuchtend gelben Care-Pakete enthalten je eine Tagesration dessen, was nach Ansicht der Amerikaner notwendig ist zum Überleben: Rote Bohnen, Linsen, Trockenobst, Erdbeer-Marmelade - und Erdnussbutter. Insgesamt 2300 Kalorien.

Hilfsorganisationen sehen den Abwurf der Nahrungsmittel zunehmend kritisch. Der Chef der Organisation Cap Anamur, Rupert Neudeck, moniert, die Hilfe sei nicht gezielt. Durch die Topografie des Landes erreiche sie zudem wohl die Menschen nicht, sagte Neudeck gegenüber der "Thüringer Allgemeinen". Güter, so der langjährige Flüchtlingshelfer, fielen in die Berge und Täler des zerklüfteten Landes. Neudeck, der erst vor kurzem vor Ort war, fordert zudem eine langfristige Hilfe, bei der mit den Menschen vor Ort zusammen überlegt werde, wie man gut und gerecht organisiere.

Mit harscher Ablehnung reagiert auch Brot für die Welt. Lebensmittel-Abwürfe seien das "schlechteste Mittel, um Hungernden zu helfen", betonte eine Sprecherin der Organisation gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Gefährlich, willkürlich und unwahrscheinlich teuer - so ist auch das Fazit der Organisation Oxfam.

Doch auch aus den USA kommen kritische Stimmen zu den "Airdrops". So glaubt Peter Bell, Vorsitzender von Care USA, dass die Abwürfe per Flugzeug wegen der eingestellten internationalen Hilfe zwar an Bedeutung gewönnen. Er befürchtet jedoch, dass die Abwürfe höchstens eine "zeitlich befristete und unperfekte Lösung" darstellen. "Die Pakete können auf Menschen fallen, sie können zur Folge haben, dass hungrige Flüchtlinge über andere trampeln, wenn sie landen, und sie können in die falschen Hände fallen", warnte der Hilfsexperte gegenüber der "Washington Post".

Teil der politischen Strategie

Auch Ärzte ohne Grenzen sehen wenig Sinn in den bisherigen Lebensmittel-Bomben. Diederik van Halsema, Sprecher der Organisation Ärzte ohne Grenzen in Islamabad, hat den Abwurf von Medikamenten und Lebensmitteln als Teil der US-Militäraktion kritisiert. "Humanitäre Hilfe muss neutral geleistet werden und darf nicht mit einem politischen Programm verbunden sein", sagte er am Dienstag im Inforadio Berlin-Brandenburg.

Es müsse bei solchen Aktionen sehr deutlich gemacht werden, wer die Hilfe leiste. Entscheidend sei es weiterhin, jede Form von Hilfe für Menschen in Gefahr neutral zu halten. Ansonsten bestünde die Möglichkeit, dass Hilfeleistungen als Teil einer politischen oder militärischen Aktion missbraucht würden. "Neutralität muss vorausgesetzt werden. Dies ist auch von allen Hilfe leistenden Organisationen in einer gemeinsamen Erklärung festgelegt worden", sagte van Halsema. Zudem kann das Aufsammeln der Pakete nach Einschätzung der Hilfsorganisation für die Flüchtlinge lebensgefährlich sein. In ganz Afghanistan liegen Tausende von Landminen herum.

Andere Hilfsorganisationen bemängeln auch die Zusammensetzung der Care-Pakete. Die Nahrungsmittellieferungen der Amerikaner gehe an den Ernährungsgewohnheiten der afghanischen Bevölkerung vorbei, heißt es. Die Menschen bräuchten vor allem Getreide, nicht Marmelade und Erdnussbutter.

Der Winter droht

Viele der internationalen Hilfsorganisationen haben Afghanistan nach den Terrorangriffen in den USA verlassen. Das karge Land hat seit Jahren keine richtige Ernte erlebt, geregnet hat es seit langem nicht. Doch auch die Misswirtschaft der Taliban hat die Situation des Bürgerkriegs-Landes weiter verschärft. Schätzungen des Welternährungsprogramms der vereinten Nationen zufolge benötigt ein Drittel der gesamten Bevölkerung internationale Hilfe für den Winter.

Für die Flüchtlinge im Land wird die Lage zunehmend bedrohlich. Die Nachbarn Pakistan und Iran haben ihre Grenzen bereits vor den US-Angriffen geschlossen - sie befürchten einen nicht zu kontrollierenden Flüchtlingsstrom. Im Land selber sind die Flüchtlinge auf sich gestellt. In den Lagern, so berichtet Rupert Neudeck, seien Malaria und Tuberkulose weit verbreitet. Die Menschen hausten unter Plastikplanen und könnten den Winter ohne Hilfe kaum überleben. Und der steht unmittelbar bevor.

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