Cartoon-Streit Flächenbrand in der islamischen Welt

Führt der Cartoon-Streit zu einer tiefen politischen Krise zwischen dem Westen und muslimischen Ländern? Auch in Beirut steht die dänische Botschaft in Flammen. Die US-Regierung wirft Syrien indes vor, die Angriffe auf europäische Botschaften zugelassen zu haben.


Hamburg - Trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen ist es libanesischen Demonstranten gelungen, die dänische Botschaft in Beirut in Brand zu setzen. Gestern hatten skandinavische Botschaften in Damaskus gebrannt. Westliche Politiker äußerten sich besorgt über die gewalttätigen Proteste in mehreren islamischen Ländern. Die USA warfen der syrischen Regierung vor, die Ausschreitungen zumindest geduldet zu haben.

Ohne "Wissen und Unterstützung" der Regierung seien solche Protestaktionen in Syrien gar nicht möglich, erklärte das Weiße Haus. Es sei nicht zu entschuldigen, dass Syrien die Botschaften nicht geschützt habe, obwohl es Warnungen gegeben habe. Die USA erklärten sich angesichts dieser "skandalösen Vorgänge" solidarisch mit Dänemark und ihren europäischen Verbündeten, hieß es.

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Anti-Karikaturen-Protest: Die islamische Welt in Aufruhr
Hunderte Demonstranten hatten gestern die dänische und die norwegische Botschaft in Damaskus gestürmt und in Brand gesetzt. Anschließend versuchten sie, auch die französische Botschaft anzugreifen. Auch die Botschaften von Schweden und Chile, die sich mit der dänischen Landesvertretung ein Gebäude teilen, wurden in Mitleidenschaft gezogen.

In der Stadt Gaza hatten mehrere Hundert Palästinenser die deutsche Vertretung und das EU-Büro angegriffen. Die Botschaften waren zum Zeitpunkt des Angriffs ebenso wie das EU-Büro und die deutsche Vertretung in Gaza nicht besetzt. Die Demonstrationen richten sich gegen die Veröffentlichung von Karikaturen des islamischen Propheten Mohammed in europäischen Zeitungen.

Dänemark warnt seine Staatsbürger

Dänemarks Außenminister Per Stig Møller verurteilte den Angriff syrischer Demonstranten auf die Botschaft in Damaskus als "völlig inakzeptabel". Die Regierung in Kopenhagen forderte alle in Syrien lebenden Dänen zum sofortigen Verlassen des Landes auf. Norwegen will seine Diplomaten aus Syrien abziehen. Außenminister Jonas Gahr Stoere sagte, ein Angriff auf eine Botschaft sei eine "extrem ernste Angelegenheit".

"Soweit ich weiß, ist dies ist das erste Mal überhaupt, dass eine norwegische Botschaft angegriffen wurde", sagte Stoere. Dänemarks Botschafter, Ole Egberg Mikkelsen, erklärte, er habe die Behörden mehrmals um Schutz gebeten. Dennoch konnten Demonstranten die Vertretung stürmen, Fensterscheiben zerschlagen und Feuer legen. Es wurde niemand verletzt.

Das Auswärtige Amt verurteilte den Vorfall in Gaza und verlangte effektiven Schutz der deutschen Einrichtungen. Auch die EU-Kommission forderte die Palästinenserbehörde auf, für einen angemessenen Schutz europäischer Einrichtungen zu sorgen. Auch die österreichische Ratspräsidentschaft der Europäischen Union (EU) verurteilte die Übergriffe. "Solche Taten können durch nichts legitimiert werden", erklärte Außenministerin Ursula Plassnik.

Arabische Staaten starten Image-Kampagne

UN-Generalsekretär Kofi Annan versuchte, die Wogen zu glätten. Zwar respektiere er die Pressefreiheit, doch er teile auch den Unmut der Muslime, sagte Annan. Die Krise müsse sofort überwunden, die ohnehin schwierige Lage dürfe nicht weiter angeheizt werden. Er rief die Muslime auf, die Entschuldigung der dänischen Zeitung, in der die Zeichnungen vor vier Monaten zuerst erschienen waren, zu akzeptieren.

Die arabischen Staaten wollen sich wegen des Streits an die Vereinten Nationen wenden. Diese sollten einen Beschluss fassen, der "beleidigende Angriffe gegen religiöse Überzeugungen" verbiete. Die Informationsminister der arabischen Staaten einigten sich in Kairo zudem, eine Medienkampagne zu starten, "um das schlechte Image des Islam gerade zu rücken".

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ordnete eine Überprüfung der Handelsbeziehungen mit allen in den Streit verwickelten Ländern an, berichtete die Agentur Mehr. Zunächst solle mit Dänemark begonnen werden. In Teheran zogen am Abend Demonstranten vor die deutsche Botschaft, um gegen die Mohammed-Karikaturen und gegen die Überweisung des Atomstreits mit Iran an den UN- Sicherheitsrat zu protestieren, wie die Nachrichtenagentur Fars berichtete.

jaf/ap/dpa/afp/rtr



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