"Sea-Watch"-Kapitänin Carola Rackete begründet Entscheidung mit hoffnungsloser Lage

Erschöpfung, Angst vor Suiziden an Bord - und eine Entschuldigung: Carola Rackete, Kapitänin des Flüchtlingsrettungsschiffs "Sea-Watch 3", über die Situation an Bord.

Carola Rackete sagt, sie habe bei ihrer Hafeneinfahrt niemanden in Gefahr bringen wollen
Guglielmo Mangiapane/ REUTERS

Carola Rackete sagt, sie habe bei ihrer Hafeneinfahrt niemanden in Gefahr bringen wollen


Nach ihrer unerlaubten Einfahrt in den Hafen von Lampedusa hat die Kapitänin des Rettungsschiffes "Sea-Watch 3", Carola Rackete, ihre Entscheidung verteidigt. Die Situation sei hoffnungslos gewesen und das Ziel der 31-Jährigen sei gewesen, die verzweifelten Migranten an Bord des Schiffes an Land zu bringen, teilten ihre Anwälte der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera" und der Nachrichtenagentur dpa mit.

Sie habe Angst gehabt und befürchtet, die Migranten könnten sich durch einen Sprung ins Wasser umbringen, da sie nicht schwimmen können, zitiert die italienische Zeitung die Anwälte Racketes weiter.

Rackete ließt zudem mitteilen, sie habe das Polizeiboot sicher nicht berühren wollen und nicht die Absicht gehabt, jemand zu gefährden. Sie habe die Situation falsch eingeschätzt, als sie sich dem Dock näherte. Bei der Polizei habe sie sich bereits entschuldigt und bitte erneut um Entschuldigung.

Die Kapitänin hatte in der Nacht entschieden, die "Sea-Watch 3" in den Hafen einlaufen zu lassen. Ein Polizei-Schnellboot versuchte dies vergeblich zu verhindern. "Wir haben uns in den Weg gestellt (...), aber wenn wir dort geblieben wären, hätte (die 'Sea-Watch') das Schnellboot zerstört", sagte ein Polizist. "Eine kriegerische Handlung", nannte Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechtsradikalen Lega das Manöver.

"Carola ist eine starke Frau"

Der Vater der Kapitänin, Ekkehart Rackete, sagte der italienischen Zeitung, seine Tochter habe nie einen Fehler begangen. "Carola ist nicht impulsiv, sie weiß immer, was sie macht, und sie ist eine starke Frau."

Rackete war vergangene Woche zunächst unerlaubt in die italienischen Hoheitsgewässer und schließlich auch in den Hafen von Lampedusa eingefahren und hatte sich damit über die Anweisungen der Behörden hinweggesetzt. Bei der Ankunft auf der italienischen Insel war Rackete festgenommen worden. Sie steht nun unter Hausarrest.

Ihr drohen mehrere Anklagen, unter anderem wegen Beihilfe zur illegalen Migration. Am Montag wird ihre Vernehmung und eine mögliche Bestätigung des Haftbefehls erwartet.

Das Rettungsschiff "Sea-Watch 3" hatte am 12. Juni vor der Küste Libyens 53 Menschen gerettet. 13 von ihnen waren zwischenzeitlich an Land gebracht worden, die übrigen verließen am Samstagmorgen das Schiff und wurden in das Aufnahmelager auf Lampedusa gebracht.

(Lesen Sie hier den SPIEGEL-Leitartikel zur EU-Migrationspolitik:Das Grauen outgesourct)

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels wurde Kapitänin Rackete wörtlich zitiert; die Zitate stammten aus einem von der Zeitung "Corriere della Sera" veröffentlichten Interview. Der Anwalt Racketes hat nun aber klargestellt, dass die Aussagen der Kapitänin zwar inhaltlich korrekt seien, die Zeitung aber kein Interview mit ihr persönlich geführt habe. Stattdessen habe die Zeitung mit dem Anwalt gesprochen. Wir haben daher die wörtlichen Zitate entfernt und den Artikel entsprechend angepasst.

dpa/sen/fdi

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