Chaos im Ostkongo Uno-Blauhelme haben ihre Glaubwürdigkeit verspielt

Es ist der größte und teuerste Einsatz von Blauhelmen bisher. Doch wenn es Ernst wird, sind die Uno-Einheiten im Kongo überfordert. Statt die geschundene Bevölkerung gegen die Truppen des Generals Nkunda zu verteidigen, schützen sich die Uno-Soldaten selbst - und hoffen auf eine diplomatische Lösung.

Von , Nairobi


Nairobi - Georg Doerken, 55, ist ein erfahrener Mann. Seit 1994 ist er immer wieder für kürzere oder längere Zeit im Osten des Kongo. Fast ein Dutzend Mal schon ist der Programmdirektor der Deutschen Welthungerhilfe selbst evakuiert worden, oder er hat andere unter heiklen Umständen aus dem Land gebracht. Auch wenn die Situation entspannt erscheint - seinen Wagen parkt er im Kongo grundsätzlich in Fluchtrichtung.

Uno-Blauhelme im Kongo: Ein Mal mehr ein schlechtes Bild abgegeben
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Uno-Blauhelme im Kongo: Ein Mal mehr ein schlechtes Bild abgegeben

Doch als er am vergangenen Mittwoch den Toyota der Welthungerhilfe von Goma die wenigen Kilometer in Richtung ruandische Grenze jagte, war es knapp. "Noch nie habe ich meinen Wagen so über die Straße geprügelt", sagte er später, "das war Super-Last-Minute." Flüchtlinge auf den Straßen, Panzer der kongolesischen Armee, Soldaten in gestohlenen Privatwagen – alles war in Bewegung. Doch Doerken und seine Begleiter kamen unversehrt an der Grenze an.

Die 500.000-Einwohner-Stadt Goma fürchtete den Einmarsch des Tutsi-Generals Laurent Nkunda, der mit seiner Rebellenbewegung CNDP (Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes) schon in den Außenbezirken stand. Er hatte die reguläre kongolesische Armee nördlich von Goma innerhalb weniger Wochen regelrecht aufgerieben, und auch die Uno-Blauhelme der Monuc wollten ihn nicht aufhalten. Kurz vor den Toren Gomas machte Nkunda jedoch Halt.

"Die Monuc hat ein sehr schlechtes Bild abgegeben", sagt Doerken. Wieder einmal. Wieder einmal waren die Blauhelme nicht in der Lage, die Zivilbevölkerung zu schützen, sie vor Vertreibung, Plünderungen und Vergewaltigungen zu bewahren. Es ist die größte und teuerste Uno-Mission, die es je gegeben hat. Bisher ohne durchgreifenden Erfolg. Prompt warfen enttäuschte Kongolesen Steine gegen Einrichtungen und Fahrzeuge der ausgesandten Friedensstifter.

Nicht einmal ein Jahr ist der Friedensvertrag von Goma alt, den Nkunda im vergangenen Januar mit der Regierung in Kinshasa vereinbart hatte. Nur vier Monate später war das Papier nichts mehr wert und die verabredete Integration der Nkunda-Leute in die reguläre Armee beendet. Auf beiden Seiten hatten Hardliner kein wirkliches Interesse an einem Vollzug des Vertrages.

Uno-General hält Monuc-Einsatz für aussichtslos

Zwar haben die Uno-Einheiten im Unterschied zu Nkunda Hubschrauber und gepanzerte Fahrzeuge, doch aufhalten konnten sie den Rebellenführer einmal mehr nicht. Zum schlechten Eindruck trägt auch der fluchtartige Rücktritt des spanischen Monuc-Generals Vicente Diaz de Villegas bei, der erst Ende September gekommen war und nach nicht einmal vier Wochen wieder seinen Dienst quittierte. "Aus persönlichen Gründen", wie es offiziell hieß. Inoffiziell sickerte durch, dass er die Monuc-Mission nach nur wenigen Tagen Einsicht für aussichtslos hielt. Er vermisse ein klares Ziel, und die kongolesische Regierung in Kinshasa sei komplett inkompetent.

Der Rücktritt kam zur Unzeit. Denn seit Jahren stehen die Blauhelme im Kongo in der Kritik. Nicht zuletzt bei denen, die sie beschützen sollen. Die Monuc-Soldaten konnten bisher den Frieden nicht sichern, mehr als einmal suchten sie Zuflucht in ihren Panzerfahrzeugen anstatt die Bevölkerung zu schützen. Hinzu kommen immer wieder Meldungen über Blauhelme, die sich mit minderjährigen Mädchen einlassen oder auch schwunghaften Handel mit den Rebellen betreiben.

Noch schlechter ist nur das Image der regulären kongolesischen Armee, die in der vergangenen Woche in und um Goma maßgeblich verantwortlich war für Morde, Plünderungen und Vergewaltigungen. Zu den Kernproblemen der Uno-Mission gehört, dass die Erwartung der Bevölkerung und auch teilweise des Auslands vom eigenen Selbstverständnis abweicht. "Wir sind als Peacekeeper hier. Wir sollen den Frieden sichern, nicht klassisch militärisch operieren", sagte unlängst der nepalesische General Lok Babadour Thapa, der weiter im Norden, im Ituri-Distrikt, die Blauhelme dirigiert.

Atempause durch Friedenskonferenz

"Die Monuc ist nicht dafür ausgerüstet und nicht dazu da, eine militärische Lösung zu erzwingen", sagt auch Francois Grignon von der International Crisis Group. "Es braucht eine politische Lösung, die dann durch die Monuc abgesichert werden muss." Als Friedensstifter fällt die Uno jedenfalls aus, ihr Kredit im Kongo ist verbraucht. Der Uno-Sondergesandte für den Kongo, Alan Doss, schaffte es nicht, die großen Spieler im Hintergrund, die Präsidenten des Kongo und von Ruanda an den Verhandlungstisch zu bringen. Er rief in seiner Verzweiflung nach mehr internationalen Truppen.

Der geballte Auftritt des britischen und französischen Außenministers, David Miliband und Bernhard Kouchner, von EU-Außenminister Javier Solana und seinem Kommissionskollegen Louis Michel brachte bisher zwar eine Atempause, mehr aber auch nicht. Michel gab am Freitagabend in Kinshasa bekannt, dass Präsident Joseph Kabila und sein ruandischer Kollege Paul Kagame einem Gipfel in der kenianischen Hauptstadt Nairobi zugestimmt hätten. Noch immer aber weigert sich Kinshasa, sich mit Rebellenchef Nkunda an einen Tisch zu setzen.

Der behauptet nach wie vor gebetsmühlenartig, er wolle die Tutsis im Osten des Kongo schützen. Seine wirklichen Pläne bleiben jedoch verschwommen. Vor vier Wochen dröhnte er, er wolle mit seinen Leuten bis Kinshasa marschieren, nun zögerte er zum wiederholten Male, Goma einzunehmen, und machte stattdessen ein paar Kilometer vor den Toren der Stadt Halt.

Auch sein Ruf ist nachhaltig beschädigt, nachdem seine Rebellen 2003 Bukavu am Südufer des Kivu-Sees überrannt hatten und plündernd und vergewaltigend über die Stadt hergefallen waren. Inzwischen scheint es allerdings, als hätten er an Taktik und seine Leute an Disziplin dazugelernt.

Verteilung von Hilfsgütern außer Kontrolle

Großzügig bot er Ende vergangener Woche einen "humanitären Korridor" an, um Hunderttausende von Flüchtlingen im bergigen Hinterland von Goma versorgen zu lassen. Doch richtig angelaufen ist die Operation bisher nicht. An einigen Sammelstellen geriet die Verteilung der Hilfe wegen Prügeleien völlig außer Kontrolle, an anderen Stellen mussten Transporte umkehren, weil marodierende Truppen die Pisten unsicher machen. In einem der Camps wurde inzwischen ein Cholera-Ausbruch bestätigt.

Der Frieden jedenfalls scheint wieder weit, weit entfernt. Nkunda ist militärisch zu stark, als dass man ihn ignorieren könnte. Die Regierung im ruandischen Kigali behauptet, was viele bezweifeln, sie habe keinen Einfluss auf ihn. "Solange der Ostkongo nicht von Kinshasa aus regiert werden kann, bleibt es schwierig", glaubt auch Monuc-General Thapa. Das aber ist weniger denn je der Fall.

Die internationalen Hilfsorganisationen schwanken derweil zwischen den Versuchen, zu helfen und gleichzeitig die eigene Sicherheit nicht zu vernachlässigen. Alle versuchen sich für den Notfall den Fluchtweg an die ruandische Grenze offen zu halten. Auch die Deutsche Welthungerhilfe wird ihr Personal in den nächsten Tagen auf das nötigste reduzieren. Für alle Fälle hat Georg Doerken für sich und seine Leute am Ufer des Kivu-Sees ein kleines Boot bereitgestellt. In allerletzter Not könnten sich die Helfer damit auf dem Seeweg in Sicherheit bringen.



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