Thatcher-Biograf Charles Moore Wie die Tories zu EU-Gegnern wurden

Die britischen Tories waren einst eine proeuropäische Partei. Erst in der Spätphase der Thatcher-Ära änderten die Konservativen ihren Kurs. Der Biograf der Eisernen Lady erklärt, wie es dazu kam.

Margaret Thatcher 1975
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Margaret Thatcher 1975

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    Charles Moore, Jahrgang 1956, lernte Margaret Thatcher als Reporter des "Daily Telegraph" kennen. Später, in den Neunzigerjahren, machte sie ihn zu ihrem offiziellen Biografen. Die Eiserne Lady gewährte ihm unbeschränkten Zugang zu ihrem Privatarchiv, zu Freunden, Verwandten, früheren Weggefährten - unter einer Bedingung: Moore musste mit der Veröffentlichung der Biografie warten bis nach ihrem Tod. Der zweite Band seiner Biografie erschien vorigen Herbst, der dritte ist in Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Mr Moore, würde Margaret Thatcher für den Brexit stimmen?

Charles Moore: Das weiß ich nicht, und ich möchte auch nicht spekulieren. Thatcher hat ihre Europapolitik im Lauf ihrer Amtszeit sehr verändert. Anfangs war sie voll und ganz für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und hat beim Referendum 1975 entschlossen dafür gekämpft, dass Großbritannien Mitglied bleibt. Als Premierministerin wurde sie aber zunehmend skeptisch, als sie sah, in welche Richtung sich das Projekt entwickelte. In ihren letzten zwei oder drei Amtsjahren ging sie hart gegen die spätere EU vor.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Moore: Sie war gegen eine Fiskal- und Wirtschaftsunion und gegen den Euro. Eine politische Union lehnte sie völlig ab. Sie war davon überzeugt, dass Großbritannien besser daran täte, einen gewissen Abstand zu alldem zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Die Konservativen sind heute eine großteils europaskeptische Partei. War das schon 1975 so, als Thatcher Vorsitzende wurde?

Moore: Damals war nur eine Minderheit gegen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Ein kleiner Teil der Tories bevorzugte die Bindungen zum Commonwealth, zu Australien, Neuseeland, Kanada und anderen. Aber die Führungsriege der Partei war fast ausschließlich für Europa, zum Teil deshalb, weil sie dachte, das sei der einzige Weg aus der Krise. Wir waren damals sehr pessimistisch gegenüber der britischen Wirtschaft, Frankreich und Deutschland ging es in den Sechziger- und Siebzigerjahren wesentlich besser. Für die meisten Konservativen war Europa die Zukunft, Großbritannien sollte dabei sein.

SPIEGEL ONLINE: Wann hat sich die Stimmung gedreht?

Moore: In den späten Achtzigerjahren, als Thatcher merkte, dass die EG dirigistischer wurde. Darüber hinaus beobachtete sie die Veränderung der Machtbalance auf dem Kontinent mit Argwohn und dachte, das europäische Projekt sei ein Deckmantel für eine neue deutsche Dominanz. Sie war gegen die Wiedervereinigung. Ich denke, sie hat die deutschen Motive falsch eingeschätzt.

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Britischer Widerstand gegen Europa: No, no, no!

SPIEGEL ONLINE: Großbritannien war die treibende Kraft hinter dem Binnenmarkt - sah ihre Regierung nicht auch Vorteile darin, enger zusammenarbeiten?

Moore: Thatcher wollte einen freien Markt, keine europäische Einigung. Vielleicht hat sie zu spät erst gemerkt, dass durch den Markt die Macht der europäischen Institutionen wuchs, der Kommission und des Europäischen Gerichtshofs. Es war kein wirklich freier Markt, sondern ein zunehmend streng reguliertes System. Ein gewaltiger Machttransfer von London nach Brüssel. Später sagte Thatcher, der Binnenmarkt ging schief.

SPIEGEL ONLINE: Sie fühlte sich nie sehr wohl in Brüssel, oder?

Moore: Sie verabscheute diese Dinner, bei denen Staatschefs Wein tranken und Smalltalk hielten. Das Wort "Anekdote" benutzte sie als Verb, wenn sie über ihre europäischen Amtskollegen sprach: "Da hocken sie mal wieder und anekdotieren herum." Einmal, bei einem EU-Gipfel, sah sie die Außenminister bei Drinks zusammensitzen. Sie hätten aus Thatchers Sicht arbeiten sollen. Sie wurde richtig wütend und rief: "Schaut euch die an! Und denen haben wir im Krieg den Hals gerettet."

SPIEGEL ONLINE: 1984 verhandelte Thatcher einen Rabatt zum EU-Beitrag. Warum war sie so besessen vom Feilschen?

Moore: Damals litt Großbritannien wirtschaftlich noch sehr, das ist ein Teil der Erklärung. Viel wichtiger ist aber, dass die öffentliche Meinung nie warm geworden ist mit der Idee eines einheitlichen europäischen Gebildes. Die EU ist in diesem Land keine Religion. Wir haben eine Sicht auf die Gemeinschaft, die an Kosten und Nutzen orientiert ist. Die Frage ist: Profitieren wir davon oder nicht? Das ist in der Brexit-Debatte heute wirklich zentral. David Cameron kann seinem Volk nicht sagen: Die EU ist wunderbar. Er muss stattdessen die Leute davon überzeugen, dass das Land einen Nutzen von der Mitgliedschaft hat.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Kontinent ist Thatcher vor allem als wütende, kühle Lady in Erinnerung geblieben, die rief: "Ich will mein Geld zurück!" Was machte sie so zornig?

Moore: Die EU war für sie der Versuch, Macht von Großbritannien abzusaugen. Sie wurde rasend, als der damalige Kommissionschef Jaques Delors 1988 nach England reiste, um vor Gewerkschaftern den britischen Arbeitern mehr Sicherheit und Schutz zu versprechen. Thatcher hielt das für Sozialismus. In ihrer Brüsseler Rede kurz danach sagte sie: "Wir haben nicht erfolgreich zu Hause die Grenzen des Staates zurückgedrängt, um dabei zuzusehen, wie auf europäischer Ebene ein Superstaat errichtet wird." Thatcher fürchtete die EU auch innenpolitisch, weil sie Labour einen Vorteil versprach.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark beeinflusst die Debatte von damals die Tories heute?

Moore: Als wir Anfang der Neunzigerjahre beschlossen, am Euro nicht teilzunehmen, kollabierte die Liebe der Konservativen zur EU. Thatcher wurde 1990 von ihrer Partei zum Rücktritt gedrängt. Sie stürzte über Europa - noch ein Grund für die Feindseligkeit vieler in ihrer Partei gegenüber Brüssel. Etliche Tories denken bis heute, dass die Proeuropäer ihre geliebte Premierministerin zugrunde richteten.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
syracusa 23.06.2016
1. Perversion des Liberalismus
Wer freien Handel fordert und möglichst die ganze Welt zu einer Freihandelszone einrichten will, aber dabei die grenzenlose Mobilität auf Waren und Kapital begrenzen will, der will keine Freiheit, sondern will das Recht des Stärkeren. Wenn Waren und Kapital die Grenzen frei passieren dürfen, dann muss das zwingend auch für die Arbeitskraft gelten, die hinter den ins Ausland gewanderten Arbeitsplätzen herwandern will. Ohne Freizügigkeit für Arbeitskräfte darf es keine Freizügigkeit für Waren und Kapital geben. Alles andere wäre eine Perversion des Liberalismus.
10tel 23.06.2016
2.
Zitat von syracusaWer freien Handel fordert und möglichst die ganze Welt zu einer Freihandelszone einrichten will, aber dabei die grenzenlose Mobilität auf Waren und Kapital begrenzen will, der will keine Freiheit, sondern will das Recht des Stärkeren. Wenn Waren und Kapital die Grenzen frei passieren dürfen, dann muss das zwingend auch für die Arbeitskraft gelten, die hinter den ins Ausland gewanderten Arbeitsplätzen herwandern will. Ohne Freizügigkeit für Arbeitskräfte darf es keine Freizügigkeit für Waren und Kapital geben. Alles andere wäre eine Perversion des Liberalismus.
Die Arbeitskraft kann nicht den globalen Wegen des Kapitals folgen. Eine Freizügigkeit für die Arbeitskräfte ist nicht der richtige Weg. Menschen haben eine Heimat, soziale Bindungen, Eltern und Großeltern usw usf.
joG 23.06.2016
3. Die Conservatives....
.......sind skeptisch geworden, als sie den Lissabonner und Masstrichter Verträge oder die Abkommen von Dublin und den Schengenvertrag verinnerlicht hatten, wussten sie, dass es mit der EU nicht nur schlecht, sondern in die falsche Richtung lief. Es lief opt-out falsch.
gustavsche 23.06.2016
4.
Zitat von syracusaWer freien Handel fordert und möglichst die ganze Welt zu einer Freihandelszone einrichten will, aber dabei die grenzenlose Mobilität auf Waren und Kapital begrenzen will, der will keine Freiheit, sondern will das Recht des Stärkeren. Wenn Waren und Kapital die Grenzen frei passieren dürfen, dann muss das zwingend auch für die Arbeitskraft gelten, die hinter den ins Ausland gewanderten Arbeitsplätzen herwandern will. Ohne Freizügigkeit für Arbeitskräfte darf es keine Freizügigkeit für Waren und Kapital geben. Alles andere wäre eine Perversion des Liberalismus.
Das ist völliger Unfug. Waren und Kapital vagabundieren nunmal nicht über Grenzen und richten auch keine Verbrechen an. Menschen sind dazu in der Lage. Deswegen eine bedingungslose Freizügigkeit bei der Zuwanderung genauso zu fordern wie es bei Kapital und Waren eher der Fall ist, ist ziemlich verwegen. Außerdem ist Großbritannien ein Zuwandererland. Dort kann man sich legal niederlassen. Man muss sich nur an die Reglen halten.
syracusa 23.06.2016
5.
Zitat von 10telDie Arbeitskraft kann nicht den globalen Wegen des Kapitals folgen. Eine Freizügigkeit für die Arbeitskräfte ist nicht der richtige Weg. Menschen haben eine Heimat, soziale Bindungen, Eltern und Großeltern usw usf.
Von sozialen Bindungen kann man nicht leben. Wessen Arbeit wg der Freizügigkeit von Waren und Kapital ins Ausland verzogen ist, der muss zwingend das Recht haben, seiner Arbeit hinterherzuwandern. Freizügigkeit ist ein Recht und keine Pflicht. Ihr Einwand stellt zwar eine Tatsache korrekt dar, aber sie ziehen daraus die falsche Schlussfolgerung. Die Alternative zur Freizügigkeit von Arbeitnehmern besteht ja darin, ihnen die Freizügigkeit zu verwehren. Wer die Freizügigkeit für Arbeitskräfte ablehnt, der muss zwingend auch die Freizügigkeit für Kapital und Waren ablehnen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.
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