Chaos im Irak Bush berät über Strategiewechsel

Die dramatisch schlechte Sicherheitslage zwingt den US-Präsidenten zum Handeln. Mit führenden Generälen berät Bush über einen Wechsel der militärischen Strategie. Täglich sterben rund Hundert Zivilisten bei Anschlägen im Irak - diese Statistik hat die irakische Regierung bislang zurückgehalten.


Washington - US-Präsident George W. Bush will am heutigen Samstag mit führenden Generälen über einen möglichen Strategiewechsel im Irak beraten, um die anhaltende Gewalt in den Griff zu bekommen. Geplant seien Gespräche mit dem Befehlshaber des US-Oberkommandos Mitte, General John Abizaid, und dem Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak, General George Casey, sagte Bush gestern der Nachrichtenagentur AP in einem kurzen Interview. Der Präsident räumte ein, dass die Lage im Irak derzeit angespannt sei.

Der al-Shurja-Markt nach einem Anschlag: Die Gewalt in Bagdad nimmt zu
DPA

Der al-Shurja-Markt nach einem Anschlag: Die Gewalt in Bagdad nimmt zu

Später erklärte Bush: "Wir befinden uns in einem gigantischen Kampf zwischen Extremisten und Radikalen, die die amerikanische Lebensart nicht ausstehen können. Ihnen gefällt der Gedanke nicht, dass Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund in einem Land zusammen leben und arbeiten und Großartiges erreichen können." Der Präsident sprach bei einer Dinnershow der Nationalen Italienisch-Amerikanischen Stiftung in Washington, die er am Abend überraschend besuchte.

Schon im Juli musste das Weiße Haus eingestehen, dass ein Plan zur weitgehenden Befriedung der irakischen Hauptstadt wirkungslos geblieben sei. Als Konsequenz schickte US-Präsident George W. Bush Tausende Soldaten als Verstärkung nach Bagdad.

Zehn-Punkte-Plan für den Frieden

Bushs Sprecher Tony Snow erklärte, der Präsident werde auch in diesem Fall nicht generell seine Irak-Politik ändern. Der Präsident steht allerdings angesichts der steigenden Zahl getöteter US-Soldaten unter Druck: Allein im Monat Oktober starben im Irak 75 Amerikaner. Seit Beginn des Krieges vor drei Jahren kamen damit mehr als 2700 amerikanische Soldaten ums Leben. In den vergangenen drei Wochen - also während des Fastenmonats Ramadan - habe die Gewalt im gesamten Land um mindestens 20 Prozent zugenommen, räumte der Sprecher der multinationalen Streitkräfte, William Caldwell, kürzlich ein.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verlangte von der irakischen Regierung, mehr Verantwortung für die Sicherheit des Landes zu übernehmen. Die Regierung müsse mit der Zeit selbst für die Sicherheit sorgen, und zwar "eher früher als später", sagte Rumsfeld am Freitag. Der größte Fehler wäre es, nicht damit fortzufahren, die Verantwortung für die Regionen des Landes in die Hände der Iraker zu legen.

Die irakische Regierung hat einem Uno-Memo zufolge eine Statistik über die Zahl der Gewaltopfer in der Zivilbevölkerung zurückgehalten. Das Büro von Ministerpräsident Nuri al-Maliki habe dem Gesundheitsministerium untersagt, die Daten zu veröffentlichen, hieß es in dem gestern bekannt gewordenen Schreiben. Der Statistik zufolge würden im Irak jeden Tag 100 Zivilpersonen bei Anschlägen und anderen Gewalttaten getötet. Al-Maliki haben dem Ministerium zwei Mal angewiesen, die Zahlen nicht an die Vereinten Nationen weiterzugeben, schrieb der Irak-Gesandte der Uno, Ashraf Qazi, in dem Memo. Ein Sprecher des Regierungschefs habe gegenüber Uno-Mitarbeitern im Irak erklärt, die Statistik sei übertrieben. Zuvor habe Al-Maliki allerdings während eines Besuchs in London die Zahlen bestätigt.

Unterdessen unterzeichneten in Saudi-Arabien bei einem Treffen in Mekka sunnitische und schiitische Geistliche aus dem Irak einen Friedensappell. Das "Vergießen muslimischen Blutes" sei verboten, heißt es in dem Papier, wie der Fernsehsender al-Arabija gestern Abend berichtete. "Mit Blick auf die Unabhängigkeit des Iraks und seine territoriale Integrität" müssten Sunniten und Schiiten zusammenarbeiten. Gefordert wird unter anderem die Freilassung aller "unschuldig Festgehaltenen" und der Respekt vor den jeweiligen Heiligtümern. In dem "Dokument von Mekka", das insgesamt zehn Punkte enthält, werden Koran-Verse und Aussprüche des Propheten Mohammed zitiert.

Das Treffen in Saudi-Arabien war von der Organisation der Islamischen Konferenz (OCI) arrangiert worden. Der radikale Schiitenführer Moktada Sadr entsandte keinen Vertreter zu der Zusammenkunft.

cpa/AP/afp



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