CBS-Panne Frontalangriff auf Bush mit gefälschten Akten

Der Streit um die Vergangenheit des US-Präsidenten in der US-Nationalgarde geht weiter. Vor einer Woche berichtete der CBS über Bushs Verfehlungen und präsentierte dafür angeblich historische Akten. Inzwischen gab der Sender zu, dass es sich um plumpe Fälschungen handelte. Der Inhalt der Dokumente sei jedoch zutreffend.

Hamburg - Eine Woche lang stand CBS-Anchorman Dan Rather trotz Kritik klar hinter seinem Bericht. Gestern Abend 20 Uhr (Ortszeit) stellte er im wöchentlichen, investigativem Reportagemagazin "60 Minutes" klar: Es gebe Zweifel an der Authenzität der dem Sender vorliegenden Akten - ihr Inhalt sei dennoch korrekt. Damit seien die Vorwürfe gegen Bush auch weiterhin gerechtfertigt.

Rather hatte in dem Beitrag aus der vergangenen Woche die Vorwürfe erhoben, der Präsident habe als junger Leutnant einen direkten Befehl missachtet und sei nicht zu einer vorgeschriebenen medizinischen Pflichtuntersuchung erschienen. Zudem soll er mehrfach unentschuldigt vom Dienst ferngeblieben sein.

Bushs damaliger Vorgesetzter, der mittlerweile verstorbene Oberstleutnant Jerry Killian, hielt in einer Notiz fest, dass es Meinungsverschiedenheiten unter Bushs Vorgesetzten gegeben habe, weil es unmöglich gewesen sei, seine Fähigkeiten einzuschätzen. In den von Rather vorgelegten Dokumenten beklagt sich Killian auch darüber, dass er Bushs Leistungen "auf Druck von oben" schönfärben musste.

Unmittelbar nach der Ausstrahlung waren die ersten Zweifel an der Echtheit der Unterlagen in diversen Weblogs aufgetaucht. Sie entlarvten schließlich den Dokumenten-Schwindel: Die Schriftstücke waren nicht auf einer für das Militär zur damaligen Zeit üblichen Schreibmaschine getippt worden, sondern auf einem Computer mit dem Textprogramm "MS Word" entstanden.

Um zu beweisen, dass es an den Vorwürfen selbst jedoch keine Zweifel gebe, präsentierte Rather gestern eine neue Zeugin: "Ich bin mir sicher, dass ich die Memos nicht getippt habe, aber was in ihnen steht, ist richtig", erklärte Marian Kox, einst Killians Sekretärin. Die Echtheit der Dokumente sei auch gar nicht mehr entscheidend, so Rather. Es gehe stattdessen darum, dass Killians Einschätzung über Bush stimmen, sagte der 72-Jährige. Die Vorwürfe gegen den Präsidenten seien von den Kritikern nie in Frage gestellt worden. Alle Angriffe gegen CBS hätten der Authenzität der Dokumente gegolten.

Welche Konsequenzen der vermeintliche Coup für Rather und seinen Sender haben kann, wird sich zeigen. Bislang galt Rather seit fast einem Vierteljahrhundert als Garant für Sachlichkeit, Verlässlichkeit und Vertrauen. Fast jeder Amerikaner kennt sein Gesicht. CBS-Präsident Andrew Heyward versprach unterdessen in einem Interview, dass die Wahrhaftigkeit der Unterlagen genauestens geprüft werde. "Ich habe großes Vertrauen in unsere Quellen und unsere Berichterstattung, aber offensichtlich gibt es einige unbeantwortete Fragen", sagte er der "Los Angeles Times".

Ungeklärt ist weiterhin, wer dem Sender die Dokumente zugespielt hat. Eine entscheidende Frage. Denn die Diskussion um den CBS-Beitrag liefert Wahlkampf-Material sowohl für die Demokraten als auch die Republikaner. Für die Partei von George W. Bush hat der Sender seine Glaubwürdigkeit verspielt. Schon lange halten die Konservativen Rather für zu links und drängen auf seine Ablösung. Die Demokraten halten dagegen und vermuten einen strategischen Zug der Republikaner: Denn mit der Kritik an CBS, würden Bush-freundliche Medien gestärkt. Einige Kongress-Abgeordnete fordern nun eine unabhängige Untersuchung.

Oliver Bilger

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