In Italien festgenommene Kapitänin "Leere Statements" - Sea-Watch kritisiert Maas

Die italienische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Kapitänin der "Sea-Watch 3", Carola Rackete. Außenminister Heiko Maas drängt auf ihre Freilassung, aber den deutschen Seenotrettern reicht das bei Weitem nicht.
Außenminister Heiko Maas: "Es ist an der italienischen Justiz, die Vorwürfe schnell zu klären"

Außenminister Heiko Maas: "Es ist an der italienischen Justiz, die Vorwürfe schnell zu klären"

Foto: Hayoung Jeon/ EPA-EFE/ REX

Die Seenotrettungsorganisation Sea-Watch hat die Äußerungen von Bundesaußenminister Heiko Maas zur Festnahme ihrer Kapitänin Carola Rackete kritisiert. "Wir brauchen keine leeren Statements", sagte Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer dem SPIEGEL. "Der deutsche Außenminister sollte dafür sorgen, dass an EU-Außengrenzen Menschenrechte durchgesetzt werden - aber das tut er nicht."

Maas hatte am Samstag getwittert, es sei eine humanitäre Verpflichtung, Menschenleben zu retten. Seenotrettung dürfe nicht kriminalisiert werden. "Es ist an der italienischen Justiz, die Vorwürfe schnell zu klären."

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die italienische Polizei hatte Kapitänin Rackete am Samstag festgenommen, nachdem sie mit ihrem Schiff "Sea-Watch 3" in den Hafen von Lampedusa eingelaufen war - trotz ausdrücklichen Verbots der Regierung in Rom. An Bord waren 40 Migranten, die die Crew vor Libyen aus dem Wasser gerettet hatte. Sie sind seit dem Wochenende nicht mehr an Bord.

Kapitänin Carola Rackete bei ihrer Festnahme

Kapitänin Carola Rackete bei ihrer Festnahme

Foto: Selene Magnolia/ dpa

Rackete werden Beihilfe zur illegalen Einwanderung, Verletzung des Seerechts und Widerstand gegen die Staatsgewalt vorgeworfen, weil sich die 31-Jährige Anweisungen von Militärschiffen widersetzt haben soll. Am Montagnachmittag soll sie von einem italienischen Ermittlungsrichter vernommen werden.

Juristischer Ärger droht Rackete unter anderem, weil sie beim Einlaufen in den Hafen ein Polizeiboot berührte. Die Kapitänin hatte in der Nacht zu Samstag entschieden, die "Sea-Watch 3" in den Hafen einlaufen zu lassen. Ein Polizei-Schnellboot versuchte dies vergeblich zu verhindern. "Wir haben uns in den Weg gestellt (...), aber wenn wir dort geblieben wären, hätte (die 'Sea-Watch') das Schnellboot zerstört", sagte ein Polizist. Bei der Berührung wurde niemand verletzt.

Beide Seiten hätten sich verschätzt, sagt Neugebauer dem SPIEGEL. Rackete habe das schwere Sea-Watch-Schiff zudem betont langsam gesteuert. "Die Italiener hatten genug Zeit, um wegzufahren." Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechtsradikalen Lega nannte das Manöver hingegen "eine kriegerische Handlung."

Rackete selbst ließ ebenfalls über ihre Anwälte mitteilen, dass sie sich verschätzt habe. Sie habe das Polizeiboot sicher nicht berühren wollen und nicht die Absicht gehabt, jemand zu gefährden. Bei der Polizei habe sie sich bereits entschuldigt und bitte erneut um Entschuldigung.

Carola Rackete

Carola Rackete

Foto: Till M. Egen / Sea-Watch.org / dpa

Kurz nach Racketes Festnahme hatten sich zahlreiche Politiker und Prominente mit Rackete solidarisiert.

Unter anderem Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf riefen zu Spenden für Sea-Watch auf. Bis Montagmorgen sammelten sie so mehr als 730.000 Euro. Eine in Italien gestartete Sammelaktion erbrachte zudem bislang Spenden in Höhe von mehr als 410.000 Euro.

"Die Welle der Solidarität ist großartig", sagt Neugebauer. "Allerdings brauchen wir das Geld auch. Es kann sein, dass wir ein neues Schiff kaufen müssen, wenn unseres festgesetzt wird. Allein um ein vergleichbares Schiff zu kaufen und auszurüsten, werden wir wohl eine Million Euro brauchen." Die Kosten der privaten Seenotretter hätten sich durch die Abschottungspolitik Maltas und Italiens stetig gesteigert.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

slü/dpa/AFP