Auftritt im Europaparlament Carola Rackete fordert EU-Regelung für Seenotrettung

Vor sechs Jahren sank ein Flüchtlingsboot vor Lampedusa, 300 Menschen starben. Carola Rackete hat zu diesem Anlass im EU-Parlament gesprochen - und bekam stehende Ovationen.
Carola Rackete bei ihrem Auftritt in Brüssel: "Libyen ist kein sicherer Hafen."

Carola Rackete bei ihrem Auftritt in Brüssel: "Libyen ist kein sicherer Hafen."

Foto: Aris Oikonomou/AFP

Carola Rackete, derzeit Kapitänin außer Dienst , hat im Europaparlament eine EU-weite Regelung für die Seenotrettung von Migranten im Mittelmeer gefordert. Es sei eine Schande für Europa, dass noch immer keine langfristige Lösung gefunden sei, wie Gerettete auf die EU-Länder verteilt werden, sagte Rackete in Brüssel. Anlass war der sechste Jahrestag des Untergangs eines Flüchtlingsboots vor der italienischen Insel Lampedusa, mehr als 300 Menschen waren ertrunken.

Die EU solle ihren humanitären Auftrag ernst nehmen und Verantwortung nicht an Länder wie Libyen abgeben, wo Geflüchtete ein unsicheres Schicksal erwarte, sagte Rackete. "Libyen ist kein sicherer Hafen." Zur Zeit gebe es nur wenige Rettungsschiffe. Jeden Tag kämen Menschen ums Leben.

Racketes Forderungen kommen wenige Tage vor einem Treffen der EU-Innenminister in Luxemburg. Dort will Horst Seehofer (CSU) gemeinsam mit den Innenministern von Frankreich, Italien und Malta andere EU-Länder davon überzeugen, sich einer freiwilligen Übergangsregelung anzuschließen. Gerettete sollen künftig innerhalb von vier Wochen auf die teilnehmenden EU-Länder verteilt werden.

Verfahrensende in ein bis zwei Jahren

Gegen Rackete laufen in Italien Ermittlungen, unter anderem wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Ende Juni steuerte sie ihr Schiff mit etwa 50 Migranten in den Hafen von Lampedusa und widersetzte sich damit der Anordnung des damaligen rechten Innenministers Matteo Salvini. Rackete war daraufhin vorläufig festgenommen worden, kam aber wenige Tage später wieder frei. Ihr Schiff "Sea-Watch 3" darf nicht wieder in See stechen, Rackete rechnet mit einem Ende des Verfahrens in ein bis zwei Jahren.

Im Europaparlament berichtete die 31-Jährige von Einsätzen auf dem Mittelmeer, bei denen ihr Schiff von im Wasser treibenden Leichen umgeben war. Dennoch sei "nichts so schlimm gewesen" wie die Erfahrung mit der Sea-Watch 3: Nach 17 Tagen auf dem überfüllten Schiff "musste ich das Einlaufen in den italienischen Hafen erzwingen", berichtete Rackete, wo sie "wie mit der Pest an Bord" empfangen worden sei.

Die Mehrheit der Mitglieder des Innenausschusses des Parlaments unterstützte Rackete in ihrer Überzeugung, das Richtige getan zu haben, sie bekam Standing Ovations. Bei rechten EU-Abgeordneten stieß ihr Auftritt jedoch auf heftige Ablehnung. Als Kapitänin eines NGO-Schiffs sei sie "Teil eines kriminellen Netzwerks", warf ihr der belgische Abgeordnete Tom Vandendriessche vor. "Deshalb sollten Sie nicht hier sein, sondern in einer Gefängniszelle", fügte der Abgeordnete des rechtsextremen Vlaams Belang hinzu.

mbö/dpa/AP/AFP
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