Waffen und Komplizen Vier offene Fragen zu den Attentätern von Paris

Die Terroristen sind tot, eine mutmaßliche Komplizin hat sich nach Syrien abgesetzt. Eine Woche nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" sind vier zentrale Fragen aber immer noch unbeantwortet. Der Überblick.
Vieles ist noch unklar: Ermittler vor der Redaktion von "Charlie Hebdo"

Vieles ist noch unklar: Ermittler vor der Redaktion von "Charlie Hebdo"

Foto: Francois Mori/ AP/dpa

1. Wie eng haben die Attentäter zusammengearbeitet?

Die Kouachi-Brüder haben in der Redaktion von "Charlie Hebdo" gemordet, Amedy Coulibaly tötete vier Menschen in einem jüdischen Supermarkt - und die Täter kannten sich offenbar gut. Vor den Anschlägen standen die Handys der Partnerinnen von Coulibaly und von Chérif Kouachi täglich in Verbindung: Ob die Frauen miteinander telefonierten oder ihre Männer, ist bisher nicht klar. Coulibaly behauptet, er habe sich mit den Brüdern "synchronisiert": Einen Tag nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" begann er seine Attentatsserie. Doch die Brüder Kouachi haben Coulibaly in ihren Telefonaten mit Journalisten während ihrer Geiselnahme nicht erwähnt. Waren sie nicht auf dem Laufenden über seine gleichzeitig ablaufenden Taten? Seltsam ist auch, dass sich die Attentäter zu rivalisierenden Terrororganisationen bekannten: Die Kouachis beriefen sich auf al-Qaida im Jemen (AQAP), Coulibaly auf den "Islamischen Staat" (IS).

2. Gibt es Hintermänner?

Wahrscheinlich besuchten beide Kouachis im Jahr 2011 ein Trainingslager von al-Qaida im Jemen. Doch standen sie auch zuletzt noch immer mit AQAP in engem Kontakt? Im Gespräch mit einem französischen Fernsehsender bezog sich Chérif Kouachi auf den amerikanisch-jemenitischen AQAP-Ideologen Anwar al-Awlaki. Allerdings ist Awlaki schon lange tot: Er wurde im September 2011 getötet, nach dem mutmaßlichen Jemen-Aufenthalt der Kouachis. AQAP hat zwar die Tat der Brüder für sich reklamiert, aber es fehlt noch immer das für al-Qaida übliche Bekennervideo, in dem sich die Brüder zu Wort melden.

Unklar bleibt, ob AQAP den Brüdern direkt den Auftrag erteilte oder ob diese möglicherweise von sich aus "im Sinne der Gruppe" handelten - schließlich hatte AQAP öffentlich zur Ermordung des "Charlie Hebdo"-Herausgebers aufgerufen. Der Attentäter Coulibaly bezog sich auf den Qaida-Rivalen "Islamischer Staat", jedoch gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass er tatsächlich mit der Gruppe zusammenarbeitete.

3. Wer sind die Komplizen?

Frankreichs Behörden stehen hier noch immer vor vielen offenen Fragen. Wer hat Coulibaly zum jüdischen Supermarkt gefahren? Wohin ist sein Auto verschwunden? Hat jemand die Brüder Kouachi zu "Charlie Hebdo" begleitet und ist dann verschwunden?

Bisher sind die meisten möglichen Komplizen der Polizei entwischt:

  • Coulibalys Freundin, Hayat Boumeddiene, deren Auto er verwendete, ist einen Tag nach den "Charlie Hebdo"-Attentaten nach Syrien gereist. Bereits am 2. Januar hatte sie Frankreich verlassen.
  • Mehrere französische Medien berichten, dass mindestens ein weiterer Mittäter identifiziert wurde. "Le Parisien" schreibt , es handele sich um einen Freund Coulibalys, einen jungen, polizeibekannten Mann "europäischen Aussehens", der aus dem berüchtigten Pariser Vorort Seine-Saint-Denis stamme. Ein "typisches Dschihadisten-Profil" habe er nicht, schreibt "Libération" . Doch auch dieser Mann soll sich bereits nach Syrien abgesetzt haben.

Frankreichs Polizei wehrt sich gegen Spekulationen. "Es ist derzeit lächerlich, von einem 'vierten' oder 'fünften' Mann zu sprechen", sagten Ermittler der Zeitung "Libération". "Wir können nicht einmal ausschließen, dass es vielleicht ein Dutzend sind."

  • Chérif Kouachis Witwe wurde inzwischen wieder freigelassen, sie soll von der Tat nichts gewusst haben und war darüber schockiert.
  • In Bulgarien wurde Anfang der Woche ein Freund von Chérif Kouachi festgenommen. Er hatte Frankreich bereits am 30. Dezember verlassen. Ob er von den Anschlagsplänen wusste, ist bisher nicht bekannt.

4. Woher stammen die Waffen?

Die Brüder Kouachi und Amedy Coulibaly verfügten zusammen über ein beträchtliches Arsenal: mehrere Kalaschnikows und Pistolen, eine tragbare Panzerabwehrwaffe, Sprengstoff für zivile Zwecke, wie er beispielsweise im Bergbau verwendet wird, sowie Rauchgranaten.

Solche Waffen seien auf dem westeuropäischen Schwarzmarkt problemlos erhältlich, berichtet ein französischer Experte. Die Kosten werden zwischen 8.000 und 13.000 Euro beziffert. Haben sich die Kouachis und Coulibaly gemeinsam die Waffen beschafft oder unabhängig voneinander? Wer hat sie ihnen verkauft?

Im Fall Coulibaly führt eine mögliche Spur nach Brüssel. Es ist denkbar, dass die Attentäter die Waffen über einen längeren Zeitraum hinweg sammelten, über verschiedene Kanäle, um nicht aufzufallen. Woher hatten sie das Geld dafür? Coulibaly hatte im Dezember einen Kredit über 6.000 Euro aufgenommen. Wie sich die Kouachis die Waffen im Wert von mehreren Tausend Euro leisten konnten, ist bisher nicht bekannt.

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