Chai Time Schnitzeljagd mit Taliban

Plötzlich wollen alle mit den Taliban verhandeln. Aber wie trifft man eigentlich einen Kommandeur der Radikalislamisten - und wo? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim hat sich auf die Suche gemacht - und eine Odyssee erlebt.

Straßenszene in Islamabad: Treffen in einem schummrigen Restaurant
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Straßenszene in Islamabad: Treffen in einem schummrigen Restaurant


Ein einziges Mal hatte ich ihn selbst am Telefon. "Kommen Sie alleine", hatte der Mann gesagt, mit einer unerwartet freundlichen Stimme. Ob ich nicht wenigstens einen pakistanischen Journalistenkollegen mitbringen dürfe, der den Kontakt hergestellt hatte und für mich von Paschtu in Urdu übersetzen könnte, fragte ich.

Er überlegte, holte tief Luft, dann sagte er: "Na gut. Aber bitte sonst niemanden." Aufgelegt.

Wenige Tage zuvor hatte ich gehört, dass dieser hochrangige Taliban-Kommandeur aus der westpakistanischen Bergregion Waziristan nach Islamabad kommen werde, um hier, in der Hauptstadt, bei einflussreichen Leuten um Unterstützung zu werben.

Ich kenne zwar ein paar Taliban, insbesondere die Sprecher der Radikalislamisten lernt man als Journalist in Pakistan zwangsläufig irgendwann kennen. Sie rufen an und erklären einem ungefragt die Welt, kündigen Anschläge an, verdammen den Westen oder dementieren Behauptungen von Regierungen über Schläge gegen ihre Stellungen - alles in der Hoffnung, dass man ihre Sicht der Dinge verbreitet, vielleicht sogar zum Komplizen wird. Manchmal wollen sie auch einfach nur herausfinden, wie gerade die Stimmung ist. Trotzdem spricht man mit ihnen, warum sollte das journalistische Gebot, alle Seiten zu hören, hier nicht gelten?

Als ich Kontakt zu dem Top-Taliban aufnehmen wollte, war jedoch kein Sprecher so gesprächsbereit wie sonst. Ich fragte also meinen Bekannten Iqbal, Reporter beim pakistanischen Fernsehen mit guten Kontakten zu den Taliban, ob er etwas über den Besuch des Kommandeurs in Islamabad wisse und ein Treffen organisieren könne.

"Warum nicht?", sagte Iqbal. "Ich ruf dich an, sobald ich mehr weiß."

Taliban-Besucher in Islamabad

Zwei Tage später meldete er sich und sagte, der Mann komme tatsächlich in die Stadt. Er sei grundsätzlich bereit, sich mit mir zu treffen, wolle aber den Ort bestimmen und vorher mehr über mich erfahren. Zum Beispiel, worüber ich mit ihm sprechen wolle, was genau ich schreiben wolle und ob ich Muslim sei.

"Sag ihm, dass ich mich einfach mit ihm unterhalten möchte, um mehr über die Pläne der Taliban zu erfahren. Wie stellen sie sich ihre Zukunft vor? Ob ich etwas schreibe, hängt davon ab, ob er etwas Interessantes, etwas Neues zu sagen hat." Ich überlegte, was Iqbal ihm zur Religionsfrage antworten sollte. Vom Namen her bin ich Muslim, allerdings verrät er meine schiitische Herkunft. Die Taliban jedoch sind Sunniten und betrachten Schiiten als Ungläubige. Iqbal schaute mich verlegen an. "Er will selbst mit dir sprechen. Ich soll ihn anrufen und dir das Telefon weiterreichen." Er überlegte. "Sag nichts zu deiner Religion, wenn er nicht fragt. Er wird schon erkennen, was du bist." Ich schwieg - und der Talib fragte bei unserem einzigen Telefongespräch auch nicht nach.

Am Tag des Treffens holte mich Iqbal am Nachmittag mit seinem weißen Kleinwagen ab. Der Taliban-Kommandeur hatte ihm den Treffpunkt genannt: ein schickes Restaurant in der Stadtmitte. Ich ahnte schon, was uns nun bevorstand. "Bist du dir sicher, dass du das richtig verstanden hast?", fragte ich trotzdem. "Wart's ab", antwortete Iqbal knapp.

Wir machten uns auf den Weg zum Restaurant. Iqbal fuhr langsam, wir waren viel zu früh. Sein Mobiltelefon lag auf seinem Schoß. Immer wieder schaute er in den Rückspiegel. Er hielt Ausschau nach Verfolgern.

Handlungsanweisungen per Telefon

Wir parkten. Iqbal machte keine Anstalten, das Auto zu verlassen. "Worauf wartest du? Lass uns gehen und im Restaurant warten." - Iqbal: "Wart's ab."

Sein Telefon klingelte, eine schreckliche Melodie aus einem Bollywood-Film.

"Ja, wir sind da. Mmh. Achaah, Achaah, in Ordnung. Gut. Okay, wir machen uns auf den Weg." Er legte auf und startete den Wagen. Ich hatte richtig vermutet: Uns war ein neuer Treffpunkt genannt worden. "Und? Wohin?" Iqbal schaute mich an. "Eine Moschee, am östlichen Stadtrand."

Leider fiel mir in diesem Moment das Buch "Ein mutiges Herz: Leben und Tod des Journalisten Daniel Pearl" ein, das ich vor ein paar Jahren gelesen hatte. Der Kollege vom "Wall Street Journal" wollte sich auch mit einem Extremisten treffen, war ebenfalls von Ort zu Ort dirigiert und am Ende entführt und enthauptet worden. Das war 2002.

Worauf ließ ich mich gerade leichtsinnigerweise ein? Sollte ich nicht wenigstens meine Frau per SMS über den neuen Treffpunkt informieren? Sie würde vor Sorge krank werden, zumal sie nichts von dem Treffen wusste. Wir haben die Vereinbarung, dass ich ihr von den schlimmen Sachen immer erst im Nachhinein erzähle. Ich verschickte also keine Nachricht. Und Daniel Pearl verdrängte ich aus meinen Gedanken.



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8 Leserkommentare
wildermann 08.02.2010
Hubert Rudnick 08.02.2010
gunman 08.02.2010
Poweuser 08.02.2010
spon-1237908334114 08.02.2010
Zeitgeist2010 08.02.2010
porsche 08.02.2010
durant 08.02.2010
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