Frankreichs Kulturexport nach China Macrons Museums-Diplomatie

Bei seinem Staatsbesuch in China übergibt Emmanuel Macron ein Gastgeschenk: das erste Centre Pompidou für zeitgenössische Kunst außerhalb Europas. Es ist auch ein Spagat zwischen Kunstfreiheit und staatlicher Zensur.

Setzt auf Außenpolitik mit anderen Mitteln: Emmanuel Macron
Hector Retamal/ REUTERS

Setzt auf Außenpolitik mit anderen Mitteln: Emmanuel Macron

Aus Shanghai berichtet Britta Sandberg


Französinnen in bunten Blumenprintkleidern laufen durch das Atrium, Männer mit klobigen Brillen diskutieren über Rohbetondecken. Im Foyer des neuen Museums stehen der Pariser Galerist Daniel Templon und Stararchitekt Jean Nouvel. Jean-Michel Jarre, der Musiker, ist auch da. Das neue Centre Pompidou in Shanghai wird eingeweiht und deshalb sieht es hier gerade so aus, als hätte ein Airbus die Pariser Society über dem Huangpu River ausgekippt.

Früher standen Lagerhäuser und Industriebauten an diesem Fluss, jetzt soll am Westbund ein "kultureller Korridor" entstehen, so hat es sich der zuständige Bezirksbürgermeister vor Jahren ausgedacht. Shanghai soll zur Kunstmetropole Chinas werden - und es ist auf dem besten Weg.

Mehrere Museen gibt es schon am Westbund: Das private Yuz Museum für zeitgenössische Kunst gehört dazu. Und das Long Museum, dessen Besitzer einer der größten Kunstsammler des Landes ist. Und nun, seit dieser Woche, eben auch das erste Centre Pompidou außerhalb Europas.

Rot als Signalfarbe? Frankreichs Präsident bei der Eröffnung des Centre Pompidou in Shanghai
Hector Retamal/ REUTERS

Rot als Signalfarbe? Frankreichs Präsident bei der Eröffnung des Centre Pompidou in Shanghai

"Ein solcher Tag ist sehr bewegend für einen Präsidenten der Republik", sagte Emmanuel Macron bei der Einweihung , "denn heute wird der Traum von André Malraux wahr - ein imaginäres Museum mit Bildern, die nie für den Ort vorgesehen waren, an dem sie ausgestellt werden." Dies sei eine Weltpremiere, aber nur ein erster Schritt, so Frankreichs Präsident.

Die Vereinbarung zwischen China und Frankreich, ein Centre Pompidou nach Shanghai zu bringen, geht auf Macrons ersten Staatsbesuch in Peking im Januar 2018 zurück. Pläne gab es schon seit Langem.

Und so hatte die staatliche Gesellschaft Westbund den britischen Architekten David Chipperfield mit dem Bau eines Museums in Shanghai beauftragt, bevor die Kooperation offiziell stand.

Hundert Werke für China
AP

Hundert Werke für China

Die Chinesen finanzierten den Bau - drei fast 18 Meter hohe Kuben mit einer Glasfassade und einem großzügigen öffentlichen Atrium. Die Franzosen sind für die künstlerischen Inhalte zuständig: Das Centre Pompidou wählte für die permanente Ausstellung "The Shape of Time" zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts hundert Werke aus seinen Sammlungen aus. Die Ausstellung wird in den kommenden fünf Jahren zu sehen sein. Daneben sollen Wechselausstellungen stattfinden - zur Eröffnung sind es 15 Videoinstallationen internationaler, aber auch chinesischer Künstler.

Freiheit der Kunst versus staatliche Zensur

Alle auszustellenden Werke müssen vorab von den chinesischen Behörden genehmigt werden. Die Franzosen liefern sich damit einer Situation aus, bei der sich zwei unversöhnliche Begriffe gegenüberstehen: Die Freiheit der Kunst und die staatliche Zensur.

Fünf von hundert Werken wurden für die permanente Ausstellung von den Chinesen abgelehnt und mussten durch andere ersetzt werden. Teilweise sei dies aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen geschehen, sagen die Pompidou-Kuratoren, mehr Details werden dazu nicht verraten.

Der Pariser Direktor des Centre Pompidou, Serge Lasvignes, verteidigte den französischen Kulturexport trotzdem: "Es ist besser, wir sind präsent, als überhaupt nicht hier zu sein." Auf fünf Jahre ist die Kooperation vorerst begrenzt, danach können beide Seiten entscheiden, ob sie weitermachen wollen oder nicht. Eine ähnliche Vereinbarung hat das Centre Pompidou bereits mit einer Niederlassung in Malaga. Die Laufzeit des Louvre-Museums in Abu Dhabi hingegen ist langfristiger und auf 30 Jahre angelegt.

Französische Außenpolitik mit Asterix

Kulturexporte sind Teil der französischen Außenpolitik. Sie sollen die bilateralen Beziehungen jenseits von Handelsabkommen und Politik mit Leben füllen. Deshalb wurden am vergangenen Mittwoch in der Großen Halle des Volkes in Peking im Beisein von Chinas Präsident Xi Jinping und Emmanuel Macron gleich mehrere Verträge zum kulturellen Austausch unterzeichnet:

  • Das französische Nationalorchester wird für Tourneen nach China kommen.
  • Das Pariser Picasso-Museum wie auch das Rodin-Museum gingen Partnerschaften ein.
  • Der Austausch von Künstlern beider Länder wurde vereinbart, ebenso eine Zusammenarbeit im Denkmalschutz.
  • Außerdem einigte man sich auf Koproduktionen bei Filmen; selbst der neue Asterix soll in China spielen, auf den Spuren der alten Seidenstraße.

Das Centre Pompidou setzt zudem darauf, durch den Standort Shanghai neue Zugänge zum drittgrößten Kunstmarkt der Welt zu erhalten. Finanzielle Motive, so erklärte Direktor Lasvignes in einem Interview, spielten nur eine untergeordnete Rolle - da verdiene das Museum mit Fremdausstellungen, die es für Auftraggeber konzipiere, sehr viel mehr.

Dies sei ein neuer Abschnitt in der Beziehung zwischen China und Frankreich, sagte Macron gut gelaunt bei der Einweihung. Die Pariser Society applaudierte. Und die geladenen chinesischen Gäste hielten verzückt ihre Handys gen Bühne. Für einige Stunden sah ihr Land so weltoffen und der Avantgarde zugewandt aus, wie sie es sich immer gewünscht hatten.

insgesamt 2 Beiträge
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Remotesensing 08.11.2019
1. Schlauer Grenzgang
meine Hochachtung vor den Franzosen. Ein interessantes Projekt mit mehr Wirkung als das deutsche Genöhle, das an China wirkungslos abtropft.
Kurt2.1 08.11.2019
2. .
Artikel: "Alle auszustellenden Werke müssen vorab von den chinesischen Behörden genehmigt werden." ----- Auch wenn Herr Macron wie ein erfolgreicher Feldherr in der Halle steht, entlarvt obiger Satz die ganze Scheinheiligkeit des Vorhabens. Was bleibt, ist der mögliche Zugang zu möglichen chinesischen Kunden für französische Kunst. Das hätte man billiger und weniger peinlich haben können.
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